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Dieser Artikel: Ausgabe 49/2008 vom 07.12.2008
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Kirchenvater des 20. Jahrhunderts

Vor 40 Jahren starb Karl Barth, der Vater der »Dialektischen Theologie«


Am 10. Dezember 1968 starb in Basel der Schweizer Theologe Karl Barth. Er prägte die protestantische Theologie des 20. Jahrhunderts wie kein anderer.

Karl Barth (1886-1968).
Foto: epd-bild
   Karl Barth (1886-1968).

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verstand der junge Schweizer Pfarrer Karl Barth (1886-1968) die Welt nicht mehr. Er verzweifelte nicht nur am neuen Ausbruch des Nationalismus, sondern auch an den theologischen Lehrern seiner Zeit: Berühmtheiten wie Adolf von Harnack erklärten sich im September 1914 in einem Manifest führender Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller mit der deutschen Kriegsführung solidarisch.

Unter anderem wegen dieses Ereignisses zerbrachen für Barth, wie er sich später erinnert, die bis dahin geltenden großen theologischen Systeme. Er wurde ein »geistiger Revolutionär«, für einige gar der »Kirchenvater des 20. Jahrhunderts«. Karl Barth starb vor 40 Jahren am 10. Dezember 1968 in Basel, wo er am 10. Mai 1886 als Spross einer evangelischen Theologendynastie auch geboren worden war.

Das Paradox der Rede von Gott

Seine Skepsis wuchs vor allem gegenüber der liberalen Theo­logie und dem sogenannten Kulturprotestantismus - also der bürgerlichen Theologie des 19. Jahrhunderts. Er entwickelte als Theologieprofessor ab den 1920er-Jahren zusammen mit Friedrich Gogarten, Rudolf Bultmann, Emil Brunner und anderen die »Dialektische Theologie«, bei der die für ihn unüberwindbaren Gegensätze Gott und Mensch oder Zeit und Ewigkeit im Mittelpunkt standen.

Barth, der unter anderem in Bonn, Göttingen und Münster lehrte, brach radikal mit einer Theologie, die zwischen Gott und Mensch vermitteln oder den - aus seiner Sicht unendlichen - Abstand zwischen Gott und Mensch verringern wollte. Ab jetzt hieß es: »Gott ist Gott«. Barth spricht von Gott als dem »ganz Anderen«. In letzter Konsequenz wird so auch jede von Menschen erdachte Religion zum Unglauben. Allein im genauen Hören auf die Bibel finden Menschen das Wort Gottes, war sich Barth sicher.

Diesen Grundgedanken führte er bis in die kleinsten Verästelungen in seinem Lebenswerk aus, der unvollendet gebliebenen »Kirchlichen Dogmatik«. Ein Paradox seiner eigenen Theologie konnte Barth freilich nie ganz auflösen: »Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden.«

Seine Neuinterpretation des Protestantismus löste auch in der katholischen Welt und der Ökumene ein breites Echo aus. Barths spekulativer Stil und seine gegenüber der Bibel weitgehend unkritische Einstellung brachten ihm jedoch auch Kritik ein - so gilt er als Vertreter der »Neo-Orthodoxie«. Er selbst seufzte: »Im Grunde ist meine ganze Theologie eine Theo­logie für Pfarrer.«

Doch weniger durch seine schwer vermittelbare Theologie als durch seinen Kampf gegen die Nationalsozialisten ist Barth bis heute in Erinnerung geblieben. Er ging als geistiger Vater der Barmer Theologischen Erklärung in die Kirchengeschichte ein. Historiker werten die am 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen verabschiedeten Thesen als Gründungsurkunde und moralische Legitimation für den Neuaufbau des deutschen Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Barmer Erklärung hatten sich evangelische Christen von der Ideologie des Nazi-Staates abgegrenzt. Das zentrale Papier des Kirchenkampfes wurde weltweit auch zum Vorbild für christliche Befreiungsbewegungen in totalitären Staaten.

Viel mehr als an seiner Theologie sind viele heute an der Dreiecksgeschichte zwischen Barth, seiner Ehefrau Nelly, mit der er fünf Kinder hatte, und der dreizehn Jahre jüngeren Sekretärin Charlotte von Kirschbaum interessiert - vielleicht der wichtigste Mensch in seinem Leben. Gegen alle Widerstände und moralische Empörung integrierte er »Lollo« als Lebensgefährtin in die Familie.

»...aber die anderen auch«

Nicht nur theologisch polarisierte Barth sein Leben lang. In seinen späten Jahren warf man ihm zu wenig Distanz zum Kommunismus vor. Politiker seiner Schweizer Heimat gingen auf Abstand. Viele erinnerten sich wieder daran, wie Barth als »roter Pfarrer« ab 1911 in der kleinen Bauerngemeinde Safenwil im Aargau die Arbeiter in ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne unterstützt hatte.

Heute gilt Barth als einer der bedeutendsten evangelischen Theologen. Der einstige Bundespräsident Johannes Rau (1931-2006) gab auf der Gedenkfeier zu Barths 100. Geburtstag 1986 in Düsseldorf eine der vielen Anekdoten um den Gelehrten zum Besten. So soll Barth gefragt worden sein: »Herr Professor, werden wir droben unsere Lieben wiedersehen?« Seine Antwort: »Ja, aber die anderen auch.«

 

  Buchhinweise: »Karl Barth - Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel 1925-1935« - Band I, Herausgegeben von Rolf-Joachim Erler. Karl Barth-Gesamtausgabe Abt. V. Briefe, (GA 45) 2008, TVZ Theologischer Verlag Zürich, ca. 450 Seiten, 80 Euro, Leinen, ISBN 978-3-290-17436-1.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Stephan Cezanne

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:34 Uhr

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