»Wir sind kein Tribunal«
Interview mit Antje Vollmer zum runden Tisch zur Heimerziehung
Das Schicksal ehemaliger Heimkinder hat in den letzten Jahren Deutschland bewegt. Betroffene berichten von Zwangsarbeit und Misshandlungen, Medien griffen ihre Darstellungen auf. Nicht viel geschah. Jetzt wurde im Deutschen Bundestag ein runder Tisch zur Situation der ehemaligen Heimkinder eingerichtet. In dieser Woche nahm er unter Leitung der ehemaligen Bun-destagsvizepräsidentin Antje Vollmer seine Arbeit auf.
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 Sitzen nun am runden Tisch, der das dunkle Kapitel der Heimerziehung im Nachkriegsdeutschland aufhellen soll: die ehemaligen Heimkinder Hans-Siegfried Wiegand und Sonja Djurovic neben der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, die die Kommission moderiert.
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Frau Vollmer, mit welchem Ziel hat der runde Tisch für die ehemaligen Heimkinder seine Arbeit aufgenommen?
Vollmer: Unser runder Tisch ist etwas völlig Neues: Wir sind kein Tribunal, das ein Urteil finden soll, und keine Enquete-Kommission, die der Bundesregierung verbindliche Aufträge geben kann. Bei uns sollen alle an der Wahrheitsfindung beteiligt und zum Suchen einer Lösung mit verpflichtet werden. Und am Ende steht dann hoffentlich ein Konsens in der Bewertung der Heimerziehung in den 50er- bis 70er-Jahren, auf den sich alle Beteiligten einlassen können.
Dennoch stehen auch Forderungen nach Entschädigung im Raum?
Vollmer: Wir haben uns auf die Formel geeinigt, das zunächst einmal nicht auszuschließen, aber auch nicht zuzusagen. Uns geht es um die Aufarbeitung der Vergangenheit - wenn man da als Erstes mit Entschädigungen anfängt, gibt es gleich Blockaden, und es kann sein, dass man am Ende nicht zu einem von allen getragenen Ergebnis kommt.
Waren denn alle Kinderheime in den 50er- und 60er- Jahre Orte von Menschenrechtsverletzungen?
Vollmer: Darüber möchte ich zu Beginn unserer Arbeit eigentlich noch keine sichere Aussage treffen. Nur so viel: Es scheint einen erschreckenden gesellschaftlichen Konsens gegeben zu haben, Kinder, die oft nur ein wenig mit den gesellschaftlichen Normen in Konflikt geraten waren, in geschlossene Systeme von Jugendamt, Heimträgern und Gerichten zu geben, wo sie oft ein traumatisches Schicksal erlitten haben. Und was wir schon jetzt sicher sagen können, ist, dass das keine Einzelfälle waren. Deswegen ist es wichtig, dass neben den Heimkindern und den Nachfolgern der Trägerorganisationen auch Vertreter der Gerichte und der Jugendämter mit am runden Tisch sitzen.
Wie bewältigen Sie denn die beim runden Tisch aufkommenden Emotionen?
Vollmer: Ich hoffe auf Verständnis und Mitgefühl aller Beteiligten und setze auf das Bemühen, die Dinge richtig in ihrem Zusammenhang zu sehen. Es gibt natürlich viele Vorurteile, auf allen Seiten. So etwas müssen wir genauso abbauen, wie wir das Leid der damals Betroffenen nicht übersehen dürfen. | HEIMKINDER
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