So werden Kinder glücklich
Mit seinem neuen Buch zeigt Bestsellerautor Michael Winterhoff Auswege aus der Erziehungskrise
Hilflose Eltern, entnervte Lehrer, tyrannische Kinder: Der Psychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff erklärt in seinem Mitte Januar erschienenen neuen Buch, wie Familien aus der Sackgasse herausfinden: indem Eltern nicht länger versuchen, Partner ihrer Kinder zu sein. Schwierige Kinder, sagt er, sind nicht von Natur aus boshaft. Ihre Psyche bekommt keine Zeit zu reifen.
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Wodicka
 Es ist wichtig, Kindern ein klares Gegenüber zu sein. Das Geheimnis einer glücklichen Kindheit liegt darin, dass sich der Erwachsene als Erwachsener sieht und das Kind nicht als Partner, sondern als Kind betrachtet.
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Niklas besucht die erste Klasse der Grundschule. Doch anstatt fleißig zu lernen, mischt er die Klasse auf und hält Lehrerin und Mitschüler in Atem. Er folgt nicht den Anweisungen, schmeißt seinen Schulranzen demonstrativ durch die Gegend und schreit ständig ungefragt dazwischen, drängt sich vor. Und das ist für alle Beteiligten ein ganz normaler Schultag mit Niklas.
Niklas: Eine Ausnahmeerscheinung? Leider nein, sagt der Psychiater Michael Winterhoff: Kinder wie er sind immer häufiger zu beobachten im Familien- und Bekanntenkreis, in Kindergärten, Schulen, Beratungszentren, im Alltag. Von 25 Kindern einer Grundschulklasse seien heute noch zwei bis vier Kinder komplett unauffällig, alle anderen zeigen bereits Störungsbilder unterschiedlicher Form. Seiner Beobachtung nach sind heute immer weniger Kinder altersgerecht entwickelt, vielen Erstklässlern fehlt die Grundschulreife. Schuld dran sind nicht falsche Erziehungskonzepte, sondern eine fehlende psychische Reifung - weil viele Eltern ihre Kinder nicht Kind sein lassen, sondern als Partner betrachten und geliebt werden wollen.
Winterhoffs Beschreibung der psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen erschüttert. Sein erstes Buch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« (Gütersloher Verlagshaus 2008) rangiert auf Platz eins der meistverkauften Ratgeberbücher im Jahr 2008 und ist bereits in 7. Auflage erschienen. In seinem soeben erschienen zweiten Buch zeigt er Lösungswege aus der Erziehungskrise auf.
Dabei möchte der Autor nicht in die Kerbe der deutschen Privatsender schlagen, die mit ihren Super-Nannys und -Mammis außer Rand und Band geratene Kinder, kreischende, schreiende Eltern vorführen und zu dem Schluss verleiten: Unsere Kinder sind nur noch durch harte Erziehungsmaßnahmen auf den rechten Kurs zu bringen. Das Buch hat nicht den Anspruch, ein Erziehungsratgeber mit Tricks und Hilfen für gestresste Eltern und Pädagogen zu sein. Für den Psychiater ist diese gesellschaftlich bedrohliche Situation gerade kein in erster Linie pädagogisch lösbares Problem. Es ist ein Missverständnis um das Reifen der menschlichen Psyche. Eltern und Erzieher gehen immer noch davon aus, dass die Seele sich von allein, sozusagen nebenbei, entwickelt. Dies ist ein Trugschluss. Kinder müssen wieder als Kinder gesehen werden, sagt der Buchautor. Die Gesellschaft hingegen sei dazu übergegangen, sie uns als kleine Erwachsene ebenbürtig zu machen und damit restlos zu überfordern. Die Seele bekommt kaum die Chance, sich in gesunder Weise altersgerecht zu entfalten. Lassen wir die Entwicklung unreflektiert so weiterlaufen, sieht Winterhoff den Zusammenhalt der Gesellschaft in Gefahr.
Winterhoff sieht drei Fehlentwicklungen im Familiengefüge
In seiner Praxis beobachtet er zunehmend Kinder und Jugendliche, die in einer frühkindlichen psychischen Entwicklung feststecken. Körperliches und psychisches Alter klaffen weit auseinander. Der Grund dafür liege jedoch nicht in einer angeborenen Boshaftigkeit, sondern darin, dass Kinder ihr Verhalten psychisch gar nicht als falsch empfinden können. Die Schuld an Lernverweigerung, notorischer Unaufmerksamkeit und problematischem Sozialverhalten wird zudem von Eltern gern bei anderen gesucht. Sebastians Mutter etwa macht sich Gedanken, wie die Lernprobleme ihres Sohnes zu beheben sind. Die Verantwortung für die Schwierigkeiten sieht sie eindeutig bei den Lehrern. Eigentlich sei das Kind ganz anders, könne dies nur nicht zeigen. Sebastian habe keinen Spaß am Unterricht, deshalb könne er auch nicht beweisen, was er wirklich draufhat.
Winterhoff sieht im Wesentlichen drei Fehlentwicklungen im Familiengefüge, die ein psychisch gesundes Heranwachsen torpedieren können: Das erste ist eine zu frühe Vereinnahmung und damit Überforderung von Kindern als Partner der Eltern. Dahinter steht ein Freundschaftskonzept und ein starker Wunsch nach Harmonie. Kinder werden in diese Rolle geradezu hineingedrängt, mit dem Wunsch, aus ihnen schon möglichst früh eigenverantwortliche Persönlichkeiten erwachsen zu lassen. »Der Erwachsene sieht Kinder auf gleicher Ebene und unterliegt der Vorstellung, man könne bereits kleine Kinder über Erklären und Verstehen erziehen.« Nur fehlen ihnen sämtliche psychischen Eigenschaften dazu, beobachtet Winterhoff. »Der Schutzraum, den Kinder früher dadurch hatten, dass Eltern ihnen Entscheidungen abnahmen, die sie noch nicht treffen können, weil sie deren Tragweite nicht überblicken, ist vollkommen verloren gegangen.« Oft haben sie noch gar nicht gelernt, ihre Außenwelt und andere Menschen als Begrenzung ihres eigenen Ichs anzusehen. Folglich kommt es zu Distanzlosigkeit, egoistischem Verhalten, zu verbalen und handfesten Aggressionen. »Daraus resultierende endlose Diskussionen nehmen den Kindern jegliche Sicherheit im Umgang mit Erwachsenen.« Ein Auslöser dieser Fehlschaltung seien die Erziehungskonzepte der siebziger und achtziger Jahre, in denen Leiten und Führen in der Pädagogik höchst verdächtig war.
Als Beispiel erzählt Winterhoff eine Kindergartenszene in einer deutschen Stadt mittlerer Größe, morgens um acht Uhr, die meisten Kinder werden zu dieser Zeit von ihren Eltern gebracht. Sarah, dreieinhalb Jahre alt, kommt gemeinsam mit ihrer Mutter die Treppe zum Kindergarten herunter, allerdings stolpert sie die Stufen mehr hinab, als dass sie geht. Der Grund für die halsbrecherische Aktion ist relativ offensichtlich: Das Kind trägt instabile Schuhe, mit denen ein normaler Gang schon auf ebenem Untergrund schwierig ist. Auf einer Treppe ist eine Dreijährige damit definitiv überfordert. Die Kindergartenleiterin macht die Mutter darauf aufmerksam und fragt sie, warum das Kind ausgerechnet solche Schuhe trage. Sie verweist auf die Gefahr, dass Sarah sich auf diese Art und Weise auch verletzen könne. Antwort der sichtlich nervlich angeschlagenen Mutter: Es sei schließlich nicht ihre Entscheidung gewesen, diese Schuhe zu kaufen, Sarah habe beim Einkauf darauf bestanden und sich auch von besten Gegenargumenten nicht überzeugen lassen. Daraufhin habe sie die Schuhe eben gekauft. Auf den Hinweis der Gefährdung des Kindes durch die unangemessenen Treter sagt sie wortwörtlich: »Ich kann mich bei meiner Tochter halt nicht durchsetzen, sie ist ja so eine tolle, starke Persönlichkeit!«
Winterhoff betont, dass Kinder bereits mit dem Willen zu bestimmen auf die Welt kommen. Doch nur wenn sie erleben, dass sie nicht immer selbst bestimmen können, sondern erst die Mutter fragen müssen, können sie sich wirklich weiterentwickeln. »Wenn man ein fünfjähriges Kind als Kind und nicht als Partner sieht, sollte man sich beim Anziehen danebenstellen, es vielleicht die Farbe des Pullovers auswählen lassen, darüber hinaus aber als Erwachsener entscheiden, welche Kleidung das Kind trägt.«
Eine zweite Beziehungsstörung bildet die so genannte Projektion: Kinder werden zu Spiegelflächen ihrer Eltern. Im Kind und seinen schulischen Leistungen etwa sehen Eltern die Messlatte, ob sie selbst gute oder schlechte Eltern sind. Das eigene Selbstbewusstsein wird wesentlich über das Verhalten des Kindes erlangt. Die Eltern wollen vom Kind geliebt werden, der Wunsch nach Liebe und Anerkennung, die sie in ihrem Leben nicht erfahren, wird in das Kind hineinprojiziert. Der Ehrgeiz mancher Eltern kann so Kinder in den seelischen Ruin treiben. Im Normalfall jedoch knüpfen Eltern die Liebe ihrer Kinder an keinerlei Bedingungen.
Das Engagement in einer Kirchengemeinde kann Eltern helfen
Schließlich die heimtückischste Variante für eine Entwicklung von Kindern zu Tyrannen. Winterhoff nennt sie die Symbiose. Sie droht, wenn Eltern ihre Psyche mit der ihres Kindes verschmelzen. Was auf den ersten Blick als fürsorglich, ja seelsorglich anmutet, heißt konkret: Das Kind wird endgültig nicht mehr als Kind wahrgenommen. Seine Seele ist nicht mehr frei, sondern wird abhängig von der Elternseele. Eine Konsequenz in der Schule ist zum Beispiel, dass fordernde Lehrer von Eltern als kalt, abweisend und lieblos gegenüber dem Kind abgelehnt werden.
Was aber ist die Lösung? Winterhoff deutet in seinem ersten Buch die Richtung für eine Wende an. Eltern und pädagogische Mitarbeiter sollen sich wieder als prägend begreifen und als verantwortlich dafür, dass Kinder nicht zu egozentrischen, selbstverliebten Menschen heranreifen, sondern zu sozialen Wesen, die bereit sind, ihren Platz in einer menschlichen Gemeinschaft einzunehmen. In seinem neuen Buch »Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht - Auswege« erklärt Winterhoff wie Familien aus der Sackgasse herausfinden können: Indem Eltern nicht länger versuchen, Partner ihrer Kinder zu sein. Notwendig sei dagegen Kindern ein klares Gegenüber zu sein. Das Geheimnis einer glücklichen Kindheit liege darin, dass sich der Erwachsene als Erwachsener sieht und das Kind nicht als Partner, sondern als Kind betrachtet, als Schützling.
Vermutlich kennen alle Eltern die Situation: Das Kind hat keine Lust sein Zimmer aufzuräumen. Eltern, die das Kind als Partner sehen, werden dem Kind erklären, wie man aufräumt und dann erwarten, dass es das versteht und von nun an aufräumt. Eltern, die geliebt werden wollen, räumen sogar jahrelang selbst für das Kind auf. Beides geht schief. Wenn man dagegen das Kind als Kind sieht, dann wird man bei einem Dreijährigen selbst aufräumen, während das Kind dabei zuschaut und vielleicht auch mal ein Klötzchen in die Kiste wirft. Es kann noch nicht allein aufräumen. Bei einem Vierjährigen wird die Arbeit aufgeteilt, ein Fünfjähriger kann allein aufräumen - aber Mutter oder Vater müssen immer noch dabei bleiben. Ein Grundschüler kann es selber machen, das Ergebnis sollte man sich jedoch noch einmal ansehen.
Was ist also zu tun? Eltern müssen psychische Funktionen wie Frustrationstoleranz oder Gewissensbildung immer wieder einüben. Winterhoff sieht für alle Eltern ein gemeinsames Ziel: »Aus natürlicherweise narzistischen Kleinkindern können beziehungsfähige Wesen heranwachsen, die in vergleichbarer Weise zu uns heutigen Erwachsenen in der Welt zurechtkommen können.« Darauf aufbauend sei dann etwa die Wertevermittlung ein wichtiges Erziehungsziel. Winterhoff hält es dabei für wichtig, der modernen Vereinzelung des Menschen entgegenzuwirken, indem dauerhafte Gemeinschaftserlebnisse gesucht werden. Dies kann seiner Ansicht nach in Vereinen geschehen, »aber auch kirchliche Gemeindearbeit kann eine solche Form von Gemeinschaft darstellen.«
SONNTAGSBLATT-LESERFORUM: Was machen Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder falsch? Schreiben Sie uns, was Sie erlebt haben!
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