Zwangsarbeit im Kinderheim
Ein runder Tisch beschäftigt sich mit dem Schicksal von Heimkindern in der Nachkriegszeit. Wie war es in Bayern?
Wie müssen wir Heutigen uns die Heimerziehung in den 50er- und 60er-Jahren vorstellen? War die »Schwester Rabiata«, die aus christlicher Überzeugung ein gestrenges Regiment führte, in kirchlichen Heimen der Normalfall? »Pädagogische Entgleisungen« gab es, sagen auch Leute der Kirche, Betroffene aber sprechen von Freiheitsentzug, Demütigung, gar Misshandlung, was ihnen widerfuhr: Mehr als eine halbe Million Kinder sollen - wie das Buch mit dem bezeichnenden Titel »Schläge im Namen des Herrn« aufgedeckt hat - in westdeutschen Heimen, kirchlichen wie staatlichen, unter teils menschenunwürdigen Bedingungen gelebt haben. Jetzt soll ein runder Tisch im Bundestag das Geschehen aufarbeiten.
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 Hat keine schöne Erinnerung an das, was ihm als Heimkind in den 60er-Jahren angetan wurde: Hans-Siegfried Wiegand, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder.
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Sie war eben ein Heimkind! Sonja Djurovic, heute 59 Jahre alt, lebte, wie sie es selbst empfand, immer mit einem Makel: »Mein ganzes Leben lang habe ich mich geschämt, weil ich dachte, ich selbst sei schuld an dem Leid, das mir zugefügt wurde.« Jetzt, da sie neben der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin und Grünen-Politikerin Antje Vollmer sitzt, ist es wie eine Befreiung und eine Überwindung des Makels, wenn sie von damals erzählt, die Zustände öffentlich macht am runden Tisch im Bundestag. Sonja Djurovic spricht von Zwangsarbeit und »moderner Sklaverei«, was sie zwischen 1964 und 1968 in einem evangelischen Heim erlebte. »Wir wurden gequält, tagein, tagaus.« Sechs Tage in der Woche eingesperrt, nähte sie Damenkleidung - und zwar im Akkord, schon als 15-jähriges Mädchen. Die jungen Schneiderinnen erhielten für ihre Tätigkeit 15 Mark Taschengeld im Monat. Doch zum Ausgeben blieb nicht viel: Shampoo und Seife mussten sie davon selbst kaufen - und zwar im Heim.
»Bei der Arbeit durften wir nicht reden«, erinnert sich Sonja Djurovic. Redeverbot galt auch beim Essen, andernfalls musste man vor die Tür und blieb hungrig! Briefe wurden zensiert, Radiohören war verboten, Rockmusik galt als »dämonisch«. Selbst bei den wenigen erlaubten Fernsehsendungen durfte nicht gesprochen werden, und die Mädchen tauschten sich über Zettel aus. Wer das Redeverbot brach, musste zur Strafe eine Zeit lang einfach zusammengeflickte Hauskleider tragen, in denen man »wie eine Vogelscheuche« aussah. Nur sonntags, zum Kirchgang, durften die Mädchen raus, aber »schön artig, in Zweierreihen und im Gänsemarsch«.
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Karlshöhe Ludwigsburg
 Was in den Kinderheimen der Nachkriegszeit geschah, ist ein dunkles, immer noch weitgehend unbekanntes Kapitel der Prügelpädogogik der 50er- und 60er-Jahre. Ein runder Tisch soll die »pädagogischen Entgleisungen« aufklären. Das Foto zeigt eine Szene aus den 50er-Jahren in einem Heim des Diakoniewerks Karlshöhe in Ludwigsburg, wo sich eine Initiative ehemaliger Heimkinder gebildet hat.
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Was dann Sonja Djurovic erzählt, lässt einem den Atem stocken, so unglaublich klingt es: Immer wieder hätten die jungen Schneiderinnen, damit sie aus diesem Heimgefängnis wenigstens ins Krankenhaus gelangen konnten - oder weil sie Selbstmord begehen wollten? - Stecknadeln geschluckt! Aber die Diakonissen wussten ein probates Gegenmittel: Sauerkraut zum Abführen mussten die Mädchen essen, und also blieben sie eingesperrt im Heim.
Horrorgeschichten aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Einzelfälle? Oder waren dies Missstände mit System? Zwischen 1945 und den 70er-Jahren lebten mehrere Hunderttausend Kinder und Jugendliche in Waisenheimen und Erziehungsanstalten der Bundesrepublik. Die Mehrzahl der Heime, schätzungsweise drei Viertel, wurde von Ordensgemeinschaften, der Caritas und der Diakonie geführt.
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Karlshöhe Ludwigsburg
 Im Waschraum des Diakoniewerks Karlshöhe.
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Der Spiegel-Journalist Peter Wensierski hat bereits 2006 mit seinem Buch »Schläge im Namen des Herrn« das Unrecht gegenüber Heimkindern in der frühen Bundesrepublik öffentlich gemacht. Viele Kinder und Jugendliche erlitten brutale Erziehungsmethoden: Arbeitszwang, Prügel, Demütigungen, auch sexuelle Übergriffe und Misshandlungen standen quasi auf der Tagesordung vieler Heime. Die ehemaligen Heimkinder brachen erst vor wenigen Jahren ihr Schweigen und organisierten sich in Selbsthilfevereinen, schließlich im »Verein der ehemaligen Heimkinder«. Auf Initiative von Wensierski reichten sie eine Petition beim Deutschen Bundestag ein und forderten Entschädigungen. Der Petitionsausschuss wiederum setzte zur Aufarbeitung des Geschehens einen »runden Tisch« unter Leitung der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer ein, an dem Vertreter der Heimkinder ebenso wie Vertreter ehemaliger Heimträger und der für die damalige Heimerziehung verantwortlichen Bundesländer und Kommunen teilnehmen.
Sind bayerische Einrichtungen betroffen?
»Der runde Tisch ist kein Tribunal, eher eine Wahrheitskommission«, sagte Antje Vollmer (siehe Interview). »Uns geht es um Entschuldigung, Versöhnung und darum, dass wir am Ende einen Konsens haben.« In den nächsten zwei Jahren soll der runde Tisch alle zwei Monate tagen und bis 2010 einen Abschlussbericht vorlegen. Aus Bayern nimmt Jörg Kruttschnitt, Diakonisches Werk Bayern, am runden Tisch teil. Auch Vertreter der ehemaligen Heimbetreiber begrüßen dieses Vorgehen: »Der runde Tisch bietet eine Möglichkeit, nach Wegen zu suchen, wie Aufklärung geleistet werden kann«, sagte Hans-Ulrich Anke, Vizepräsident des Kirchenamts der EKD. »Heute bedauern wir es zutiefst, und es tut uns unendlich leid, dass es auch in Einrichtungen der Diakonie zu Menschenrechtsverletzungen gekommen ist.«
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 Auch in bayerischen Einrichtungen wurden Bettnässer über den »Prügelbock« gezogen.
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Sind auch bayerische Einrichtungen betroffen? Die Innere Mission München will von sich aus die Geschichte ihrer Heime nach Kriegsende untersuchen und aufklären und hatte bereits vor drei Jahren einen öffentlichen Aufruf gestartet, um mögliche Betroffene zu finden: »Heimkinder gesucht«. Wie Klaus Honigschnabel, Pressesprecher, dem Sonntagsblatt mitteilte, hätten sich etwa 30 ehemalige Heimkinder gemeldet. Ihre Erfahrungen seien, so Honigschnabel, »durchmischt«: Die einen sagten im Rückblick, jeder Tag in einem Heim sei ein Tag zu viel gewesen, erinnerten sich mit Schaudern vor allem an die regelmäßigen Prügelstafen (etwa als einmal eine Bettnässerin zur Strafe »über den Prügelbock gezogen« wurde). Andere wiederum erinnerten sich, wie liebevoll die »Tanten« mit ihren »Schutzbefohlenen« umgegangen seien.
Für Honigschnabel steht fest: »Die Heime und ihre Erziehungsmethoden spiegeln den Zeitgeist wider, der im Nachkriegsdeutschland herrschte.« Und dazu gehörten repressive Erziehungsmethoden bis hin zu drakonischen Prügelstrafen. 1956 hatte das bayerische Kultusministerium für die Schulen den Rohrstock ausdrücklich als ein »auch in Zukunft erlaubtes Erziehungsmittel« dekretiert. Erst 1980 wurde die Prügelstrafe auch in Bayern offiziell abgeschafft.
Bei den beiden großen diakonischen Trägern Neuendettelsau und Rummelsberg, die beide Jugendhilfeeinrichtungen in der Nachkriegszeit unterhielten, hat sich bisher, nach Auskunft von deren Sprechern, noch kein ehemaliges Heimkind gemeldet. Es liegt dem Archiv der Diakonie Neuendettelsau lediglich ein Schreiben einer ehemaligen »Hilfsschülerin«, so die frühere Bezeichnung, vor, die über das Zusammenleben in der Gemeinschaft des damaligen Heilerziehungsheims Neuendettelsau berichtet. Darin ist von den damals üblichen »Höhen und Tiefen aus dem Leben eines Heimkindes« die Rede, jedoch nicht von Misshandlungen.
Wo aber lebte nun Sonja Djurovic, die von einem Heim in Franken sprach? Sie lebte im Mädchenheim »Ruth«, das das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe in Neuenmarkt-Wirsberg in Oberfranken führte (heute wird es nicht mehr als Mädchenheim betrieben). Sonja Djurovic hat von sich aus auch schon Kontakt mit der Einrichtung gesucht. Der Rektor der Hensoltshöhe, Eberhard Hahn, der seit letztem Jahr im Amt ist, entschuldigte sich in einem persönlichen Gespräch bei Sonja Djurovic für das ihr in diesem Heim widerfahrene Unrecht. Jetzt geht es darum, das Geschehene auch möglichst aktenkundig zu machen. Man sucht Unterlagen, die die Erziehungs- und in diesem Falle auch Arbeitsmethoden der damaligen Zeit dokumentieren.
»Ich bin hier nicht als Bittstellerin, sondern ich verlange im Namen aller ehemaligen Heimkinder eine angemessene Entschädigung als Wiedergutmachung für das an uns begangene Unrecht!«, sagte Sonja Djurovic letzte Woche am runden Tisch im Bundestag. Hans-Siegfried Wiegand, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder, erwartet nun »zwei äußerst spannende Jahre am runden Tisch«.
Das hatte Wichern nicht gewollt
»Die Kirchen müssen sich entschuldigen, wir Opfer wollen vor allem Genugtuung«, fordert ein Sprecher des Vereins. Die Kirchen müssten das Geschehene aufarbeiten, den Opfern psychologische und therapeutische Hilfe bieten, aber auch finanzielle Entschädigung gewähren. Auch finanziell machen sich die Jahre im Heim schmerzhaft bemerkbar. So ist in jedem konkreten Fall (also auch dem Sonja Durovics) zu klären, ob »Ehemalige« eine niedrige Rente bekommen, da die Heimbetreiber keine Sozialversicherungsbeiträge abführten, obwohl die Jugendlichen ja gearbeitet haben. - Für unsere Gesellschaft ist der runde Tisch schließlich deshalb von Belang, weil er uns vor Augen führt, welche brutale Pädagogik in der Nachkriegszeit gepflegt, nein: praktiziert und mit Gewalt den Kindern und jungen Leuten damals buchstäblich eingeprügelt wurde.
Für die Kirchen, seinerzeit die Träger in der Mehrheit der Einrichtungen, ist es wichtig herauszufinden, ob in den Heimen der Diakonie Kinder nur gelegentlich (was auch schon zu viel wäre) oder sozusagen systematisch geschlagen, unterdrückt, als Arbeitssklaven missbraucht wurden. Jedenfalls hätte man dann Diakonievater Johann Hinrich Wichern, der zehnmal mehr von Freiheit als von Strafe gesprochen hatte, gründlich missverstanden. Es heißt: Liebe statt Hiebe - und nicht umgekehrt. | HEIMKINDER
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