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Dieser Artikel: Ausgabe 45/2008 vom 09.11.2008
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Die seltsamsten Jesus-Worte

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Jesus war ganz Gott - aber eben auch ganz Mensch. Das mag eine Erklärung dafür sein, dass er sich manchmal heftig widersprach. Oder sind die Evangelisten verantwortlich für manche irritierenden Äußerungen Jesu?

»Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« - Matthäus 10, 34

(zum  Bibelvers) Wie sagte Jesus doch so schön und wegweisend in der Bergpredigt: »Selig sind die Friedfertigen«! Nur fünf Kapitel weiter ändert er seine Meinung um 180 Grad, will statt des Friedens das Schwert bringen. Welche Wandlung! Verwirrend dann wieder: Bei seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane verbietet er Petrus, zur Waffe zu greifen: »Steck dein Schwert in die Scheide.« Ein unentschlossenes Hin und Her zwischen Gewaltfreiheit und Kampfesgetümmel, könnte man meinen. Aber Jesus fährt vor den verdutzten Zuhörern fort:

 

»Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.« - Matthäus 10, 35

(zum  Bibelvers) Warum denn das?!? Geht es nicht vielmehr darum, Väter und Kinder, insbesondere Mütter und ihre Töchter, miteinander zu versöhnen?!? Jesus kündigt an, das Gegenteil zu tun: Er will die Generationen nicht zusammenführen, sondern entzweien. Und zwar nicht nur die leiblichen Verwandten, sondern auch die angeheirateten. Für bürgerliche Familienharmonie ist Jesus folglich nicht in Anspruch zu nehmen. Das musste auch Maria, die Mutter Jesu, schmerzlich spüren, als er sie anraunte:

 

»Sie haben keinen Wein mehr«, sagt, dem Johannes-Evangelium zufolge, während der Hochzeit von Kana Maria zu ihrem Sohn Jesus. Fordert sie ihn damit zu einem Wunder auf?
Foto: sob
   »Sie haben keinen Wein mehr«, sagt, dem Johannes-Evangelium zufolge, während der Hochzeit von Kana Maria zu ihrem Sohn Jesus. Fordert sie ihn damit zu einem Wunder auf?

»Was geht's dich an, Frau, was ich tue?« - Johannes 2, 4

(zum  Bibelvers) Redet man etwa so mit seiner Mutter? Kannte Jesus denn das vierte Gebot nicht: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«? Statt dessen weist er seine Mutter zurecht, und das auf einem Fest vor anderen Leuten! Die beiden waren in Kana zu einer Hochzeit geladen. Als Maria merkt, dass den Gastgebern der Wein ausgeht, sagt sie zu ihrem Sohn: »Sie haben keinen Wein mehr.« Ist das nur Small-Talk oder will sie ihn mit der Bemerkung zu etwas auffordern? Beides wäre kein Grund für die schroffe Reaktion Jesu. Schon allein seine Mutter »Frau« zu nennen, zeugt nicht von Respekt. Es spricht für Marias übermenschliche Geduld, dass sie ihren Sohn nicht zur Höflichkeit ermahnt.

 

»Diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder.« - Lukas 19, 27

(zum  Bibelvers) Ein weiterer unglaublicher Verstoß gegen das, was Jesus selbst in der Bergpredigt gesagt hat. Da ist plötzlich gar nicht mehr von Feindesliebe die Rede, im Gegenteil: Jesus will seine Feinde niedermachen lassen (Martin Luther übersetzte einst sogar: »erwürgen«) und dabei auch noch zuschauen! Ob seine Jünger ihm dieses Ansinnen erfüllt haben, bleibt unbekannt. Vorstellbar ist, dass sie geschockt waren über diese heftige Gewaltfantasie ihres Meisters. Das wäre eine Erklärung dafür, dass nur Lukas diesen Satz überliefert. Matthäus schreibt an dieser Stelle: »Den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.« Das ist auch nicht gerade gnadenvoll, aber nicht ganz so brachial.

 

»Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.« - Lukas 19, 26

(zum  Bibelvers) Gerechtigkeit? Fehlanzeige. Unverblümt agiert Jesus hier offensichtlich für die himmelschreiende Ungerechtigkeit auf der Welt: Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Dagegen tritt die Diakonie an und unzählige Christen in aller Welt. Undenkbar, dass dieser Satz, diese Aufforderung Jesu, Eingang in eine kirchliche Sozial-Denkschrift finden würde. Auch wenn Jesus es »nur« als ein Bildwort am Ende eines Gleichnisses gesagt hat: Es zeugt von wenig Einfühlungsvermögen jenen gegenüber, die Not leiden.

 

Marinus van Reymerswaele, Der Geldwechsler und seine Frau, 1539, Museo del Prado, Madrid.
Foto: sob
   Marinus van Reymerswaele, Der Geldwechsler und seine Frau, 1539, Museo del Prado, Madrid.

»Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.« - Lukas 16, 9

(zum  Bibelvers) Hätte Jesus so etwas auch heute gesagt, angesichts undurchsichtiger Börsen-Spekulationen und astronomisch hoher Bonuszahlungen für Manager? Oder hätte er stattdessen einen anderen Satz wiederholt: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon«? Der Theologe Klaus Berger deutet den Satz als Aufforderung, ein Netzwerk zu errichten, und das baue man nun mal nicht nur »mit frommen Sprüchen und hehren Theorien, sondern so wie andere Netze auch mit Geld«. Vielleicht hat er recht - und Jesus war taktisch klug, mal ein Idealist, mal ein Pragmatiker.

 

Anna Ancher, Am Grab, 1913, Skagens Museum.
Foto: sob
   Anna Ancher, Am Grab, 1913, Skagens Museum.

»Lass die Toten ihre Toten begraben.« - Lukas 9, 60

(zum  Bibelvers) Ob dieser Mann tatsächlich zum Jünger Jesu wurde? Unbedingt wollte er Jesus nachfolgen, nur vorher wollte er noch am Grab von seinem Vater Abschied nehmen. Jeder Seelsorger hätte dieses Ansinnen unterstützt, hätte gewusst: Trauer ist heilsam. Nicht so Jesus: Er fordert den Mann auf, sich zu entscheiden: entweder für die Beerdigung oder für die Nachfolge. Wie der Gläubige reagiert hat, wird nicht berichtet.

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Alle » Folgen der Serie »Das Beste aus der Bibel« finden Sie » hier...

 

  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der neuen Sonntagsblatt-Serie Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

DIE WORTE JESU

  Unzählige Vereinnahmungen musste Jesus über sich ergehen lassen: Feminist und Fantast, neuer Mann, Sozialrevolutionär, Sozialist, Heiler... Doch egal, welcher Interpretation seines Wirkens man zuneigt: Stets gibt es Aussprüche von ihm, die sich jedem Schubladendenken widersetzen und zu neuem Nachdenken auffordern.

  Zum Weiterlesen: Klaus Berger: Jesus, Pattloch Verlag München 2007.

 

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Uwe Birnstein

 


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abgerufen 08.02.2012 - 12:06 Uhr

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