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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2008 vom 21.12.2008
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Israel benötigt ein Wunder

Auf der Suche nach der Weihnachtsstimmung im Heiligen Land findet man die Sehnsucht nach Rettung


In der Geburtskirche in Bethlehem.
Foto: Reuters
   In der Geburtskirche in Bethlehem.

Nicht einmal die Temperaturen stimmen. Es ist trocken und heiß. Das Land stöhnt unter dem Wassermangel. Der Spiegel des Sees Genezareth steht so tief, wie noch nie. Das Heilige Land ist weit entfernt von jeglicher Weihnachtsstimmung. Wer wenigstens etwas davon erfahren will, muss in die christlichen Zentren des Nahen Ostens fahren. In der libanesischen Hauptstadt Beirut quälen sich Lastwagen mit überlebensgroßen Weihnachtsmännern durch die Straßen. Sie quäken kitschige, westliche Melodien mit arabischem Einschlag.

Auf der Insel Zypern, gibt es dieselben Nikoläuse. Weihnachtsbäume schießen wie Pilze aus dem Boden. Auf dem Rathausplatz in Larnaka steht eine große Krippenszene. Nur das Gedudel im Hintergrund hat griechischen Einschlag. Auf der anderen Seite von Zypern, an der Südküste Anatoliens, liegt die Heimat von Sankt Nikolaus. Die antike Stadt Myra heißt heute Demre. Im vierten Jahrhundert soll Nikolaus, Sohn reicher Eltern und später Bischof von Myra, dort seinen Besitz an die Armen verteilt haben.

In dem Land haben es Menschen, die an Jesus Christus glauben, nicht leicht, damals wie heute. Moslems verkaufen Flaschenkürbisnikoläuse an Touristen. Überlebensgroß präsentiert sich der »Santa Claus« unter einer roten türkischen Flagge.

Neidisch blicken säkulare Israelis in Richtung Westen, verfolgen per Fernsehen das Nikolaus-Spektakel in Dänemark, fliegen für ein paar Tage Einkaufsurlaub nach Europa - oder »importieren« einen Nikolaus aus Deutschland. In Israel selbst herrscht aber ganz normaler Alltag. Die wenigsten verstehen, dass »Santa Claus« oder »Weihnachtsbaum« mit der eigentlichen Botschaft von Weihnachten ungefähr so viel zu tun hat, wie Nikolaus von Myra mit Stern und Halbmond der türkischen Nationalflagge.

Im arabischen Souk der Altstadt von Jerusalem stehen Krippenfiguren bereit, in Bethlehem aus Olivenholz geschnitzt. Sie stehen hier das ganze Jahr. Noch immer ist der Besuchernstrom nicht verebbt. Allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2008 haben 120000 Deutsche Israel besucht - 40 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. 2008 stellt den Besucherrekord von 2000 in den Schatten. Aber was hat die Weihnachtsstimmung, die viele so vergeblich suchen, mit der Botschaft vom Kommen des Messias zu tun?

Das Heilige Land lechzt nach Regen. In der Bibel ist Regen ein Zeichen der Zuwendung Gottes. Kein Land schreit so nach Erlösung, wie das Land und Volk Israel. Der Raketenbeschuss erinnert die Einwohner der südisraelischen Stadt Sderot täglich daran, wie sehr Rettung vonnöten ist. Genau dasselbe gilt für die allgegenwärtigen Gewitterwolken der Bedrohung aus dem Norden. Die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon hat heute - wenn die Einschätzung der Geheimdienste stimmt - mehr als doppelt so viele Raketen wie vor Beginn des zweiten Libanonkrieges im Sommer 2006. Ihre Reichweite bedroht praktisch die gesamte Bevölkerung des jüdischen Staates.

Zur Zeit des Propheten Jesaja war es nicht besser

Kein Mensch weiß, wie man den Iran mit seinem endzeit-wahnsinnigen Präsidenten hindern kann, zur Atommacht zu werden. Die immer wieder hörbare Prophezeiung, der Schandfleck Israel werde von der Landkarte verschwinden, wird in Israel sehr ernst genommen. Nur wer versteht, wie allgegenwärtig die Holocausterfahrung im Bewusstsein der Israelis ist, kann ermessen, welch explosives Potential derartige Drohungen in sich bergen. Der Staat Israel wird wohl kaum warten, bis Mahmud Ahmedinedschad die Fähigkeit besitzt, den »Schandfleck« von der Landkarte zu wischen.

Die Mauer, die Jerusalem zerreißt und die Geburtsstadt Jesu von Israel trennt, zeigt schmerzhaft, wie Menschen Konflikte zu lösen suchen. »Unser 'peace process' ('Friedensprozess') ist ein 'piece process' ('Stückeprozess')«, sagte mir vor ein paar Jahren verzweifelt ein orthodoxer Jude mit einem englischen Wortspiel. »Um 'peace' ('Frieden') zu erreichen, machen wir aus allem 'pieces', zerstückeln alles - das Land, diese Stadt, die Völker, unsere Beziehungen, selbst die Menschen.« »Doch 'peace', den wir durch Zerreißen erzwingen wollen, ist das genaue Gegenteil von 'Schalom'«, erklärt er weiter. Das hebräische Wort »Schalom« kommt von »Schalem« - und »Schalem« bedeutet »vollständig«, »intakt«, »unversehrt«, »zusammengefügt«.

Das Hauptaugenmerk des israelischen Volkes gilt in diesen Tagen aber nicht der Außenpolitik, sondern der Misere im eigenen Land. Der anlaufende Wahlkampf offenbart die Frustration der Menschen. Als unzuverlässig, zerstritten und korrupt gelten viele Politiker. Dabei sind es nicht Einzelne, die den Versuchungen der Macht oder des Reichtums erlegen sind. Es ist das ganze System, die Gesellschaft, die Atmosphäre, wie Menschen miteinander umgehen, die Gewalt in den Familien - und vor allem die Ratlosigkeit angesichts all dieser Probleme.

»Ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben!« Vor zweieinhalb Jahrtausenden, als der Prophet Jesaja diese Botschaft erstmals verkündigte, herrschte auch keine Weihnachtsstimmung im Land Israel. In Jesaja 9 ist von einem Volk die Rede, »das im Finstern wandelt«, von einem »drückenden Joch«, von Soldatenstiefeln, von einem Mantel, der »durch Blut geschleift« wird und von verzehrendem Feuer. Und in diese Situation hinein kommt nun dieser »Fürst des Friedens«, dessen »Schalom« kein Ende haben wird.

Das jüdische Volk, auch Juden, die an Jesus glauben, feiern nicht Weihnachten, sondern Chanukka. In diesem Jahr sogar zeitgleich mit dem Christfest. Insofern gibt es dann doch etwas Weihnachtsstimmung in Israel, weil einige Chanukka-Melodien von Weihnachtsliedern »ausgeliehen« wurden. Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des jüdischen Tempels im 2. Jahrhundert vor Christus, nachdem dieser von heidnischen Griechen entweiht worden war. Die Geschichte steht in den apokryphen Makkabäerbüchern. Vom 21. bis zum 28. Dezember zünden jüdische Familien jeden Abend eine Kerze mehr am achtarmigen Chanukkaleuchter an. Damit erinnern sie an eine rabbinische Überlieferung. Die Makkabäer konnten zwar das Heidentum vertreiben und vernichten. Aber sie waren nicht in der Lage, das reine Öl rechtzeitig zur Einweihung des Tempels zu liefern. Dazu war ein Wunder nötig.

WEIHNACHTEN

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Johannes Gerloff

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:17 Uhr

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