Vater Abrahams Geniestreich
Der Orgel-Literaturkanon (6): Sonate in d-Moll von Alexandre Guilmant
Als Félix Alexandre Guilmant (1837-1911) anno 1893 erstmals in den USA auftrat, ereignete sich der Organisten-Albtraum schlechthin: Auf der Konzertorgel in Brooklyn blieb ein Ton hängen. Doch Guilmant focht das nicht an: Er improvisierte fast eine Stunde über den Ton, den ihm die Orgel aufzwang.
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 Félix Alexandre Guilmant gilt als eine der großen Komponistenpersönlichkeiten der französischen »Belle Époque«.
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Fotos zeigen Guilmant meist als Opa mit würdigem weißem Bart. Seine Schüler nannten ihn »père« (Vater), und ein Zeitgenosse erinnerte sich an den Meister als einen »Vater Abraham, dessen patriarchalisches Spiel Größe, Ruhe und Würde hatte«. Tatsächlich haftet ihm auch in musikalischer Sicht etwas Altertümliches an: Während in seiner Pariser Nachbarschaft Charles-Marie Widor oder Louis Vierne die Orgelmusik stürmisch fortentwickelten, blieb Guilmant zeit seines Lebens traditionellen Formen verhaftet. Die Nachwelt hat ihn dafür - mit Ausnahme einiger Orgelwerke - so gut wie vergessen.
In der Musikwelt der Jahrhundertwende dagegen genoss er einen geradezu legendären Ruf. Mit 25 Jahren schon durfte der aus dem nordfranzösischen Boulogne-sur-Mer stammende Organistensohn bei der Einweihung der riesigen Cavaillé-Coll-Orgel von St-Sulpice in Paris mitwirken - damals der größtmögliche Ritterschlag. 1871 wurde er Organist an der Pariser Kirche Sainte Trinité, später Orgelprofessor am dortigen Konservatorium, wo er eine ganze Komponistengeneration maßgeblich beeinflusste. Mittels seiner historischen Ausgaben von Orgelmusik alter Meister öffnete Guilmant der französischen Musikwelt wieder die Augen für den Reichtum des Barock.
Noch mehr Superlative: Als erster französischer Organist bereiste Guilmant die Welt, spielte Konzerte von Schweden bis nach Spanien, in Russland, Kanada und den USA. 1904 gab er binnen sechs Wochen allein vierzig Konzerte auf der Weltausstellung in St. Louis: Die Orgel in der Festival Hall war mit 140 Registern damals die größte der Welt. (Man kann sie noch heute hören, und zwar in einem Kaufhaus(!) in Philadelphia).
Als Komponist, vor allem für Orgelmusik, war Guilmant ein rastloser Vielschreiber. Man hat abgewogen, dass er mehr Orgelwerke hinterließ als Franck, Camille Saint-Saëns, Widor und Vierne zusammen. Als Guilmants Hauptwerk gelten seine acht Orgelsonaten, unter denen wiederum die erste in d-Moll die bedeutendste ist. Er schrieb sie 1874 für »Seine Majestät Léopold II., König von Belgien«. In der von Guilmant selbst erstellten Fassung für Orgel und Orchester nannte er das Werk »Symphonie« - ein Fingerzeig auf den monumentalen Charakter des Stückes.
Es überzeugt vor allem durch seine formale Geschlossenheit: Mustergültig wird im einleitenden »Introduction et Allegro« die klassische Sonaten-Hauptsatzform durchexerziert, in der sehr unterschiedliche Themen nach einem bestimmten Prinzip vorgestellt, weiterentwickelt und durch Gegenthemen ergänzt werden. Auf eine lyrische »Pastorale« folgt ein mitreißendes Finale, in dem Père Guilmant plötzlich ganz ohne weißen Bart daherkommt.
Das Stück gilt als Stammvater der französischen Orgeltoccaten, die bis heute schwungvoll durch die Konzertprogramme aller Welt fegen. Dem virtuosen Eingangsthema stellt der Komponist einen ruhigen Choral entgegen, der die Sonate schließlich in einem bombastischen »Maestoso« beschließt. Weil der Meister selbst nur kleine Hände hatte, behalf er sich mit einem kuriosen Trick, um die gewünschte Klangfülle zu erzeugen: Das Pedal ist in diesem Schlussteil nämlich streckenweise dreistimmig gesetzt - für zweibeinige Spieler eine echte Herausforderung. | |
Der Orgelliteraturkanon
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AN DER ORGEL
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Sauerbeck
 Susanne Hartwich-Düfel, Kantorin an der Sebalduskirche in Nürnberg.
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»Man mag sich vielleicht fragen, was eine Organistin dazu bringen konnte, die Sonate d-Moll von Alexandre Guilmant in ein weihnachtliches Konzert- programm einzubauen - ein Stück, das mit seiner großen Bandbreite an Emotionen zwischen Düsternis und ausgelassener Fröhlichkeit, zwischen Sehnsucht und trotzigem Auftrumpfen vordergründig nicht gerade weihnachtlich anmutet.
Wahrscheinlich ist einfach durch den Zufall, dass ich damals, als ich das Stück zum ersten Mal einstudierte, gerade »Ein Weihnachtslied« von Charles Dickens las, bei mir die Assoziation entstanden, dass dieses Orgelwerk und das literarische Weihnachtslied in enger Verbindung stehen, und womöglich ist es tatsächlich dieser verwandte Geist des 19 Jahrhunderts mit seiner notwendigen Sozialkritik und seiner romantischen Ausdrucksweise, der beiden Werken innewohnt.
Für mich sind zumindest - sicher ohne Guilmants Absicht - in seiner Orgelsonate die drei Geister der Weihnachten und die Verwandlung des geizigen Mr. Scrooge zum Wohltäter zu hören.«
Susanne Hartwich-Düfel, Kantorin an der Sebalduskirche in Nürnberg, spielt die Sonate in d-Moll von Félix Alexandre Guilmant in einem Sebalder Orgelkonzert zum Ausklang der Weihnachtszeit am Dienstag, 6. Januar, um 17 Uhr, an der Peter-Orgel von 1975.
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