Eine kreative Bahnfahrt
Der Orgel-Literaturkanon (5): »Variations sur un Noël« von Marcel Dupré
»Nachdem man bereits fast 4000 Menschen in das neue High School Auditorium von Atlantic City eingelassen hatte, musste die Polizei weitere 1000 zurückdrängen, die Dupré an der neuen Orgel hören wollten.« Dieser Zeitungsbericht ist kein Einzelfall: Hier ist die Rede vom berühmtesten Orgel-Popstar des 20. Jahrhunderts.
 Foto:
Archiv
 Marcel Dupré am Spieltisch der Cavaillé-Coll-Orgel von St. Sulpice in Paris. Hier wirkte er bis zu seinem Tode im Jahr 1971.
|
Mit zwölf Jahren hatte Marcel Dupré (1886-1971) seine erste Organistenstelle, und schon mit 21 vertrat er seinen Lehrer Charles-Marie Widor an der berühmten Cavaillé-Coll-Orgel von St. Sulpice in Paris, deren Organist er später für viele Jahrzehnte werden sollte. Als Orgellehrer gehört er zu den zentralen Persönlichkeiten der französischen Orgelmusik. Seine einzigartige Karriere als Überflieger begann, als er mit 34 Jahren an zehn Abenden in Paris das gesamte Orgelwerk Bachs aufführte - und zwar auswendig.
Dupré gelang, wonach sich heute die Zunft vergeblich streckt: Eine ganz breite Öffentlichkeit für eine Synthese aus traditioneller und zeitgenössischer Orgelmusik zu begeistern. Seine USA-Tourneen mit Besucherzahlen bis zu 10000 pro Konzert waren Medienereignisse erster Ordnung; für Dupré wurden eigens Expresszüge angehalten, damit er seine dicht gedrängten Terminverpflichtungen erfüllen konnte. Über 2000 Konzertauftritte hat er im Laufe seiner langen Virtuosenkarriere absolviert, und fast immer gehörten seine legendären Improvisationen oder eigene Kompositionen zum Programm.
Von den Letzteren hat vor allem eine ins musikalische Gedächtnis der Welt gefunden. Dupré schrieb sie während seiner ersten Amerika-Tournee 1922/23, um sich die langen Zugfahrten durch das riesige Land zu verkürzen: Die »Variations sur un Noël«, op. 20.
Dupré schöpfte für das Werk aus zwei höchst unterschiedlichen Inspirationsquellen. Als Vorlage diente ihm ein spätmittelalterliches französisches Weihnachtslied, das unter Umwegen (nämlich als Passionslied) auch Eingang ins deutsche Liedgut gefunden hat: »Korn, das in die Erde / in den Tod versinkt« (EG 98). Damit wusste er sich eingebettet in eine alte französische Orgeltradition, die den Weihnachtsliedern (Noëls) seit Jahrhunderten große Aufmerksamkeit gezollt hatte. Duprés Klangvorstellungen dagegen waren, wie er selbst später geäußert hat, durch die bunten Farben der riesigen orchestralen Orgeln in den Konzertsälen der USA beeinflusst, die er gerade eben erlebt hatte.
Die Verbindung eines alten, populären Volksliedes mit modernen Ausdrucksformen von Harmonie und Rhythmik, der Abwechslungsreichtum, vor allem aber die überschau- und damit für die Zuhörer gut nachvollziehbare Reduzierung aufs Wesentliche sind bis heute der Erfolgsgarant des Stückes. Kaum eine der zehn Variationen dauert länger als eine Minute, und jede bringt in unerhörter Verdichtung neue musikalische Ideen ein.
Das Spektrum reicht vom klassisch-ruhigen Trompetensolo (Variation 1) über verschiedene Kanons (Variationen 3, 6 und 8), toccatenartige Akkordkaskaden (Variationen 4 und 9) bis zu einem rasanten Fugato mit angehängtem Presto-Finale (Variation 10). Eine besondere Delikatesse ist die grotesk dahinhuschende Variation Nummer 7, die sich an einer Klavierstudie Robert Schumanns orientiert.
Die »Variations sur un Noël« mögen »nur« ein überschaubarer Zyklus von Miniaturen sein, doch das sollte nicht zur Unterschätzung des Werkes verleiten: Nicht wenige Organisten rechnen sie ob ihrer pausenlosen technischen Höchstanforderung zum Schwersten, das je für die Orgel geschrieben wurde. | |
Der Orgelliteraturkanon
|
Nach Komponisten, Jahrhundert oder Organist durchsuchen: Alle Folgen des Orgelliteraturkanons finden Sie » hier.
Jetzt bestellen! |
| |

|
AN DER ORGEL
 Foto:
Sauerbeck
 Wieland Hofmann, Kantor an der Altstädter Kirche in Erlangen.
|
»Im siebten Semester meines Studiums konnte ich mir den lange gehegten Wunsch erfüllen, dieses originelle und hochvirtuose Werk zu lernen und zu spielen. Später war es Teil meines Examenskonzertes zum Abschluss des Orgelstudiums - Erinnerungen an eine schöne und aufregende Zeit werden jedes Mal wach, wenn ich die Variationen wieder einübe.
Meine Gedanken über das Stück stellen eine Mischung aus Freude an der Virtuosität und an der Wirkung auf die Zuhörer einerseits und großem Respekt vor den Schwierigkeiten, die sich bei einer Aufführung im Konzert einstellen, dar. Die kontrastreichen, kurzen, musikalisch wie spieltechnisch sehr individuell gestalteten Variationen erfordern schnelles Umstellen, größtmögliche Konzentration. Da man sie meist zur Weihnachtszeit spielt, erschweren kalte Finger in schlecht geheizten Kirchen zusätzlich.
Dennoch überwiegt die Freude an einem großartigen Musikstück, für das man allerdings eine große Orgel mit vielen Registerfarben und dynamischen Möglichkeiten benötigt.«
Wieland Hofmann, Kantor an der Altstädter Kirche in Erlangen, spielt die »Variations sur un Noël« von Marcel Dupré im Neujahrskonzert am Donnerstag, 1. Januar, um 17 Uhr an der Walcker-Orgel.
 |