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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2008 vom 21.12.2008
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Unmodernes, Altmodisches

Was in der Finanzkrise gefragt ist: Schnelle Milliarden - und verlässliche Werte

Von Lutz Taubert

Piraterie und Terrorismus, CO2-Ausstoß und Menschenrechtsverletzung: Diese vier Begriffe hätten doch auch die Potenz zum »Wort des Jahres« in sich gehabt, oder? Heuer aber hat die »Finanzkrise« das Rennen gemacht, hat in den letztenWochen einen starken Schluss-Sprint hingelegt und ist (unsere  Sonntagsblatt-Umfrage bestätigt es) unangefochten der Sieger des Jahres geworden.

Klingt martialisch, ist es auch: Das Sein (der gesellschaftlichen Umstände, in denen wir leben) bestimmt das Bewusstsein (nämlich wie wir diese Umstände in Worten ausdrücken) und umgekehrt. Vor einem Jahr, 2007, sahen sich die Deutschen zuallererst von der Klimakastrophe bedroht, dem seinerzeitigen »Wort des Jahres«, jetzt ist es die Finanzkrise. Und flugs ist die Finanzkrise, selbst in der Wortwahl des EKD-Ratsvorsitzenden, zur »Jahrhundert-Katastrophe« geadelt. Welchen Superlativ verwenden wir, wenn in 10 Jahren die Nordpolkappe abgeschmolzen sein wird?

Die Katastrophe der Gegenwart und in unser aller Wahrnehmung sind die schier unfassbaren Milliarden, die der Staat für Landesbank und Automobilindustrie einsetzt, nachdem andere so viele Milliarden - zweitplatziertes Unwort des Jahres - »verzockt« haben.

Um welche Werte geht es da? Es ist ein scheinbar billiger Hinweis, aber es ist in einer geradezu grotesk altmodischen Weise richtig zu sagen, dass es heutzutage nicht allein auf schnelle Kredite und Milliardenbürgschaften ankommen darf, sondern vor allem auf verlässliche Werte. Dass die Wirtschaft (wieder) floriert, ist notwendig. Untrennbar damit ist verbunden, wofür die Wirtschaft florieren möge: Besitz und Produktion sind dem Gemeinwohl verpflichtet.

Wenn es um die moralische Rechtfertigung unseres Wirtschaftssystems geht, zitieren Volkswirte gern folgenden Satz des englischen Ökonomen John Keynes: »Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.« Die Finanzkrise stellt diese These in Frage. Wenn wir so unökonomische Dinge wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung als Konditionen eines Allgemeinwohls nennen, wird der Mangel eines ungezähmten Kapitalismus offenbar.

Der Seniorchef der ältesten bayerischen Privatbank, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, engagierter Protestant und langjähriger Synodaler, hat sich vor Wochen (auch in dieser Zeitung) für ein radikales Umdenken in der Marktwirtschaft ausgesprochen. Gebraucht werden ein Ordnungsrahmen und strenge Kontrollen, um den Machtwillen und Egoismus zu begrenzen. Das Rezept dafür laute Treue und Wahrhaftigkeit. Das klingt, wie gesagt, sehr altmodisch. Aber ist wohl richtig.

 

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abgerufen 08.02.2012 - 11:09 Uhr

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