Suche nach dem neuen Ambrosius
Waren die Hirten bereits stilbildend? Eine kleine Kulturgeschichte des Weihnachtslieds
Von
Volker Rahn
Weihnachten ohne Musik ist nicht denkbar: Seit 1600 Jahren wird zum Fest gesungen. Und selbst zeitgenössische Popmelodien bringen die Heilige Nacht nicht wirklich aus dem Takt.
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 »Der Stern von Bethlehem«, Paul Hey, 1910.
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Wenn es alle Jahre wieder weihnachtet, dann läuft auch die Musik zu ihrer Höchstform auf. Egal ob im Kaufhaus, im Radio oder zu Hause in der gemütlichen Stube: Weihnachten ist ohne die entsprechenden Klänge nicht denkbar. Am besten natürlich selbst gemacht, wie die Leckereien zum Fest.
Tatsächlich gehören Weihnachtslieder als Ständchen zur Geburt Jesu genauso zur Feier wie Plätzchen und Lebkuchen. Und oft sind sie so verschieden wie die Rezepte der gebackenen Köstlichkeiten. Da erklingen alte Hymnen neben moderner Popmusik und streitet sich Dreivierteltakt mit Discosound. Die Musik: Sie ist ein Abbild der Weihnachtskultur durch die Jahrhunderte.
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 Heinrich Vogeler, »Verkündigung an die Hirten«, 1902.
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Doch wer stimmte als Erstes ein Hoch auf den Heiland an? Womöglich waren es die Hirten auf dem Feld unweit von Jesu Geburtsstall, die für die Premiere der Weihnachtslieder verantwortlich sind zumindest, wenn man es versteht, die richtigen Schlüsse aus der biblischen Überlieferung zu ziehen. Die Männer auf der Weide waren es jedenfalls in der Heiligen Nacht, die als Erste die himmlischen Jubelchöre der Engel hörten. Und womöglich ließen sich die einfachen Gesellen davon inspirieren und stimmten ihrerseits Lobesgesänge an.
Die Menschen im ausgehenden Mittelalter ließen sich auf jeden Fall von dieser Idee inspirieren. Sogenannte Hirtenlieder traten dann im 16. Jahrhundert mit den aus Italien eingeführten Krippenspielen ihren Siegeszug durch Deutschland an. Sie erfuhren eine ungeheure Popularität, weil sie der armen Bevölkerung die Identifikation mit dem ärmlichen Jesuskind ermöglichten. »Kommet, ihr Hirten« nach einer volkstümlichen Weise, stammt beispielsweise aus dieser Tradition. Doch auch Musikergrößen waren von der Hirtenmusik so angetan, dass sie gar eine eigene Stilrichtung erfanden. Es waren die Pastoralen - abgeleitet vom lateinischen pastor für Hirte. Tiefe Männerstimmen und muntere Flötentöne sind dabei die Mittel der Wahl. Johann Sebastian Bach etwa setzt sie ganz prominent in seinem berühmten Weihnachtoratorium ein. Eine Pastorale eröffnet den zweiten Teil seines Werks.
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 Edvard Munch, »Sternennacht«, 1924.
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Mit musikalischer Unterstützung tief ins Bewusstsein eingeprägt haben sich so die Hirten, die sich um das in der Krippe liegende Jesuskind scharen. Sie bringen nach Ansicht des Friedberger Theologieprofessors und Musikkenners Paul-Gerhard Nohl aber auch einen großen Wunsch vieler Menschen auf den melodischen Punkt: »Es sind Nachtmusiken. Und die Nacht als Schoß des neuen Tages lässt den Träumen und der Sehnsucht nach einer besseren Welt Raum.« Es wäre eine fast zu wunderbare Geschichte, wenn die Hirten tatsächlich kulturbildend gewesen wären. Eine Fantasie, die Historiker leider schnell entzaubern. Ihrer Ansicht nach entstanden die ersten echten Weihnachtslieder nicht auf dem Feld oder im Stall, sondern in der Kirche. Und das auch erst vier Jahrhunderte nach jenen nächtlichen Ereignissen von Bethlehem.
Auslöser war die Verankerung des Fests von der Geburt Christi im Kirchenjahr. Deshalb lassen sich die frühesten Zeugnisse für die Weihnachtslieder im christlichen Gottesdienst finden. Die Ur-Weihnachtslieder: Nicht Volksdichtung, hohe Kunst oder romantische Stimmungsmache, sondern ein gutes Stück Gottesdienst.
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 Vincent van Gogh, »Die Sternennacht«, 1889, Museum of Modern Art.
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Als das wohl älteste Weihnachtslied gilt der Lobgesang »Veni redemptor gentium« (Komm, Erlöser der Heiden). Er erklang erstmals um das Jahr 386. Es war der Mailänder Bischof Ambrosius (gest. 397), der diesen Hymnus verfasste. Alttestamentliche Hoffnungen und neutestamentliche Erzähltradition werden vom Erfinder der Kirchenmusik geschickt verflochten. Der »Erlöser« wird angebetet, die »Krippe« genannt. Verloren ist leider die vollständige Melodie.
Ambrosius' Werke faszinierten schon zu Lebzeiten. Der große Theologen-Kollege Augustinus (354 bis 430) frohlockte: »Wieviel habe ich geweint in deinen Liedern, heftig bewegt von den Stimmen deiner Kirche in ihrem süßen Laut.« Heute ist der Lobgesang des Ambrosius am besten in der deutschen Fassung von Martin Luther als »Nun komm, der Heiden Heiland« bekannt. Im evangelischen Gesangbuch steht der Hymnus bis auf den Tag als Adventslied. Unter der Nummer vier verbirgt sich ein Werk mit dem Grundgerüst eines Textes und vielleicht sogar Teilen der Melodie, die schon vor über 1600 Jahren unter Christen Weihnachtsstimmung verbreitete.
Die frühesten vollständigen Belege mit Text und Musik stammen indessen aus dem Mittelalter. Das älteste schriftlich komplett überlieferte deutsche Weihnachtslied heißt »Syt willekomme heirre kirst« und stammt aus der Feder eines unbekannten Dichters. Aufgeschrieben wurde es im 14. Jahrhundert; seine Wurzeln reichen vermutlich bis ins 11. Jahrhundert zurück. Entdeckt wurde es im goldenen Evangeliar von Kaiser Otto III. Doch niemand muss nach Aachen reisen und den Domschatz einsehen, wo das Evangeliar heute zu bestaunen ist. Im evangelischen Gesangbuch steht das Lied ganz bescheiden unter der Nummer 22: »Sei uns willkommen, Herre Christ.«
Es sind die beiden Jahrhunderte nach der Reformation, die Weihnachten radikal verändern. Das Fest wandert nun aus der Kirche aus und nimmt Besitz von den Wohnstuben. Es wird von der kirchlichen Feier zur christlichen Familienangelegenheit. Die Folge: Nicht mehr Hymnen oder Choräle sind gefragt, sondern Sololieder und häusliche Klavierbegleitung. Die Geburt des Kindes in der Krippe wird bürgerlich domestiziert. Das Liedgut inklusive.
Es waren aber nicht nur das Bürgertum und das Biedermeier, die viele bis heute bekannte Weihnachtslieder zu heiligen Hits machte. Es war, so der Pfarrer und Publizist Friedrich Haarhaus, auch die Qualität und der Ursprung vieler Werke. Sie entstanden oft in den Niederungen des Lebens und berühren deshalb emotional tief.
Haarhaus ist überzeugt: »Mit den Weihnachtsliedern haben sich Generationen ihren Kummer vom Herzen gesungen«. Als Beispiel nennt er »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«, das mitten im Dreißigjährigen Krieg entstand. Die ursprünglich getragene Melodie des Domkantors Johannes Stobäus ersetzten quirlige Pietisten Anfang des 18. Jahrhunderts durch die bekannte beschwingte Weise, die an einen Walzer erinnert. Das Lied wurde zu einer Hymne gegen die maßlosen Zerstörungen, die der Krieg in ganz Europa hinterlassen hatte. Auch »O, du fröhliche«, heute Höhepunkt vieler Weihnachtsgottesdienste, ist ursprünglich eher ein Pfeifen im Walde.
Johannes Daniel Falk hatte es 1819 für die Kinder des Waisenhauses geschrieben, das er leitete. Eigentlich war Falk ein Autor, der zum Freundeskreis um Johann Wolfgang Goethe und Johann Gottfried Herder gehörte. Bekannt wurde er seinerzeit vor allem durch satirische Spottverse mit überwiegend politischem Inhalt. Doch der dichterische Spaß verging dem Literaten, der eigentlich Theologie studieren sollte, unter der Herrschaft Napoleons schnell. Stattdessen sah er die Armut im Land und gründete ein Waisenhaus. Heute gilt Falk auch als Pionier der Diakonie.
Die Faszination der Weihnachtslieder ist nahezu ungebrochen. Und ständig erweitert sich der Kanon. Freilich stammen populäre Werke längst nicht mehr nur von Kirchenkomponisten, sondern auch von Popmusikern. Es war beispielsweise in den 1980er Jahren, als die Gruppe »Boney M.« das Jesuskind nach Vorbild eines zeitgenössischen amerikanischen Komponisten als »Mary's Boy Child« besang und einen Hit landete.
Fröhlich verulkte später der Fernseh-Entertainer Hape Kerkeling Weihnachtslieder und die neu aufkommende Musik aus den schwarzen Vierteln Amerikas gleichermaßen: Er schrieb einen »X-Mas-Rap«. Und auch der deutsche Popstar Sarah Connor brachte ihr sanft hauchend vorgetragenes modernes Weihnachtslied »The best side of my life« samt Gospelchor an die Spitze der Hitparaden. Das Weihnachtslied und Weihnachten halten vieles aus. Tatsache ist aber auch, dass es der Kirche bisher nicht gelungen ist, wie einst eine neue Kultur von Weihnachtsmusik aus der Taufe zu heben. Ein moderner Ambrosius oder Falk sind nicht in Sicht. | WEIHNACHTEN
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