1934 - das Ende frommer Illusionen
Vor 75 Jahren begann in Bayern der Kirchenkampf
Das Jahr 1934 ging als Jahr des Kirchenkampfs in die Geschichtsbücher ein. Auch in Bayerns evangelischer Pfarrerschaft verflog vor 75 Jahren die euphorische Aufbruchstimmung nach Hitlers Machtergreifung. Das NS-Regime zeigte sein wahres Gesicht, und bei vielen frommen »Volksgenossen« zerplatzte der Traum von einem religiösen Aufbruch unter dem Hakenkreuz.
 Foto:
Archiv Bernd Mayer
 Kreuz und Hakenkreuz: eine Werbepostkarte für die Deutschen Christen mit der Wartburg als Motiv.
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Bereits Ende Juli 1933 hatten Manipulationen bei den reichsweit angeordneten Kirchenwahlen zu erheblichen Irritationen in vielen Gemeinden geführt. So hatte beispielsweise in Bayreuth die Kreisleitung der NSDAP im letzten Augenblick durchgesetzt, dass nur Parteigenossen auf den Wahllisten für die Kirchenvorstände stehen durften. Bei seinem Festspielbesuch im Juli 1933 bestellte Hitler die unzuverlässigen Kirchenführer aus München, Hannover und Oldenburg nach Bayreuth und warnte sie vor jeder Opposition.
Anpassung und Arrest
Die »Entkirchlichung« des Winterhilfswerks und die Zerschlagung der kirchlichen Jugendarbeit führten zu weiterer Verstimmung. Im Dezember 1933 hatte die Hitler-Jugend Oberfranken in ihrem amtlichen Organ »Grenzland Jugend« gedroht: »Ungeheuere Erbitterung und grenzenlose Wut herrscht in allen Gliederungen über den unerhörten Eigensinn der konfessionellen Jugendverbände ... Löst Euch auf. Tut ihr das heute und morgen nicht, dann werden wir übermorgen zugreifen.« Der Zugriff kam dann auch prompt.
Am 25. Januar 1934 fand der denkwürdige Empfang bekenntnistreuer Kirchenführer in Berlin statt, der mit einem peinlichen Unterwerfungsakt gegenüber Hitler und seinem völkischen Reichsbischof (»Reibi«) Ludwig Müller endete. Der bayerische Landesbischof Hans Meiser musste sich später bei seinem Rechtfertigungsversuch vor der Pfarrerschaft den heftigen Protest des jungen Vikars Karl Steinbauer anhören, der seinem Oberhirten Verrat vorwarf.
Doch im März 1934 rückte Meiser von seinem Anpassungskurs ab. Er wagte nun den offenen Konflikt mit dem Reichsbischof und den »Deutschen Christen«, die Luther in erster Linie »als Nationalsozialisten« (so die NS-Zeitung »Fränkisches Volk«) sahen. Am 13. März 1934 räumte der Landesbischof in einem Rundschreiben an die bayerische Pfarrerschaft ein: »Wir mussten einsehen, dass wir falsch gehandelt haben ...« Am 22. April 1934 verlas der Landesbischof im engen Schulterschluss mit der württembergischen Kirche im Ulmer Münster eine denkwürdige Erklärung, in der laut Kirchenchronist Claus-Jürgen Roepke »die Bekenntnisfront klar abgesteckt« wurde. Es folgte die Barmer Synode, die »mit Recht als die Stunde der Wahrheit« in die Geschichte des Kirchenkampfes einging.
Die Mehrzahl der bayerischen Pfarrer stellte sich hinter dieses Bekenntnis. Die Deutschen Christen standen indes in offener Rebellion gegen Meiser. In den Gemeinden machte sich ihr Einfluss in bedrückender Weise bemerkbar. So klagte beispielsweise der bekenntnistreue Bayreuther Stadtkirchenpfarrer Nikolaus Herttrich im Sommer 1934: »Die Kirchenvorstandssitzung ist zu einer großen Verteidigung der Deutschen Christen geworden. Ich habe mich elend geärgert.«
Demonstration für den Bischof
Nach monatelangem Kleinkrieg zwischen Bekenntnistreuen und Deutschen Christen erreichte der Kirchenkampf im Herbst 1934 mit der Verhaftung Meisers auf Betreiben von August Jäger, dem Reichswalter des »Reibi«, seinen dramatischen Höhepunkt. Es folgten heroische Szenen des Widerstands bis hin zur bewegenden Demonstration fränkischer Bauern, die zu Meisers Freilassung führte.
Der Kirchenkampf hatte in den protestantisch geprägten Städten Bayerns die Stimmung für die Nazis für einige Zeit gründlich verdorben. So findet sich in den Monatsberichten des Bayreuther Oberbürgermeisters »nach oben« immer wieder der Hinweis auf eine »starke Erregung« in der protestantischen Bevölkerung, die »zu ernsten Sorgen Anlass« gebe. Die anhaltenden Querelen verleideten Hitler schließlich sein Interesse an einer nationalen Reichskirche.
Zwanzig Jahre später, bei seinem Abschied vom Bischofsamt, sagte Meiser im März 1955 vor der Landessynode in Bayreuth: »Wenn die Kirche verfolgt wird, dann wächst sie, und wenn sie verleumdet wird, erscheint sie am klarsten.«
Diese Beobachtung trifft wohl auch auf Meiser selbst zu. Nachdem die Landeskirche aus den Turbulenzen des Kirchenkampfes intakt hervorgegangen war, geriet der Landesbischof wieder ins politische Zwielicht. |