Mathestunde zu Weihnachten
Der Orgel-Literaturkanon (4): Bachs Veränderungen über »Vom Himmel hoch«
Das Mittelalter zählte die Musik neben der Arithmetik, Geometrie und Astronomie zu den mathematischen Künsten. Im Spätwerk Johann Sebastian Bachs (1685-1750) begegnet diese streng rationale Auffassung, die mehr mit Rechenkünsten als mit Klangentfaltung zu tun hatte, letztmals mit aller Macht, bevor sie von der Romantik getilgt wurde.
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sob
 Das berühmteste Porträt von Johann Sebastian Bach (von Elias Gottlob Haussmann) entstand 1746. Bach bestellte es vermutlich für seinen Eintritt in die »Mitzler'sche Societät« in Leipzig, bei der er auch die Kanonischen Veränderungen über »Vom Himmel hoch« einreichte.
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Berühmt ist vor allem Bachs »Kunst der Fuge«, in der er in seinen letzten Lebensjahren ein einziges Thema in einer Sammlung kaum noch denkbarer kontrapunktischer Varianten verarbeitet hat.
Bis heute gilt sie vielfach als »Augenmusik« - als Musik also, die ihre Faszination vor allem beim Mitlesen der Noten denn beim Zuhören entfaltet, weil das Ohr die Vielzahl der kniffligen Wendungen nur bedingt nachvollziehen kann.
Der alte Bach hatte eine Vorliebe für derlei Kompositionen entwickelt. Ihm war es gegeben, die Grenzen der Kontrapunktik neu auszuloten, anders gesagt: Er drang in ferne Galaxien der Musik vor, die nie ein Mensch zuvor betreten hatte.
Der hohe theoretische Anspruch dieser Musik schlug einen Bogen zur »Correspondierenden Societät der musicalischen Wissenschaften«, die der Musikgelehrte Lorenz Christoph Mizler 1738 in Leipzig gegründet hatte. Bach trat der Societät 1747 bei, und als Jahresgabe reichte er ein Orgelwerk ein, das folgenden Titel trug: »Einige canonische Veroenderungen über das Weynachts-Lied: Vom Himmel hoch da komm ich her. Vor die Orgel mit 2 Clavieren und dem Pedal« (BWV 769).
Der älteste bekannte Kanon wurde um 1250 geschrieben; nach einer großen Blüte in der frühen Mehrstimmigkeit erreichte der Kanon mit Bach - und mit den Veränderungen über »Vom Himmel hoch« - einen letzten und unerhörten Gipfelpunkt. Die Besonderheit dieser Stilform liegt darin, dass der Kanon gewissermaßen harmonisch in sich selbst ruht: Jede Stimme musiziert genau die gleichen Töne wie alle anderen, nur leicht zeitversetzt.
Die Kanonischen Veränderungen bestehen aus fünf eigenständigen Sätzen, die sich - wie bei Bachs mathematisch orientierten Werken üblich - in der Kompliziertheit ihrer Architektur steigern. Am Anfang steht eine munter auf- und abperlende Klanggirlande im Sopran, die in kurzem zeitlichen Abstand eine Oktave tiefer, nämlich im Bass, wiederholt wird. Die Choralmelodie hat Bach gewissermaßen als Zugabe in den Kanon hineinmontiert. In den weiteren Variationen verändert sich zunächst nur der Abstand der beiden kanonisch geführten Stimmen, dann kommt eine freie, vierte Stimme dazu. Nächster Eskalationsschritt ist die »Vergrößerung« einer Kanon-Stimme (was bedeutet, dass die zweite Kanon-Stimme die gleichen Töne im halben Tempo bestreitet).
Im letzten Satz schließlich, den der Meister selbst später in die Mitte des Zyklus setzte, treibt Bach das Spiel auf eine unglaubliche Spitze: Nun wird endlich der Choral selbst als Kanon durchgeführt, wobei die Gegenstimme das bekannte Lied umkehrt, also sozusagen auf den Kopf stellt - und zwar nacheinander im Abstand von sechs (Sext), drei (Terz), zwei (Sekunde) und neun (Nona) Tönen.
Und weil Bach nicht genug kriegen kann, lässt er schließlich in einer »stretta« (Engführung) noch alle vier Choralzeilen binnen dreier Takte in verschiedenen Stimmen gleichzeitig erklingen. Dass an der dichtesten Stelle auch noch ein b-a-c-h-Motiv auftaucht, mag man da - entgegen einschlägiger Musikologen-Meinung - kaum noch für Zufall halten. | |
Der Orgelliteraturkanon
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AN DER ORGEL
 Foto:
Sauerbeck
 Georg Stanek, Kantor an St. Michaelis in Hof.
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»Das Stück ist ein sehr abstraktes Gebilde. Ich habe es schon im Studium gespielt; damals war es aber noch ein Pflichtpro- gramm für mich. Inzwischen spiele ich es gern, da musste erst der Knoten platzen!
Die große Herausforderung liegt darin, dem Werk sein Geheimnis zu entlocken und es den Zuhörern zu vermitteln. Das geht nur durch Erklärhilfen, Vergleiche, Reflexion oder vielleicht sogar mehrfaches Spielen. Wie ist das Stück konstruiert? Was passiert bei der sogenannten »Vergrößerung«? In der Engführung? Erleichtert wird das Hören wenigstens durch den Umstand, dass das Lied sehr bekannt ist.
Die Kanonischen Veränderungen sind fantastische Musik, aber sie sind eben nicht so leicht zu verstehen wie eine Pastorale von Valentin Ratgeber. Auch die Orgel muss natürlich geeignet sein und eine durchsichtige und farbenreiche Wiedergabe ermöglichen. Das ist in Hof der Fall: Heidenreich war ein Enkelschüler von Silbermann, und die klanglichen Anleihen an sein Vorbild sind unüberhörbar.«
Georg Stanek, Kantor an St. Michaelis in Hof, spielt die Kanonischen Veränderungen über »Vom Himmel hoch, da komm ich her« von Johann Sebastian Bach in einem Themengottesdienst am Donnerstag, 25. Dezember (1. Weihnachtsfeiertag), um 9.30 Uhr an der Heidenreich-Orgel von 1834.
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