Konfessions-Theaterstadl in Bamberg
200 Jahre evangelisch-lutherische Kirche in Bayern - eine kleine Kirchengeschichte in Episoden
Vor 200 Jahren - 1808 und 1809 - legten königliche Edikte den Grundstein für eine landesweite evangelisch-lutherische Kirche in Bayern. Für die Kirche des Jahres 2008 Anlass zur großen Geburtstagsfeier mit Geschenkpaket-Aktion (unser Logo). Und Anlass, mit dem Zahlen-Witz zu spielen, dass doch unsere Kirche, in Berufung auf die christliche Urgemeinde, eigentlich 2000 Jahre alt ist. Für das Sonntagsblatt Anlass, in einer kleinen Serie Episoden aus den Anfängen dieser bayerischen Kirchengeschichte zu erzählen.
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Wairer
 Im Totenbuch der Bamberger Stephansgemeinde ist der Name eines Verstorbenen verzeichnet, Karl Friedrich Gottlob Wetzel, über dessen Konfessionszugehörigkeit sich die Kirchen stritten.
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»Ho, ho! Hat man mich so missverstehen können? Nein, nie, nie werde ich von meinem Glauben wanken.« Das soll Karl Friedrich Gottlob Wetzel im Sommer 1819 in Bamberg ausgerufen haben, als er krank im Bette lag. Es war drei Wochen vor seinem Tod. Das Gerücht ist aufgekommen, und die halbe Stadt spricht davon, der protestantische Zeitungsredakteur sei plötzlich katholisch geworden. Wetzel aber tut seinem Pfarrer und über ihn der Öffentlichkeit kund: »Ich bin nach wie vor der evangelischen Religion zugetan und verlange, dass Sie mir das heilige Abendmahl reichen.«
Pfarrer Johann Billmann aus Walsdorf bezeugt Wetzels Worte vor der Königlichen Bezirksregierung in Bayreuth, denn es gibt eine Untersuchung. Seit wenigen Jahren erst hat Bamberg eine protestantische Gemeinde; das königlich-bayerische Ministerium des Innern schuf die Voraussetzungen. Und nun sieht sich die evangelische Minderheit der Stadt mit einem ärgerlichen Gerücht konfrontiert: Einer der ihren, prominenter Redakteur des Fränkischen Merkur, übergelaufen!
Aus Walsdorf eilt der evangelische Pfarrer herbei, um die Konfession des Kranken und mit ihr die Interessen aller Bamberger Protestanten zu schützen. Das Örtchen Walsdorf, zehn Kilometer außerhalb der Stadt, ist schon seit Jahrhunderten evangelisch, seit der streitbare Grundherr Wolf von Krewelsheim den jungen Martin Luther zum Kaiser nach Worms begleitet hat und ihm dort auch zur Flucht verholfen haben soll. Die wenigen Evangelischen in Bamberg wurden stets von Walsdorf aus betreut.
Nun also Karl Friedrich Gottlob Wetzel! Für heutige Leser, nicht in einen Existenzkampf mit der anderen Konfession verstrickt, ist die Wetzel-Affäre ein prächtiges Lesevergnügen, ein grotesker Konfessions-Theaterstadl. Zuerst der Auftritt des Todkranken (»Ho, ho ...!«). Dann ein gefühlsbetonter Auftritt der Gattin: »Nach empfangenem Brode äußerte er, Wetzel, noch den Wunsch, daß seine Frau zu gleicher Zeit communiciere, was auch geschehen ist, und zwar mit einer Rührung, welche selbst die anwesenden Zeugen ergriff« (Billmann).
»Im kleinsten Wind bläst das Absolute«
Nun aber: die Gegenseite, verkörpert in dem katholischen Fürsten Alexander von Hohenlohe, Vikariatsrat des Bistums Bamberg. Seine »Wahre Geschichte des Übertritts« geht so: »Es war der 6. Julius, als mich schon in später Nacht die Frau des Dr. Wetzel ersuchen ließ, ihren am Nervenfieber gefährlich darnieder liegenden Mann zu besuchen. Ich erwiderte, dass ich diesem Antrage nicht entsprechen könne, da Dr. Wetzel Protestant sei.«
Aber die Leute hätten ja mehrfach insistiert, erzählt der Fürst - und endlich gibt er nach. »Es war halb 11 Uhr nachts, als ich vor sein Bett trat. Nun eröffnete er mir seinen Entschluss, er wolle in dem katholischen Glauben sterben, und bat mich, mit Thränen in den Augen, ihn mit meinem Beistand zu leiten. Ich nahm also den todkranken, zum katholischen Glauben sich bekennenden Christen in die heilige Kirche auf.« Die Gattin, notiert der Fürst nicht ohne List, stand dabei, ergriff sogar »unter Thränen das Kruzifix, küsste es selbst und reichte es wiederholt ihrem Manne zum Küssen dar«.
Von einem Übertritt jedoch will Frau Wetzel laut späterer Aussage nichts gemerkt haben. Tags darauf (großer Auftritt!) wirft sie sich dem Katholiken entgegen und »erklärte mir mit wilder Gebärde, dass sie mir keinen Zutritt mehr zu ihrem kranken Manne gestatte, dass er bei seiner vorigen Religion verbleibe, dass er das Abendmahl von dem protestantischen Pfarrer erst vor Kurzem genommen habe, dass ich ihr und ihres Mannes Vertrauen missbraucht hätte, und noch andere unglimpfliche Worte entströmten ihrem Munde.«
Nach drei Wochen, am 29. Juli 1819, stirbt Wetzel. Er wird auf dem Stephans-Friedhof auf der ersten Terrasse des Stephansbergs beerdigt. Der evangelische Pfarrer ist es, der den Leichnam zu Grabe trägt. Um die Seele aber streiten sich die Konfessionen weiter: »Über Dr. Wetzels angeblichen Übertritt zur katholischen Kirche conferantur die pfarramtlichen Acten«, ist im Sterbebuch vermerkt, man soll also die Akten heranziehen.
Ein Gedicht Wetzels ist »Philosophische Poesie« betitelt. Etwas verkürzt: »In allen Dingen walten drei Potenzen / Als Indifferenz der Differenzen / Dem Organismus auch kömmt was zugute / Im kleinsten Winde bläst das Absolute.« |
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