Religiöse Toleranz, von oben verordnet
200 Jahre Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern - eine kleine Kirchengeschichte in Episoden
Vor 200 Jahren - 1808 und 1809 - legten königliche Edikte den Grundstein für eine landesweite evangelisch-lutherische Kirche in Bayern. Für die Kirche des Jahres 2008 Anlass zur großen Geburtstagsfeier mit Geschenkpaket-Aktion (unser Logo). Und Anlass, mit dem Zahlen-Witz zu spielen, dass doch unsere Kirche, in Berufung auf die christliche Urgemeinde, eigentlich 2000 Jahre alt ist. Für das Sonntagsblatt Anlass, in einer kleinen Serie Episoden aus den Anfängen dieser bayerischen Kirchengeschichte zu erzählen.
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 Durch die Tür dort hinten links trat die Kurfürstin ein, und dann begann - es war der 12. Mai 1799 - in diesem »Grünen Saal« (der heute unzugänglich ist), im Schloss Nymphenburg der erste evangelische Gottesdienst seit der Reformation.
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»In der Gewissheit, dass das Recht auf meiner Seite ist, befehle ich hiermit meinem Stadtmagistrat«, lässt der tolerante Max Joseph ausrichten. Und was befiehlt er? Dass die Münchner Stadtspitze einen gewissen Johann Balthasar Michel, einen Weinwirt und Pferdehändler aus der Pfalz, einzubürgern hat! »Widrigenfalls ich mich genötigt sehen würde, die strengsten Mittel zu ergreifen.«
Ein tagelanger Briefwechsel zwischen Hof und Stadt ist vorausgegangen, honigsüß im Ton, hart in der Sache. Balthasar ist nämlich Protestant - und einen protestantischen Münchner, ja sog amoi, das gab's hier noch nie! Die Stadtväter lehnen ab. Da spricht Max Joseph sein Machtwort. Tags darauf, am 30. Juli 1801, klappt das mit dem neuen Nachbarn: »Johann Balthasar Michel, Kaufmannssohn aus Mannheim, wird als Bürger und Weingastgeber in München gnädig, großgünstig an- und aufgenommen«, flötet der »hochedle, wohlweise und löbliche Magistrat der hiesigen Haupt- und Residenzstadt«. Michel ist damit der erste evangelische Bürger Münchens.
Napoleons Geschenke an Bayern
Den Bayern ist ihre religiöse Toleranz von oben verordnet worden, von einem Herrscher, der unangenehm autoritär werden konnte. Beispiel Bamberg: 1802 besetzt Max Joseph das Hochstift militärisch, erklärt es zur bayerischen Provinz und enteignet die Kirche. St. Stephan, bisher ein katholisches Gotteshaus, wird Obst- und Getreidespeicher - und wenige Jahre später die erste evangelische Kirche der Stadt.
Bamberg ist Napoleons Geschenk an den Bayern, dafür dass er Bonaparte im Krieg gegen halb Europa unterstützt. (Bei Napoleons Russlandfeldzug 1812 fallen 30.000 bayerische Soldaten.) Max Joseph, in Straßburg aufgewachsen, war selbst eine Zeit lang Oberst in Frankreichs Revolutionsarmee. Als er 1799 in München den verstorbenen Kurfürsten beerbt, legt ihm Napoleon die Königswürde obendrauf und dazu noch etliche Gebiete samt ihren Bewohnern.
Der Herrscher beauftragt seinen Superminister Joseph Graf von Montgelas mit Reformen. Bayern wird ein zentralistischer Staat mit einem Beamtenapparat, der allein dem König untertan ist. Selbstverwaltungen werden beschnitten, auch die der Kirchen. Menschen- und Bürgerrechte nach französischem Vorbild werden eingeführt.
»Die Wahl des Glaubensbekenntnisses ist jedem Staatseinwohner nach seiner eigenen freien Ueberzeugung überlassen«, bestimmt die bayerische Verfassung von 1818. Dank dieser Toleranz werden die Protestanten den Katholiken nun endlich gleichgestellt. Sie haben freilich noch lange um ihre Rechte im überwiegend katholischen Bayern ringen müssen. Sie mussten auch untereinander um Toleranz ringen, denn die Landeskirche im Werden vereinte in sich nicht weniger als 90 Regionalkirchen. Sie unterschieden sich in Bekenntnis, Kultus und Organisation erheblich voneinander.
Doch zurück zu den Anfängen: Mit Max Joseph, einem aufgeklärten Katholiken, ist seine Ehefrau Karoline Friederike Wilhelmine nach München gekommen, eine evangelische Prinzessin aus dem Badischen. Sie hat sich im Ehevertrag mit dem Gemahl ausbedungen, ihrer Religion auch weiterhin zu dienen. Sie bringt ihren persönlichen Beichtvater mit, den Kabinettsprediger Friedrich Schmidt. Bald gibt es bei Hofe evangelischen Gottesdienst.
Es war am 12. Mai 1799, im Grünen Saal standen Tür und Fenster offen. Rund 150 Menschen sind gekommen, evangelische Kammerzofen, Diener, Offiziere, Staatsbeamte - und Karoline, 23 Jahre jung. Beichtvater Schmidt greift zur Heiligen Schrift und legt einen Psalmvers aus: »Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest: deine Altäre, Herr Zebaoth!« So ist das gewesen beim ersten evangelischen Gottesdienst im Schloss Nymphenburg, etwas improvisiert das Ganze, aber von höchster Stelle gewollt.
Das wurde natürlich Stadtgespräch - und in die Gottesdienste kamen auch neugierige Katholiken. Der Erlanger Historiker Werner K. Blessing sagt über so viel Toleranz im Schloss: »Was mit dem Hofgottesdienst eingeleitet und dann staatsrechtlich allgemeingültig wurde, ist zu einem Grundgesetz des modernen Bayern geworden, nämlich die Gleichberechtigung der Konfessionen.« |
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