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Dieser Artikel: Ausgabe 13/2009 vom 27.03.2009
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Morphium für das Gewissen der Kirche

Hans-Werner Jordan: Ein vergessenes Pfarrerschicksal aus dem Dritten Reich


Historische Reflexion entspringt in der Mediendemokratie des 21. Jahrhunderts fast immer dem Quell der Jahrestage. Doch 2008 hat die Landeskirche einen Jahrestag - ein 100. Geburtsjahr nämlich - verstreichen lassen, der aller Ehren der Erinnerung wert gewesen wäre. Nun fordert eine Eingabe an Landessynode und Landeskirchenrat eine posthume Würdigung von Pfarrer Hans-Werner Jordan (1908-1978), der als »Halbjude« schwer unter der Rassenpolitik des NS-Staats zu leiden hatte.

Wieweit sind wir als Christen mitverantwortlich?«: Pfarrer Hans-Werner Jordan.
Foto: Archiv Seiler
   Wieweit sind wir als Christen mitverantwortlich?«: Pfarrer Hans-Werner Jordan.

In zweifacher Hinsicht steht Jordan im Brennpunkt der kirchengeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich in Bayern. Als Enkel eines jüdischen Großelternpaares galt er nach den Kategorien der Nürnberger Rassegesetze als einer der wenigen bayerischen Pfarrer als »Mischling I. Grades« (»Halbjude«), stand unter der besonderen Beobachtung staatlicher Behörden und war gegen Kriegsende selbst akut verfolgungsgefährdet.

Trotz - oder wegen - dieser schwierigen persönlichen Konstellation bekam Jordan Ende 1938 die Leitung einer von zwei bayerischen »Hilfsstellen für nicht arische Christen« übertragen; die andere oblag dem Münchner Pfarrer Johannes Zwanzger.

In dieser Funktion versuchte Jordan, Christen jüdischer Abstammung zur Auswanderung zu verhelfen und sie damit vor dem Tod im KZ zu bewahren. In mindestens 61 Fällen ist ihm dies nachweislich gelungen. »Mithilfe des Büros Jordan und des Büros Zwanzger wurde insgesamt 126 evangelischen Christen jüdischer Herkunft das Leben gerettet.

Dies war zwar nur ein geringer Prozentsatz der Betroffenen, doch waren dies gerettete Leben«, heißt es in der Petition, die der Erlanger Gymnasiallehrer Matthias Seiler formuliert hat. Ihr zentrales Anliegen ist die Errichtung von Gedenktafeln an den Wirkungsstätten der einstigen Hilfsstellen in München und Nürnberg. Sowohl aus der Landessynode als auch aus dem Landeskirchenrat gibt es dafür inzwischen positive Signale.

Unterschrieben haben unter anderem Karl Heinz Fix von der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte in München, der Dachauer Pfarrer Björn Mensing, Eckart Dietzfelbinger vom Doku-Zentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und Andrea Schwarz, Leiterin des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg.

Jordan selbst hat aus den Erfahrungen seiner Arbeit in der Hilfsstelle die zentrale Frage formuliert, die auch unser Unverständnis gegenüber dem amtskirchlichen Handeln in jener Zeit bestimmt: »Wieweit sind wir als Christen an dem allen mitverantwortlich?«

Mit dieser Frage trat er im März 1939 Landesbischof Hans Meiser gegenüber und forderte von ihm ein öffentliches Eintreten für die »nicht arischen Christen«, denen noch das Entsetzen über die Reichspogromnacht wenige Monate zuvor in den Gliedern saß.

Meiser tat Jordan den Gefallen nicht, im Gegenteil: Einige Wochen später unterschrieb er eine kirchliche Erklärung, die »im Bereich des völkischen Lebens eine ernste und verantwortungsbewusste Rassenpolitik zur Reinerhaltung unseres Volkes« verlangte und vom Kirchenvolk forderte, sich »mit voller Hingabe in das völkisch-politische Aufbauwerk des Führers einzufügen«.

Ein Aufbauwerk, dem schon im Jahr darauf Jordans Vater, 1942 dann seine Tante zum Opfer fielen, ein Aufbauwerk, das Jordan selbst die schon sicher geglaubte Auswanderung in die USA im letzten Moment verwehrte und ihn vor allem gegen Kriegsende mit Deportation in ein NS-Lager bedrohte.

Ein biografischer Beitrag über Jordan, den Matthias Seiler schon vor drei Jahren publiziert hat, stellt die Arbeit der landeskirchlichen Hilfsstelle in kein gutes Licht. Gewiss, die Kirche verhalf mit den Außenstellen des Berliner »Büros Grüber« einer Reihe von bedrohten Menschen zur Ausreise. Doch bei näherem Hinsehen entpuppte sich die Arbeit als bloßes »Morphium für das Gewissen der Kirche«, wie Jordan seine Arbeit selbst empfand und gegenüber Meiser formulierte.

Der Landeskirchenrat übertrug Jordan die Leitung der Stelle nämlich gegen dessen ausdrücklichen Willen, denn Jordan hatte vorab erkannt, dass ein von den »Nürnberger Gesetzen« unbelasteter Pfarrer in dem neuen Amt wesentlich freier hätte agieren können.

Den Nürnberger Pfarrer Karl Nagengast, der in privater Initiative bereits vergleichbare Hilfsdienste leistete, bootete die Landeskirche aus, ohne ihn überhaupt anzuhören. Kompetenzen und organisatorische Fragen blieben lange ungeklärt. Kreisdekan Julius Schieder wies Jordan bei dessen Antrittsbesuch an, auf keinen Fall seine Pfarreskollegen zu besuchen.

Die Eröffnung der Hilfsstelle war daher wohl nicht zuletzt ein taktisches Manöver: Sie diente als moralisches Feigenblatt und half, den nicht den braunen Rassenvorgaben entsprechenden Pfarrer, den man auf seiner Pfarrstelle im schwäbischen Steinheim als nicht mehr haltbar ansah, aus dem Verkehr zu ziehen.

»Im Landeskirchenrat fehlte eine generelle Identifikation mit dem Schicksal der Verfolgten«, resümiert Seiler. Nach den Festellungen Axel Töllners in seiner Dissertation über die bayerischen Pfarrfamilien mit jüdischen Vorfahren erfuhr Zwanzger in seiner Münchner Hilfsstelle eine wesentlich intensivere Unterstützung seitens der Landeskirche.

Mit einem fünfköpfigen Helferkreis tat Jordan von der Unteren Talgasse in Nürnberg aus sein Möglichstes, wurde aber immer wieder »Zeuge der tiefen Verzweiflung verfolgter Menschen« (Seiler), eine Verzweiflung, die nicht selten in den Selbstmorden der Betroffenen gipfelte.

Nach dem Emigrationsverbot im Oktober 1941 und den einsetzenden Deportationen in die Vernichtungslager hatte sich die Arbeit der Hilfsstelle erübrigt. Jordan selbst überlebte das NS-Regime dank der Unterstützung seiner Pflegemutter, musste aber nach Kriegsende vier Jahre warten, bis ihm der Landeskirchenrat eine Pfarrstelle übertrug. Nach langjähriger Tätigkeit in Bamberg starb er dort 1978.

 

  Matthias Seiler: Tritt ein für die Schwachen! Hans Werner Jordan. Ein Pfarrer jüdischer Herkunft im Einsatz für »nicht arische« Christen während des Dritten Reichs. In: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 74 (2005), S. 200-232.

 

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Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Thomas Greif

 


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abgerufen 09.02.2012 - 01:27 Uhr

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