Pantheon und Protestanten
Vor 500 Jahren wurde Andrea Palladio geboren - der einflussreichste Architekt der frühen Neuzeit
Der italienische Architekt Andrea Palladio (1508-1580) gilt heute als Hauptmeister der italienischen Baukunst im 16. Jahrhundert. Vor 500 Jahren, am 8. November 1508, wurde er als Sohn eines Müllers in Padua geboren. Vor allem in den protestantischen Ländern Europas und in den USA wirkte seine »klassizistische« Architektur - auch im Kirchenbau.
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 Rotunde und Tempelfassaden: Schon Goethe schwärmte für Andrea Palladios »Villa Rotonda« (1566/71, bei Vicenza).
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Schon Goethe schwärmte auf seiner Italienreise für sie: Andrea Palladios »Villa Rotonda« bei Vicenza ist bis heute ein architektonisches Urbild des Klassizismus, das bis zu den neoklassizistischen Prunkvillen russischer Neureicher im Speckgürtel von Moskau prägend wirksam geblieben ist.
Lange zuvor griff man in den protestantischen Ländern im Norden und Westen Europas (aber auch in den Vereinigten Staaten) auf die Vorbilder des italienischen Renaissance-Architekten besonders gern zurück. »Palladianismus« nannte sich die Architektur-Mode, die sich mit strengen, klassischen Formen vor allem in England, aber auch in den Niederlanden und Norddeutschland vom als katholisch empfundenen »römischen« Barock abgrenzte.
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 Andrea Palladio (1508-1580): Italien feiert den Baumeister mit Ausstellungen und vielen Veranstaltungen (www.palladio2008.info).
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Die Gerechtigkeit Gottes bauen
Andrea di Pietro della Gondola - später in Anspielung auf die griechische Göttin und Schirmherrin der Künste, Pallas Athene, mit dem Ehrentitel »Palladio« versehen - wurde am 8. November 1508 in Padua als Sohn eines Müllers geboren. Nicht weit entfernt, in Vicenza, sollte er am 19. August 1580 auch sterben.
Doch als der junge Baumeister 1541 erstmals nach Rom reiste, hatte er seine Schlüsselbegegnung mit der Baukunst der Antike. Ergebnis seiner Studienreisen war ein Buch über die antike und christliche Architektur Roms, die »Antichità di Roma« (1554), in dem sich spiegelt, wie sehr gerade das Pantheon den Architekten faszinierte.
Zunächst war Palladio Baumeister in Vicenza, ab 1550 arbeitete er für das mächtige Venedig. Weniger bekannt als Palladios Villen und Paläste sind seine Sakralbauten. Er projizierte antike Tempelfronten auf christliche Kirchen, wobei es ihm gelang, durch vielfältige Variationen dieses Motivs einen harmonischen Übergang zur Kuppel zu schaffen. Palladios erster Sakralbau war 1559 die Errichtung einer neuen Fassade von San Pietro - der Kirche, die vom 7. Jahrhundert bis 1807 als Kathedrale des Bistums Venedig diente und stets im Schatten des Markus-Doms der Dogen stand. »Il Redentore« auf der Insel Giudecca mit ihrer großartigen, zum gegenüberliegenden Dogenpalast ausgerichteten Schauseite, ist dagegen Palladios bekannteste Kirche in Venedig.
Sein letzter Sakralbau vor seinem Tod 1580 war der Tempietto Barbaro in Maser: eine Kapelle mit einem an das Pantheon erinnernden Portikus und einem überkuppeltem Zentralbau. Die vollkommenste und hervorragendste Form eines Gotteshauses sei der Zentralbau, sagte Palladio, da sie in allen ihren Teilen gleich weit entfernt vom Mittelpunkt entfernt und am geeignetsten sei, die Einheit, das unendliche Wesen, die Gleichförmigkeit und die Gerechtigkeit Gottes zu bezeugen.
Als Architekturtheoretiker hinterließ Palladio seine »Quattro Libri dell'Architettura« (1570). 1715 ins Englische übersetzt, prägte Palladios harmonische Bautheorie Generationen von Architekten. Sogar interessierte Laien kamen mit Palladio zu sehenswerten Entwürfen: Palladios Architekturtheorie folgend reichte der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der USA, Thomas Jefferson (1743-1826), anonym, aber erfolglos einen eigenhändigen Wettbewerbsbeitrag zum Präsidentensitz ein. Das Weiße Haus durfte Jefferson nicht bauen, dafür realisierte Pläne zu seinem Landgut »Monticello« (ital. kleiner Berg) bei Charlottesville in Virginia, das heute zum Weltkulturerbe gehört.
Auch den protestantischen Kirchenbau in Deutschland beeinflusste der Architekturtheoretiker aus dem Veneto: Ein bedeutender Vermittler palladianischer Gedanken war Anfang des 18. Jahrhunderts der streitbare und nicht unumstrittene Universalgelehrte Leonhard Christoph Sturm (1669-1719). In Altdorf bei Nürnberg geboren und Schüler der Fürstenschule Heilsbronn, legte er 1712 als Baumeister am Hof von Schwerin mit seinem Buch »Architectonisches Bedencken. Von protestantischer Kleinen Kirchen« eine von Palladio beeinflusste Kirchbautheorie vor.
Besonders in Norddeutschland finden sich zahlreiche an Palladio orientierte Sakralbauten: die Trinitatiskirche von Zerbst beispielsweise mit ihren strengen Kolossalpilastern (1683-1696 nach Plänen des Niederländers Cornelis Ryckwaert), der Deutsche und der Französische Dom in Berlin vom Anfang des 18. Jahrhunderts oder die 1765/70 erbaute Stadtkirche im Mecklenburgischen Ludwigslust.
Das Pantheon in Rom war sogar Vorbild für die erste katholische Kirche in Preußen nach der Reformation, die vor allem für Zuwanderer aus Schlesien erbaute St. Hedwigs-Kathedrale am Berliner Bebelplatz. Sie entstand zwischen 1747 und 1773 nach Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Ein Spätwerk dieses Meisters ist schließlich die den Hugenotten dienende Französische Kirche in Potsdam, ein kleiner Zentralbau mit erneut deutlichen Anklängen an das Pantheon.
Und selbstverständlich war auch Münchens Klassizismus-Star Leo Klenze ein »Palladianer«. Hätten sich Münchens Protestanten vor knapp 200 Jahren bei den Planungen zum ersten evangelischen Kirchenneubau für Klenzes Pläne entschieden - sie hätten einen Pantheon-Tempel fast wie aus der Hand von Andrea Palladio bekommen. |