Das Kind und das Ich
Warum »Ich steh an deiner Krippen hier« zu den schönsten Weihnachtsliedern zählt
Zur Beförderung des sowohl Kirchen- als Privatgottesdienstes« hatte der Berliner Kantor Johann Crüger auf das Vorsatzblatt des Gesangbuchs geschrieben, das 1647 erstmals mit dem Titel »Praxis Pietatis Melica« herausgekommen war - »musikalische Glaubensübung« könnte man übersetzen. In dessen 5. Auflage von 1653 wurde das Weihnachtslied »Ich steh an deiner Krippen hier« zum ersten Mal veröffentlicht - neben über achtzig weiteren Gerhardt-Gesängen.
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 Bedeutendes evangelisches Gesangbuch mit langer Wirkung: Titelblatt der »Praxis Pietatis Melica«, herausgegeben 1647 von Johann Crüger. »Übung der Gottseligkeit in Christlichen und Trostreichen Gesängen - zur Beförderung des sowohl Kirchen- als auch Privatgottesdienstes«, heißt es auf dem Deckblatt. In der Auflage von 1648 hat Crüger 18 Gedichte Paul Gerhardts aufgenommen und mit Melodien versehen. Und verhalf damit Paul Gerhardt zu dauerhaftem Ruhm als Kirchenliederdichter.
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Die Melodie aus dem Schemelli-Gesangbuch von 1736 ist zu schön, auch wenn Bachs Autorschaft nicht hundertprozentig sicher ist. Der Aufgesang steht in Moll, im Charakter deutlich abgesetzt vom Abgesang nach dem Doppelstrich in Dur, der dann wiederum in einer Moll-Wendung endet. Fünf der sieben Zeilen streben melodisch nach oben. Das h-Moll des alten Evangelischen Kirchengesangbuchs klang noch leuchtender als das dunkle a-Moll, mit dem das Lied nun im Gesangbuch (EG 37) steht.
Es ist auch nicht die ursprüngliche Melodie. Crüger hatte damals dem neuen Text Gerhardts jene Melodie zugewiesen, nach der Luthers »Nun freut euch, lieben Christen g'mein« (EG 341) gesungen wurde. Es ist die Melodie, die wir heute bei »Es ist gewisslich an der Zeit« (EG 149) verwenden. So kennt man's aus Bachs Weihnachtsoratorium, und so könnten wir es ruhig im Gottesdienst auch einmal singen, doch es müsste ein Tempo haben, das nicht nur das Atmen ermöglicht, sondern beim Singen auch den Text öffnet.
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 Paul Gerhardt (1607-1676).
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Wenn wir den Text genauer anschauen, dann dürfte das Lied ursprünglich wohl doch, um mit Crüger zu sprechen, für den Privatgottesdienst gedacht gewesen sein. Wir haben ein intimes Weihnachtslied vor uns, ein großes Anbetungslied, staunende, optisch-sinnliche Wahrnehmung, ein Liebeslied eigentlich. Ich und das Kind in der Krippe, sonst nichts, kein Christbaum, keine Gemeinde, keine Weihnachtserzählung.
»Ich komme, bring und schenke dir« lässt noch schwach anklingen, dass da in der Weihnachtsgeschichte Weise mit Geschenken kamen, aber es geht nicht um diese Gestalten. Alle Rollen werden ausgefüllt vom glaubenden, staunenden Ich - und dem Kind. Der Glaube geht auf in der persönlichen Anbetung.
Wie in jeder großen Liebeserfahrung verdankt sich das Ich dem Du. Die mystische Sprache mutet mittelalterlich an, aber nicht der Bräutigam, das Krippenkind wird angeredet, nicht geistliche Erotik, sondern Zärtlichkeit bestimmt den Ton. Nur in wenigen Andeutungen öffnet sich die intime Atmosphäre: »Du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden«.
Paul Gerhardt streift in Strophe 13 das »für uns« von Gottes Heilswerk, das Ich des Liedes ist doch nicht völlig privat oder individualistisch, und das »Krippe und Kreuz« fügt sich organisch, hat nicht die Schwere der Lieder Jochen Kleppers. Wer bin ich, wenn ich dieses Lied singe? Wer werde ich beim Singen? Kann ich überhaupt glauben, was da steht? Und kann oder darf ich das Lied dann überhaupt singen, wenn ich mit der oder jener Formulierung Mühe habe?
Glauben, was dieses Lied sagt, geht nur im Singen. Das Lied enthebt uns, solange es erklingt, unserer Befindlichkeit, sie ist darin im doppelten Sinn aufgehoben. Die zweite Strophe enthält eine der unglaublichsten Formulierungen des ganzen Gesangbuchs: »Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir gedacht, wie du mein wolltest werden.« Das muss ganz zitiert werden. Eh ich Gott überhaupt kennen kann, hat er sich schon zu mir bekehrt. Wer je fragen sollte, ob Paul Gerhardt wegen seiner persönlichen Glaubenssprache vielleicht schon zum Pietismus zu rechnen, oder wenigstens als Vorläufer zu verstehen sei, soll allein diese Strophe anschauen und hat die Antwort.
Wer dieses Liedes singt, wird in ein Gespräch gezogen, in eine Schau, deren Richtung sich im Singen ändert, man wird schließlich angeschaut. Leider fehlt im Gesangbuch die Strophe, in der das ausgedrückt wird. Das Lied hat ursprünglich fünfzehn Strophen. Die im EG fehlenden beschäftigen sich zum Teil mit Gliedmaßen, mit Körperteilen des Krippenkindes, wie »O Haupt voll Blut und Wunden« (EG 85). Teil eines Zyklus ist, der die Gliedmaßen des Gekreuzigten meditiert. Die originale neunte Strophe lautet: »Wo nehm ich Weisheit und Verstand, mit Lobe zu erhöhen die Äuglein, die Voller Intimität und Zärtlichkeit so unverwandt nach mir gerichtet stehen? Der volle Mond ist schön und klar, schön ist der güldnen Sterne Schar, dies' Äuglein sind viel schöner.« Das Kind schaut mich an, und im Singen treffe ich über mich treffliche Aussagen, auf die ich selbst nie kommen könnte. Nicht nur ich singe das Lied, sondern das Lied singt mich.
Das Lied endet mit der Sehnsucht, Gott im Kind zu fassen, wie es schon die Strophe vier anklingen lässt: Das staunende Ich des Glaubens will bis zum Schluss wirklich jede Rolle in der Weihnachtsgeschichte ausfüllen, ja sogar die Raumausstattung verkörpern: »O lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm, und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.« Das Kind und ich. Nichts weiter. Man kann, wenn das Lied schon öffentlich gesungen wird, einen Gottesdienst damit nicht beginnen. Das stimmt dramaturgisch nicht. Ich muss Zeit haben, die Krippe wahrzunehmen, ja sie muss sozusagen erst aufgebaut werden, damit ich an sie herantreten kann, und sei es nur auf der inneren Bühne. Und ich will von der Intimität und Zärtlichkeit, die in diesem Lied so überreich zum Ausdruck kommen, nicht sofort gepackt und überfallen werden. Ob's nicht doch eher in den »Privatgottesdienst« gehört? Wie Johann Crüger sagen würde. | WEIHNACHTEN
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