Steinigung im Central Park
Der amerikanische Autor A.J. Jacobs hat die Bibel ein Jahr lang wortwörtlich genommen
Sein Bart wird immer länger, denn stutzen darf er ihn nicht. 3. Mose 19,27 verbietet es ausdrücklich! A.J. Jacobs, Buchautor und Journalist aus New York, hat eine ungewöhnliche Idee: Ein Jahr will er wortwörtlich nach der Bibel leben - und darüber ein Buch schreiben.
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Simon & Schuster / Collage: sob
 Schofar, Schlangen, Steinigung: Am Ende seines Jahrs mit der Bibel hatte A.J. Jacobs nicht nur einen prächtigen Vollbart, sondern war auch um viele Erfahrungen reicher.
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Am Schluss des Werks, das jetzt im Ullstein Verlag erschienen ist, kann man getrost sagen: Experiment geglückt, Patient lebt. Mehr noch: Autor und Leser haben eine Reise in die Welt der Bibel und des Glaubens hinter sich gebracht, »entwaffnend aufrichtig, erfrischend humorvoll - und mit unerwartet tiefen Einsichten erzählt«. So lautet jedenfalls das Urteil des evangelikalen US-Predigers Jim Wallis über Jacobs' Buch.
Dabei stammt der 40-jährige Autor, der mit bürgerlichem Namen Arnold Stephen Jacobs heißt, nach eigenen Worten aus einer »westlichen New Yorker Familie«. Obwohl er »von Haus aus« einer jüdischen Familie angehört, bezeichnet er sich als ebenso jüdisch »wie McDonald's ein Gourmettempel ist«.
Der Bart wächst und wächst
Ein ungewöhnliches Projekt also für einen, der sich selbst einen »liberalen Großstadt-Agnostiker« nennt. Auf dem Feld des Selbstversuchs brachte A.J. Jacobs dagegen einschlägige Vorkenntnisse mit: Für sein letztes Projekt hatte er alle 32 Bände und 75000 Artikel der Encyclopaedia Britannica gelesen. Ergebnis: der Bestseller »Britannica & ich: Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden«.
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New York Times
 Der Autor A.J. Jacobs: Leben nach den Regeln der Bibel in der modernen Großstadt.
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Jeder Monat des Bibel-Jahres beginnt mit einem Foto von Jacobs, auf dem man die Entwicklung seiner Bartlänge mitverfolgen kann. Jeder Tag des Experiments steht unter einem bestimmten Bibelwort, passend zum Alltag und zur Dramaturgie des Buchs ausgewählt. Drei Viertel der Texte hat er Erlebnissen mit dem Alten Testament gewidmet, dem Neuen Testament das letzte Viertel. Die Verteilung sei, schreibt er, seiner jüdischen Herkunft geschuldet.
Die Schwierigkeiten, nach den unzähligen Vorschriften, Geboten und Gesetzen gerade des Alten Testaments zu leben, lösen bei Jacobs und seinem aus mehreren Rabbinern und Theologen bestehenden Beraterkreis zahlreiche höchst amüsante Debatten aus.
Beispiel Menstruationsvorschriften: Bei seiner Ehefrau Julie, die das Projekt im Grunde verständnisvoll mittrug, eckt Jacobs einige Male gehörig an. Unter anderem, als er ihr versucht klar zu machen, dass er sie während ihrer Regelblutung aufgrund von 3. Mose 15,19 weder anfassen noch sich dort hinsetzen darf, wo sie während ihrer Menstruation Platz genommen hat. Als Jacobs eines Abends nach Hause kommt, erklärt ihm Julie, dass sie überall gesessen sei und alle Stühle »unrein« seien. Notgedrungen muss Jacobs auf der kleinen Holzbank seines zweijährigen Sohnes Platz nehmen.
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Simon & Schuster
 Sinai und Central Park: Jacobs' Buch lädt dazu ein, über die eigene Beziehung zu Gott, zur Schrift und zur Welt einmal völlig neu nachzudenken und dabei nichts für selbstverständlich zu nehmen.
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Im New Yorker Central Park widmet er sich der in 3. Mose 10,27 geforderten Todesstrafe für Ehebrecher (»Man soll sie steinigen«). Jacobs entscheidet sich für kleine Kieselsteine, schließlich schweige die Bibel über die Größe der zur Steinigung zu verwendenden Wurfgegenstände. Zufällig (»Wie sehen Sie denn aus?«) gerät Jacobs dann wegen seiner bibeltreuen Kleidung (Quasten, Sandalen, Ahorn-Spazierstock) in ein Gespräch mit einem sich selbst outenden Sünder. »Ich bin Ehebrecher«, sagt dieser unverblümt, reißt Jacobs die Kieselsteine aus der Hand und wirft sie auf ihn. Jacobs wirft einen Kieselstein zurück auf dessen Brust (»Auge um Auge«). Die Situation wäre beinahe eskaliert.
Jacobs geht es dennoch nicht um effekthascherische Aktionen. Er beschäftigt sich ausführlich mit der Exegese der Texte und besucht die biblischen Originalschauplätze in Israel, um dort unter anderem eine Schafherde zu hüten. Vorurteile und Klischees beiseite lassend, geht er dort hin, wo Menschen leben, die die Bibel wörtlich nehmen: Zu orthodoxen Juden und den Amischen in Pennsylvania, zu biblischen Kreationisten in Kentucky und Schlangenbeschwörern in den Apalachen. Die pfingstkirchliche Gruppe beruft sich auf Markus 16,18: »In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben...«
Zur Auswahl gezwungen
Wer meint, schon alles über die Bibel zu wissen, wird mit dem Buch Entdeckungen machen. Bis zu 800 biblische Vorschriften sind es, arbeitet Jacobs heraus, die gleichzeitig befolgt werden sollten. Dabei stößt der Autor an seine Grenzen. Er entscheidet sich, Prioritäten zu setzen. Und er stellt fest, dass auch alle anderen, die sich auf den Wortlaut der Bibel berufen, letztlich nichts anderes tun, ja tun können.
Die Frage nach dem »Gesetz«, den »guten Werken« und der Rechtfertigung des Menschen vor Gott ist das zentrale Thema der Reformation. Wie ist mit Gottes Wort und den Regeln der Heiligen Schrift umzugehen? Jacobs' kurioses und immer wieder komisches Experiment wirft ein Schlaglicht auf das Thema, das die Christenheit, aber auch die Schriftgläubigen überhaupt, Christen, Juden und Muslime anhaltend spaltet.
Für den deutschen Leser manchmal etwas zu penetrant sind Jacobs' Vergleiche mit US-amerikanischen Schauspielern, Serien, Filmen und Musik. Doch die Menschen, die er aufsucht, macht Jacobs niemals lächerlich. Er lässt sie sprechen und lässt was sie glauben meistens unkommentiert stehen. Er probiert die biblischen Gebote selbst aus. »Andersgläubigen«, also den Lesern, überlässt er es selbst, sich eine Meinung zu bilden.
Am Ende des Jahres ist aus dem Großstadt-Agnostiker zwar kein Gläubiger geworden, aber einer, der eine spirituelle Reise gemacht hat, der sich und Andersgläubigen mit mehr Respekt entgegentritt. Nun lädt sein Buch auch andere dazu ein, über die eigene Beziehung zu Gott, zur Schrift und zur Welt einmal völlig neu nachzudenken und dabei nichts für selbstverständlich zu nehmen.
A.J. Jacobs: »Die Bibel & ich - Von einem der auszog, das Buch der Bücher wortwörtlich zu nehmen«. Ullstein Verlag, 2008. 19,90 Euro, 392 Seiten. ISBN 978-3-550-08724-0.
| BUCHTIPP
A.J. Jacobs: »Die Bibel & ich - Von einem der auszog, das Buch der Bücher wortwörtlich zu nehmen«. Ullstein Verlag, 2008. 19,90 Euro, 392 Seiten. ISBN 978-3-550-08724-0.
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