Leben im Raum der Liebe
Wie kann ein Suchender Gott und Jesus erfahren? Anna-Maria aus der Wiesche über den Zugang zum Heil
Gottes Heil kommt in die Welt: Jesus Christus. Das ist die Botschaft vom Heiligen Abend. Aber was heißt das? Was heißt das für mich? Und wie kann ich Jesus »erfahren«? Selbst Theologinnen und Theologen tun sich oft schwer damit. Über Zugänge zu Jesus Christus im Hier und Jetzt sprach Gerd-Matthias Hoeffchen mit Schwester Anna-Maria aus der Wiesche. Die 56-jährige evangelische Ordensfrau ist gefragte Expertin für Christliche Spiritualität und Geistliche Begleitung. Zwölf Jahre lang leitete sie die Communität Christusbruderschaft Selbitz (Oberfranken).
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Hoeffchen
 »Irgendwann sind wir an diesem Punkt, an dem wir Jesu Frage hören.« Anna-Maria aus der Wiesche ist Schwester der Christusbruderschaft.
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Sie sind Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz, haben sie viele Jahre als Priorin geleitet. Warum »Bruderschaft«, wenn es doch zumeist Schwestern sind?
Sr. Anna-Maria: Das ist der Ursprungsname, den wir beibehalten haben. Bruder meint vor allem unseren Bruder Jesus, durch den wir Schwestern und Brüder sind.
Bruder Jesus - das klingt sehr nah, sehr vertraut. Vielen Menschen ist die Vorstellung einer so persönlichen Glaubensbeziehung fremd. Was kann man darunter verstehen?
Sr. Anna-Maria: Drei Gedanken dazu: 1. Gott nimmt von sich aus eine Beziehung zu uns Menschen auf. Er hat durch Jesus Christus bereits eine Beziehung zu uns. Indem Gott in Jesus Christus selbst Mensch wird, kommt er uns so nah, dass er uns durch und durch versteht. Der Heilige Geist ist die lebendige Beziehung. Er ist der große Hin- und Hergeher: von Gott zu mir, zu dir, von mir zu dir. Und von unserer Seite aus gilt es in diese Beziehung einzustimmen. 2. Wir werden in Beziehungen geboren. Es gibt uns nicht ohne Beziehungen. Das ist unser Glück aber auch unser Schmerz: das Nichtgelingen von Beziehungen, der Abbruch von Beziehungen ...
...aber auch das Glück von Nähe ...
Sr. Anna-Maria: ... von Treue, von Durchhalten. Natürlich. Doch wir haben alle Verwundungen. Wenn diese Verwundungen sehr früh geschahen, verschließen wir unser Inneres. Unsere menschlichen Beziehungen sind ein Spiegelbild für die Beziehung zu Jesus: Das, was ich in mir verschlossen habe, ist auch in der Beziehung zu Christus erst mal zu.
»In Jesus von Nazareth ist Gott da«
Wie kann man dann in eine Beziehung zu Christus »einstimmen«, wie Sie es genannt haben?
Sr. Anna-Maria: Durch Hineinwachsen. Die Beziehungsgeschichte hat immer etwas von einer Heilungsgeschichte. Die Wunden, die ich in meinen menschlichen Beziehungen erhalten habe, brauchen liebende Berührung, damit ich Offenheit und Vertrauen wagen kann - dann wächst auch die Möglichkeit, mich auf Christus einzulassen.
Und der dritte Punkt?
Sr. Anna-Maria: Der Zweifel. Gerade für den heutigen Menschen gilt: Man muss sich durch den Zweifel hindurch auf die Wirklichkeit Gottes einlassen. Denn beweisen lässt sich das Dasein Gottes letztlich nicht. Es ist wie ein Sprung, ein Wagnis: sich auf diesen Menschenbruder Jesus einzulassen, darauf zu vertrauen, dass in seiner Geschichte Gottesgeschichte aufleuchtet. Es gibt ganz verschiedene Wege dorthin, aber irgendwann sind wir an diesem Punkt, an dem wir Jesu Frage hören: Hast du mich lieb - und willst du mir folgen? Es ist die Einladung zu einem Wagnis des Vertrauens.
Sie sagen, es gibt ganz verschiedene Wege dorthin. Kann ich also Gott in der Natur entdecken, im stillen Kämmerlein, in der Kirchenmusik?
Sr. Anna-Maria: Es gibt auf diesem Weg bestimmte Kernspuren. Dazu gehört das Evangelium. Wenn ich mich auf ein Wort des Evangeliums einlasse z.B.: »Selig sind die Barmherzigen«; oder: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan«, und es dann lebe und mit meiner ganzen Existenz versuche umzusetzen, dann wird sich die Kraft dieses Wortes entfalten und mein Leben verändern.
Eine weitere Kernspur?
Sr. Anna-Maria: Das Gebet. Unsere Hinwendung zu Gott. Auch da mag es Unterschiede geben: Der eine spricht all seine Freuden und Nöte aus, ein anderer findet Kraft in den formulierten Worten eines Gebets. Und wieder ein anderer braucht überhaupt keine Worte, sondern öffnet einfach sein Herz in der Stille.
Wenn es so unterschiedliche Wege beim Zugang zu Gott gibt - was ist dann der Unterschied zum Beispiel zur Esoterik?
Sr. Anna-Maria: Die intime Beziehung zu Gott, dass wir ihn ansprechen können durch Jesus Christus. Und die Bindung an das Evangelium. Das konkrete Wort Gottes führt uns in die Beziehung zu Jesus und zum Nächsten.
Stichwort: Dienst am Nächsten. Gebet und fromme Innerlichkeit werden ja oft geradezu als Gegensätze zum sozialen Engagement empfunden.
Sr. Anna-Maria: Der alte Gegensatz greift doch gar nicht mehr, wenn er es überhaupt je getan hat. Ich kenne ganz viele tief fromme Leute, die in vorbildlicher Weise ihre gesellschaftliche und politische Verantwortung wahrnehmen. Auch wir als Communität machen ja ganz viel Sozialarbeit. Martin Buber sagte: Ich muss ganz bei mir sein - und mich gleichzeitig ganz vergessen. In dieser Spannung zu leben, darauf kommt es an. Sonst wird man entweder zum religiösen Eiferer oder verliert sich im Aktionismus.
Sich ganz vergessen - setzt das nicht enormes Vertrauen voraus? Überfordert das nicht den Menschen?
Sr. Anna-Maria: Wir ahnen nicht, wie sehr wir in einem Raum der Liebe leben. Wir alle sind durch und durch von Misstrauen geprägt. Deshalb können wir die Kernaussagen des Evangeliums oft nicht verstehen.
Was kann man tun?
Sr. Anna-Maria: Nachbarschaftshilfe leisten. Die alte Frau nebenan, die Hilfe braucht; ihre Tochter kann nur am Wochenende kommen Der vernachlässigte Junge, dem ich einen Knopf annähe; vielleicht kann ich mit der Mutter reden, um ihre Lebensumstände zu verstehen und zu helfen - das sind alles kleine Dinge. Wir dürfen uns nicht voreinander versperren.
Sie leben mit zwei Schwestern in einem Dorf in Thüringen. Nach 40 Jahren staatlich verordnetem Atheismus - wie kann man da wieder vom Glauben reden?
Sr. Anna-Maria: Wir haben hier sogar einen Bibelkreis. Ich kann ins Gespräch kommen mit Menschen, denen Gott fremd ist. Sie suchen einen Grund für ihr Leben. Wir fragen nach ihren Vorstellungen - auch Gottesvorstellungen. Wir fragen nach dem Sinn der Welt, des eigenen Lebens.
Kann man da zusammenkommen?
Sr. Anna-Maria: Ich mag die Geschichte von den Zwillingen im Bauch der Mutter. Der eine sagt: »Ist das nicht schön hier? Unsere Mutter sorgt für uns, gibt uns Nahrung, Wärme und Sicherheit.« Und der andere sagt: »Welche Mutter? Ich sehe keine.« Und doch umgibt sie sie beide. Unser Horizont ist begrenzt - das kann man schon vermitteln. Die Fragen nach Leben und Sinn sind da, in jedem Menschen.
Deshalb gibt es ja auch so viele Religionen.
Sr. Anna-Maria: Und mein Glaube ist: In diesem Menschen, Jesus von Nazareth, ist Gott da. In seiner Geschichte, in seinen Worten, entdecke ich Gottes Zuwendung zu uns Menschen. Das ist die Einladung an uns Menschen, Jesus zu vertrauen, dass sein Weg der Weg ist, der uns zu Gott führt.
Jede Religion sagt, sie hat den Weg zu Gott. Worin unterscheidet sich der christliche Glaube von anderen Religionen?
Sr. Anna-Maria: Die christliche Kernaussage ist: Gott ist Liebe. Ein wesentlicher Unterschied des christlichen Glaubens ist die ganz persönliche Beziehung zu Gott. In Jesus von Nazareth kommt Gott uns Menschen so nah, dass wir uns auf ihn einlassen können. Wir müssen uns nichts erarbeiten. Und: Jesu Weg ans Kreuz ist für mich der Weg zur Überwindung von Schuld und Gewalt.
Wie das?
Sr. Anna-Maria: Den Ort, an dem die größte Gewalt geschieht - das Wegnehmen des Lebens -, diesen Ort wählt Gott als Ort der Rettung. Unsere Welt ist so wahnsinnig gewalttätig. In Jesu Leben erlebe ich: Klarheit, Stärke - und Gewaltfreiheit. Keine Schwäche. Aber Gewaltfreiheit.
Christliche Kirchen bekennen sich aber nicht unbedingt zur Gewaltfreiheit.
Sr. Anna-Maria: Das ist vielleicht das größte Versäumnis der Kirchen - wir haben nicht deutlich genug gesagt: Nachfolge hat Konsequenzen. Andere Religionen sind da deutlicher. Wir haben uns davor gescheut.
Was wären solche Konsequenzen?
Sr. Anna-Maria: Die Pflege der Gottesbeziehung: Gott lieben, den Nächsten und mich selbst. Gewaltlosigkeit. Und: Wir Evangelischen haben eine irre Scheu zu sagen: »Ich liebe Gott« - obwohl das Liebesgebot das Hauptgebot des Evangeliums ist. Jetzt kommt das Reden über die Gottesliebe durch die Mystiker wieder zurück. Vielleicht verlieren wir dadurch ein wenig unsere falsche Scheu.
Kann man das den Menschen von heute vermitteln?
Sr. Anna-Maria: Die Mystiker haben ja auch den Begriff der Gottesfreundschaft. Ich denke, Freundschaft, Freund - das ist ein Zugang für den modernen Menschen. Ich halte es für entscheidend, dass die Menschen Gemeinschaften finden, in denen Glaube gelebt wird. Die voranschreitende Vereinsamung verhindert Zugänge zum Glauben.
Gemeinschaften wie die Christusbruderschaft Selbitz?
Sr. Anna-Maria: Das können Communitäten sein, ein Gesprächskreis zu Hause, in der Stadt, im Dorf. Das kann die Kirchengemeinde sein; sie sollte es sogar sein. Leider ist das oft nicht mehr der Fall.
Also auch da: ganz unterschiedliche Zugänge?
Sr. Anna-Maria: Es geht im Glauben nicht um Konformität, um Einheitlichkeit. Christus ruft in die Gemeinschaft, aber er lässt mir meine Individualität. Es darf keinen Zwang geben.
Das klingt doch recht idealtypisch.
Sr. Anna-Maria: Gemeinschaften sind dann Orte der Hoffnung, wenn wir darum ringen, uns in unserer Unterschiedlichkeit zu achten und als Ergänzung zu erleben. Das gemeinsame Leben nach dem Evangelium und Gebet öffnet einen Raum für das Geheimnis der Gegenwart Gottes. Selbst wenn die Art, wie eine Gemeinschaft den Glauben lebt, nicht meine Art ist - so kann mir das Erleben eine Ahnung schenken: Es gibt Gott. Und es gibt ihn auch für mich. |