»Eskalation der Gewalt gegen Christen«
... stellt die EKD fest: Ein Gespräch mit Auslandsbischof Schindehütte über Christenverfolgung
In der Evangelischen Kirche in Deutschland ist er der Außenminister: Bischof Martin Schindehütte ist für die Betreuung der deutschen Gemeinden im Ausland ebenso zuständig, wie für die Kontakte mit internationalen Partnern der deutschen Protestanten. Deswegen fällt auch das Thema Christenverfolgung in sein Fachgebiet.
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 Martin Schindehütte, der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), leitet die Abteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« im EKD-Kirchenamt.
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Bischof Schindehütte, wie schätzt die EKD die weltweite Christenverfolgung ein?
Schindehütte: Wir müssen uns im Augenblick erhebliche Sorgen um dieses Thema machen. An einer ganzen Reihe von Orten waren im Jahr 2008 die Christen massiv in Gefahr. Im Irak war die Lage besonders dramatisch: In Mossul hat es eine geplante Vertreibungskampagne gegeben, bei der Lautsprecherwagen durch die Stadt gefahren sein sollen, die die Christen zum Verlassen des Landes oder zum Übertritt zum Islam aufgerufen haben. Deswegen sind wir außerordentlich dankbar dafür, dass nun ein erstes Kontingent von 10000 Christen nach Europa kommen darf. Das war ein langer, mühsamer Weg, bei dem der Bundesinnenminister sich sehr um eine Lösung bemüht hat. Nun geschieht das, und dafür bin ich sehr dankbar.
In der EKD kam das Thema Christenverfolgung ja viele Jahre lang immer nur am Rande vor. Wie kommt es, dass es jetzt so weit oben auf der Tagesordnung steht?
Schindehütte: Ich denke, dass es einerseits die Eskalation von Gewalt gegen Christen an vielen Orten ist, die dazu geführt hat, dass wir als EKD sorgfältiger auf dieses Thema schauen. Und dazu kommt, dass das Thema Menschenrechte in der EKD an Bedeutung gewonnen hat, wozu bekanntlich auch das Recht auf Religionsfreiheit gehört. Da schauen wir auch sorgfältiger hin und entdecken, dass es ein massives Problem für viele Christen gibt. Und unabhängig davon, dass die EKD immer protestieren wird, wenn irgendwo auf der Welt jemand in seinem Recht auf Religionsfreiheit verletzt wird - an dieser Stelle gilt natürlich für uns das biblische Motto, dass wir in besonderer Weise dazu verpflichtet sind, auf unsere Glaubensgenossen zu achten.
Sind denn eigentlich auch die Auslandsgemeinden der EKD vom Thema Christenverfolgung betroffen?
Schindehütte: Das kann uns im Iran passieren. Dort hat das Parlament ein Apostasiegesetz erlassen. Wenn es in Kraft tritt, wird jeder, der vom Islam zu einer anderen Religion, also auch zum Christentum, konvertiert, mit der Todesstrafe bedroht. Für Christen im Iran ist das eine massive Gefahr - zum Beispiel auch für deutsche Frauen, die einen Iraner geheiratet haben, dabei dem Namen nach Muslima geworden sind, sich aber in Wirklichkeit zur deutschen Gemeinde in Teheran halten. Wenn es nun von Seiten des Staates zu solch einer Bedrohung kommt, müssen wir uns um diese Gruppe Menschen große Sorgen machen. Da ist also eine Gemeinde direkt betroffen.
Was kann eine Kirche wie die EKD beim Thema Christenverfolgung unternehmen?
Schindehütte: Wir bemühen uns in erster Linie darum, das Thema auf die politische Tagesordnung zu setzen. Wir sind in engem Kontakt mit dem Auswärtigem Amt und versuchen zu erreichen, dass die Bundesregierung auf die Regierungen der entsprechenden Länder einwirkt. Nehmen Sie etwa die Verfolgungen im indischen Orissa: Da hat sich die indische Zentralregierung nach politischem Druck aus dem Ausland eingeschaltet und Soldaten nach Orissa geschickt, in der Hoffnung, die Verfolgungen und Gewalttaten unterbinden zu können. Und wir können für die Verfolgten beten. Nicht umsonst hat ja die Synode der EKD im November 2008 beschlossen, einen EKD-weiten Tag der Fürbitte für verfolgte Christen einzurichten.
Es gibt immer wieder Vorwürfe, wonach Missionswerke und evangelikale Gemeinden die Christenverfolgung selbst auslösen?
Schindehütte: Ich würde an dieser Stelle das Wort »auslösen« vermeiden wollen. Aber ich muss Ihnen zustimmen, wenn Sie sagen, dass manche Gruppen eine sehr offensive Form der Missionsarbeit betreiben. Auch das muss möglich sein, denn auch die Möglichkeit zu einer offensiven Missionsarbeit ist Teil der Religionsfreiheit. Aber als Christen sollten wir auch nicht vergessen, dass sich Gläubige anderer Religionen durch uns und unser Handeln provoziert fühlen können. Wir sollten einfach aufpassen, dass Mission von anderen nicht als plumpes Abwerben und Rüberziehen empfunden wird. Ich persönlich stelle mir eine gute Missionsarbeit als ein christliches Zeugnis vor, bei dem Menschen frei und eigenständig von ihrem Glauben berichten, und das dazu führt, dass Menschen ebenso frei und eigenständig Christen werden.
Wie empfinden Sie denn das Engagement evangelikaler Gruppen beim Thema Christenverfolgung?
Schindehütte: Es ist richtig und gut, dass sich Evangelikale hier so engagieren, Hinweise geben und die Aufmerksamkeit für dieses Thema wach halten. Ich würde es an manchen Stellen vielleicht etwas anders machen, aber es ist völlig richtig und wichtig, dass das passiert. Aber ich will dazu auch sagen, dass wir genauso aufstehen müssen und in gleicher Weise protestieren müssen, wenn andere Religionsgemeinschaften verfolgt werden. So sehr unsere Glaubensgenossen uns am Herzen liegen, so sehr müssen wir darauf achten, dass die Religionsfreiheit für alle gilt. |
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