Von Ulm nach Barmen
Meiser und Wurm beim »Ulmer Bekenntnistag« vor 75 Jahren
Ein Wendepunkt im Kirchenkampf während der Zeit des Nationalsozialismus, der den Weg zum Bekenntnis von Barmen im Mai 1934 ebnete: Vor 75 Jahren begingen Tausende bayerische und württembergische Christen den »Ulmer Bekenntnistag«.
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Stadt Ulm
 Von links: Pfarrer Wilhelm Oehler, Landesbischof Theophil Wurm, Landesbischof Hans Meiser und Ulms Dekan Theodor Kappus am 22. April 1934 vor dem sogenannten »Reformationsportal« (Nordostportal) des Ulmer Münsters. In Erinnerung an die 1531 in Ulm eingeführte Reformation hatte dieses Tor zur 400-Jahr-Feier 1931 ein Eisengitter mit den Jahreszahlen 1531 - 1931 erhalten.
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Auch Suse Hirzel saß an jenem 22. April 1934 im Ulmer Münster. 13 Jahre war sie damals alt. Die heute 88-Jährige erinnert sich an die dicht gefüllten Bankreihen, an Tausende von Menschen im Münster und daran, dass sich der damalige württembergische Landesbischof Theophil Wurm gegen Eingriffe des Reichsbischofs Ludwig Müller wandte und daraufhin beurlaubt wurde.
75 Jahre liegt ein Ereignis zurück, das als »Ulmer Erklärung« den Weg zur ersten Bekenntnissynode der deutschen evangelischen Kirche im Mai 1934 in Barmen bereitete.
Eigentlich war es Zufall, dass die erste öffentliche Kundgebung aller bekenntnistreuen Gruppen ausgerechnet in Ulm stattfand, doch im April 1934 hatte die Krise zwischen dem NS-Staat und der evangelischen Kirche einen Höhepunkt erreicht.
Wurms Treffen mit Meiser
Die Vorgeschichte: Innerhalb der in über 20 Landeskirchen zersplitterten evangelischen Kirche hatte sich schon um 1930 die »Glaubensbewegung Deutsche Christen« gebildet, die mit Unterstützung Adolf Hitlers die reichsweiten Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 gewann und die meisten wichtigen Kirchenämter besetzte. Lediglich die Bischöfe der Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover - den später so genannten »intakten Kirchen« gehörten nicht den Deutschen Christen (DC) an.
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sob
 Meisers mutiger Kollege: Landesbischof Theophil Wurm.
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Deren Ziel: Im Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie Schluss zu machen mit dem Alten Testament und seiner »jüdischen Lohnmoral« sowie um eine »Abwehr der Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie« des Paulus, wie man es auf Kundgebungen nannte. Auch in den deutschen evangelischen Kirchen sollte es nach Hitlers Machtübernahme zu einem »endgültigen Sieg des nordischen Geistes« kommen.
Nachdem die Deutschen Christen in der größten evangelischen Landeskirche, der Altpreußischen Union, den sogenannten Arierparagraphen für Kirchenämter eingeführt hatten, wurde im September 1933 der Pfarrernotbund gegründet. Er rief alle deutschen Pfarrer zum Protest gegen den »Arierparagraphen« und zur Hilfe für Betroffene auf. Bis Januar 1934 schloss sich ihm mit etwa 7000 Pfarrern ungefähr ein Drittel der evangelischen Pfarrerschaft im Deutschen Reich an.
Auch der württembergische Landesbischof Theophil Wurm (1868-1953) war Mitglied des Notbunds und entschloss sich bei einem Treffen mit seinem bayerischen Amtskollegen Hans Meiser am 18. April 1934 zu einer öffentlichen Kundgebung aller bekenntnistreuen Gruppen und Kirchen Deutschlands. Da Wurm ohnehin am 22. April in Ulm predigen sollte, einigte man sich auf das Ulmer Münster als Ort der Kundgebung. Ein zusätzlich praktischer Aspekt: Das Münster war groß genug, um die erwartete Menschenmenge zu fassen.
Denn trotz der Kurzfristigkeit fanden sich Tausende protestantischer Christen aus dem ganzen Reichsgebiet - vor allem aber aus Württemberg und Bayern - im Ulmer Münster ein.
Zeitzeugen wie Suse Hirzel erinnern sich, dass die ganze Gemeinde stand, als der bayerische Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) begann, die »Ulmer Erklärung« als »Kundgebung der bekennenden Deutschen Evangelischen Kirche« zu verlesen: »Um der dauernden Gefährdung des Bekenntnisses willen stellen wir uns (...) dar als eine Einheit, die durch die Kraft Gottes treu zum Bekenntnis zu stehen gedenkt, obschon wir damit rechnen müssen, dass uns dadurch viel Not erwachsen wird«, hieß es darin.
Nun war nicht mehr vom Notbund die Rede, der sich gegen die Übergriffe der DC-Reichskirche wehrte. Die Ulmer Kundgebung erhebt erstmals als »rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands« den Alleinvertretungsanspruch für eine Kirche, die sich am Glaubensbekenntnis und nicht an Zielen der Staatsgewalt orientiert. Nur fünf Wochen später formulierte die »rechtmäßige evangelische Kirche« in Barmen dieses Bekenntnis präzise und öffentlich: in der Barmer Theologischen Erklärung.
Choral vor dem Münster
Ulm steht damit auch am Anfang der Verfolgung und Sanktionen, denen zahlreich Mitglieder der »Bekennenden Kirche« in der Folgezeit ausgesetzt waren. Viele wurden ihrer Ämter enthoben, mit Rede- und Schreibverbot belegt oder in Konzentrationslagern interniert. Die Zerschlagung der »Bekennenden Kirche« wagten die Nationalsozialisten jedoch, vor allem aufgrund des großen Zuspruchs in der Bevölkerung, nicht.
Suse Hirzel erinnert sich auch, dass die Menschen nach dem Gottesdienst und der Verlesung der »Ulmer Erklärung« durch Landesbischof Meiser gingen die Menschen nicht gleich auseinandergingen, nach Hause oder zum Bahnhof zurückkehrten. Auf dem Münsterplatz warteten sie, bis die beiden Bischöfe aus der Kirche kamen, und dabei sangen sie: »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort...« |