»Du bist nicht feige, wenn du weinst«
US-Kriegesdienstverweigerer finden Hilfe bei Mennoniten in Deutschland
Mancher US-Soldat merkt erst im Krieg, dass er den falschen Beruf gewählt hat. Ihm hilft das Military Counseling Network, ein Projekt der Mennoniten in Deutschland.
Mich haben auf Patrouille dreimal Sprengstofffallen erwischt«, sagt der US-Soldat, »I personally struck three IEDs on patrols.« Dreimal hat er überlebt, er säße sonst nicht hier bei Tee und Donuts vom Aldi und könnte vom Krieg erzählen - dem letzten seines Lebens, wie er hofft, denn jetzt verweigert er den Kriegsdienst. Er nimmt noch einen Donut, schmeckt gut, versichert er, fast wie daheim in den USA.
Teestunde mit einem Amerikaner, der sechs Monate lang den Krieg erlebt hat, er war damals 19 Jahre alt. Von Nordbayern aus wurde seine Einheit Anfang 2008 in den Irak verlegt. »I witnessed the death of a father and a husband«, erzählt er, »ich habe gesehen, wie ein Kamerad starb, er war Vater und Ehemann und erst drei Wochen im Irak.« Der Kamerad starb bei einer Aufklärungsmission in einem Dorf, als ein vermintes Haus explodierte.
»Und ich habe den Tod eines unschuldigen Irakers miterlebt, er stieß mit einem US-Militärfahrzeug zusammen. Er blieb viel zu lange verletzt liegen, vielleicht ist er nur deswegen gestorben. Nach all dem sehe ich nicht, was vom Krieg Besseres kommen soll, als dass sich Menschen gegenseitig umbringen. Ich sehe nicht, wie das Töten irgendwelche Probleme in Richtung Weltverbesserung lösen kann.«
Nachdem seine Einheit nach Bayern zurückgekehrt war, reichte der Soldat bei seinem Sergeant einen Antrag als »conscientious objector« ein, als Kriegsdienstverweigerer - oder wörtlich übersetzt: als »ein aus Gewissensgründen Verweigernder«. Zurzeit gehen seine Unterlagen durch die Dienststellen. Binnen 90 Tagen, so sehen es die Regeln der US-Army vor, soll darüber entschieden werden. Aber vielleicht dauert es auch 9 bis 15 Monate, das zeigt die Erfahrung anderer Verweigerer.
Jedenfalls berichtet Daniel Hershberger im württembergischen Bammental von solchen Erfahrungen. Der 26-jährige Mennonit aus Ohio lebt zusammen mit seine Frau seit August 2008 in Deutschland, um C.O.s - das ist die gebräuchliche Abkürzung für conscientious objectors - zu beraten.
Mennoniten sind evangelische Christen, die nach Menno Simonszoon heißen, einem niederländisch-friesischen Theologen der Reformationszeit. Simonszoon erlebte das militante Täuferreich in Münster und dessen blutiges Ende. Er schwor für sich jeder Gewalt ab. Seine Anhänger, die Mennoniten, wanderten in großer Zahl nach Nordamerika und Russland aus - nicht zuletzt, weil sie wegen ihrer strikten Ablehnung des Kriegsdiensts immer wieder verfolgt wurden. Wie die Quäker und die Church of Brethren gelten sie heute als »historische Friedenskirche«.
Der christliche Pazifist Hershberger arbeitet im Bammental für das Military Counseling Network (MCN), einem Arbeitszweig des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees. MCN wurde 2003 gegründet, als der Irakkrieg bevorstand und absehbar war, dass Soldaten und Soldatinnen den Kriegsdienst verweigern würden.
Tatsächlich hat MCN in den fünf Jahren seiner Existenz einige Hundert Personen beraten und mehreren Dutzend den Ausstieg ermöglicht. Derzeit prominentester Name ist André Shepherd, ein Hubschraubermechaniker, der auf Anraten der Mennoniten Asyl in Deutschland beantragt hat. Er war der erste Beratungsfall, mit dem es Hershberger zu tun bekam.
MCN ist die einzige Initiative ihrer Art außerhalb der Vereinigten Staaten, sagt er, deshalb melden sich auch Ratsuchende aus Italien, Japan und sogar aus Korea in Bammental. Die deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK) hat dem Military Counseling Network im vorigen Jahr ihren Friedrich-Siegmund-Schultze-Preis verliehen, einen Förderpreis für vorbildliches Friedenshandeln.
Bei MCN heißt es, vielen Soldaten und Soldatinnen der US-Army sei ihr Recht auf Verweigerung unbekannt. Wer es kennt und in Anspruch nimmt, dem wird vermittelt, dass er sein Team im Stich lässt, gerade in höchster Lebensgefahr. Und wer als Verweigerer anerkannt werden will, muss glaubhaft machen, prinzipiell alle Kriege abzulehnen - auch den Zweiten Weltkrieg zur Befreiung Europas und auch den Unabhängigkeitskrieg zur Befreiung Nordamerikas von Europa.
Drei Sprengstofffallen, zwei Tote aus nächster Nähe - die Wucht des Erlebten vermittelt sich nicht so recht bei Tee und Donuts an einem milden Sonntagnachmittag in Süddeutschland. Die Verlobte des C.O.s - wegen des schwebenden Verfahrens will er seinen Namen nicht öffentlich nennen - legt nach und schildert die Irak-Monate aus ihrer Sicht:
»Wir haben jeden Tag, wann es nur möglich war, telefoniert, manchmal waren es drei Stunden am Tag, manchmal nur 20 Minuten. Wenn er irgendwo war, wo es keine Telefone gab, konnten wir nicht reden, aber jede Möglichkeit, die wir hatten, haben wir genutzt. Und ich hab ihm gesagt, du bist nicht verrückt, wenn du Angst hast, du bist auch nicht ein Feigling, wenn du weinst.«
Neben dem MCN war es vor allem diese Verlobte, eine Nürnbergerin aus Polen, die den C.O. unterstützte. Der jetzt 21-Jährige zitiert eine Gestalt aus seiner Kindheit, die kaum zehn Jahre zurückliegt: »Lass dein Gewissen dein Wegweiser sein, heißt es bei Pinocchio. Ich kann den Krieg nicht mehr unterstützten. Leute töten Leute, das ergibt keinen Sinn für mich.« |
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