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Dieser Artikel: Ausgabe 43/2008 vom 26.10.2008
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Opportunist auf theologischem Mittelweg

Historiker auf Tagung zur Kirche in NS-Zeit: Bischof Meiser wurde seiner Verantwortung nicht gerecht


Der erste Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Hans Meiser (1881-1956), wurde seiner Verantwortung während der NS-Zeit nicht gerecht. So jedenfalls lautet das Urteil des Historikers Hartmut Lehmann (Kiel): »Meiser besaß Vorbildfunktion und hätte Orientierung geben können, hat aber einen fatal falschen Kurs vorgegeben«, sagte er zum Abschluss einer Tagung zur Rolle der evangelischen Landeskirche während der NS-Zeit in München.

Landesbischof Hans Meiser auf Inspektionsreise in den 1930er-Jahren.
Foto: sob
   Landesbischof Hans Meiser auf Inspektionsreise in den 1930er-Jahren.

Dieses Fazit zog Lehmann als Beobachter des dreitägigen wissenschaftlichen Symposiums am letzten Wochenende in München. Im Mittelpunkt stand dabei Bischof Meiser, der wegen seiner antisemitischen Äußerungen umstritten ist.

Vor allem im Jahr 1933 sei Widerstand möglich gewesen. Doch habe Bischof Meiser »gravierendes« Fehlverhalten gezeigt und seine erweiterten Vollmachten zur »effizienten Gleichschaltung und Ausschaltung anderer Positionen« verwendet, sagte Lehmann. Auch habe er hinter Obrigkeitstreue, Nationalismus und Antijudaismus gestanden und es nicht vermocht, zu einer »anderen Gesinnung zu kommen.«

In Bezug auf die Diskriminierung von Christen mit jüdischen Vorfahren und Behinderten habe sich Meiser opportunistisch verhalten und zu spät gehandelt. Dies wiege umso schwerer, als es Zeitgenossen gegeben habe, die das verbrecherische System durchaus erkannt und kritisiert hätten.

»Kirchliche Mentalität«

Der Theologe Wolfgang Kraus (Saarbrücken) sagte, Bischof Meiser habe für eine »intakte Struktur der Landeskirche gesorgt« und damit Pfarrer und Gemeinden hinter sich gebracht. Meiser habe Hochachtung genossen, weil er mit seinem Mitarbeiterstab die »kirchliche Mentalität und Normalität« repräsentiert habe. Auch nach 1945 hätten Haltung und Verhalten dem »Mainstream« entsprochen. Dies sei allerdings »verheerend« gewesen. Insgesamt habe Bischof Meiser mit seinem theologischen »Mittelweg« den »biblischen Weg« verlassen, sagte Kraus.

Das Amtsverständnis Meisers kritisierte die US-amerikanische Historikerin Susannah Heschel (New Hampshire). »Religion ist Erinnerung, und mit Religion konstruieren wir Erinnerung«, sagte Heschel. Bischöfe hätten die Aufgabe, unangenehme Ansichten zu verteidigen und entschieden »Nein« zu sagen. Ihr dänischer Kollege Jens-Holger Schjoerring (Aarhus) regte zu internationalen Forschungen zu Kirche und NS-Zeit an, so etwa zu einem Vergleich des anglikanischen Bischofs George Bell mit Bischof Meiser.

Bei einem Gottesdienst hatte Landesbischof Johannes Friedrich erklärt: »Unsere Landeskirche ist schuldig geworden, weil sie unzähligen Verfolgten, Unterdrückten und lebensgefährlich Bedrohten der damaligen Zeit keine helfende Hand gereicht hat«. Die Kirche sei schuldig geworden, weil sie geschwiegen habe, wo klare Worte hätten gesprochen werden müssen. Notwendig sei daher Aufarbeitung und selbstkritische Reflexion. Dabei gehe es nicht um eine Abrechnung mit einer Person der Zeitgeschichte, sondern darum, der »Opfer und des eigenen Versagens zu gedenken«, sagte Friedrich.

Die Vorträge sollen in einer Publikation veröffentlicht werden. Wie die Leiterin des Landeskirchenamtes, Karla Sichelschmidt, auf epd-Anfrage erklärte, seien die Tagungsergebnisse auch Grundlage für die Überarbeitung der geplanten Meiser-Erinnerungstafel. »Nach Gesprächen mit der Familie Meiser soll die Tafel im kommenden Jahr am Gebäude des Landeskirchenamts angebracht werden«, sagte Sichelschmidt.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

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Rieke C. Harmsen

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:27 Uhr

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