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Dieser Artikel: Ausgabe 45/2008 vom 09.11.2008
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Das Kreuz als Herbstdekoration

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Warum das christliche Kreuz, egal wo es hängt, überall ein Anstoß ist. Und warum es deshalb sowohl überall unpassend ist, als auch gleichzeitig überallhin gehört.

Eine Freundin von mir hat sich neulich auf einem Flohmarkt ein Kruzifix gekauft. Ich weiß, dass ihr der Glaube eigentlich nichts bedeutet. Sie hat sich aber darüber gefreut und hat gesagt: Das ist doch eine tolle Dekoration und passt zu den Bauernmöbeln im Esszimmer. Jetzt hat sie es da in einer Ecke dekoriert, mit Herbstlaub und mit kleinen Kürbissen. Ich finde das völlig unpassend, aber ich weiß nicht, wie ich ihr das sagen soll.

Frau E.

 

Ich finde das auch völlig unpassend und zugleich völlig passend! Das ist ja ein starkes Bild, das Sie sehr zum Nachdenken anregt: der gekreuzigte Gottessohn, der Leidende am Kreuz in der Esszimmerecke zwischen Kürbissen. Die alpenländischen Herrgottswinkel fallen einem ein, die je nach Kirchenjahreszeit mit geweihten Palmkätzchen oder mit Buchsbaumzweigen dekoriert sind und mancherorts zu kleinen Hausaltären werden. Da ist mittlerweile sicher auch vieles zur Dekoration geworden - und zugleich steckt der Gedanke dahinter, dass unser Glaube mit seinen Bildern und Symbolen alle Lebenswelten durchzieht.

Aber man kann ganz grundsätzlich fragen, ob es überhaupt einen passenden Ort gibt für die Darstellung, wie ein Unschuldiger hingerichtet wird. Dieses Geschehen ist ja in sich schon das Unpassendste, was man sich vorstellen kann. Es wirft unsere Maßstäbe für das, was richtig und gerecht ist, über den Haufen. Kann es da einen passenden Ort geben? Wo passt das Kreuz eigentlich hin? Passt es in Museen? Passt es in Kirchen, wo Menschen mit Kirchenführern in der Hand danach suchen, weil es besonders schön oder kunstvoll ist?

Der englische Theologe George MacLeod hat einmal gesagt, Jesus sei nicht in der Kirche zwischen zwei Kerzenleuchtern gekreuzigt worden, »sondern ... auf einer städtischen Müllkippe, an einer Kreuzung, die so weltlich war, dass man seinen Titel in Hebräisch und Griechisch und Lateinisch schrieb; an einem Ort, wo Zyniker Witze reißen und Diebe fluchen und Soldaten spielen.« Wer hat da eigentlich eine Ahnung gehabt, was passiert? Einer hat zu dem, der da neben ihm am Kreuz hing, gesagt: »Denke an mich...« Andere haben erst viel später, viele nie verstanden, was da geschieht.

Und manchmal denke ich: Dieses Kreuz schafft sich seine Zeit. Vielleicht wird irgendwann in genau diesem Esszimmer der Blick eines Menschen darauf fallen, und es wird genau dann, in diesem nicht vorhersehbaren Moment, für ihn wichtig sein.

Das Kreuz ist, wo auch immer es hängt, ein Anstoß. Womöglich ist es überall unpassend und gehört zugleich überallhin. Vielleicht kann die Bedeutung, die es für Sie hat, ein Anstoß sein zum Gespräch mit Ihrer Freundin. Dabei geht es nicht so sehr darum, ihr zu sagen, dass sie das alles nicht tun darf, sondern vielleicht darum zu erzählen, was es Ihnen bedeutet, und darüber zu reden, dass dieses Kreuz so viele unterschiedliche Bedeutungen haben kann für so viele unterschiedliche Menschen.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Herzog-Wilhelm-Str. 24, 80331 München.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Barbara Hauck

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:26 Uhr

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