Topografie des Nationalsozialismus
Wie sich Landeskirche und Stadt München mit der NS-Geschichte auseinandersetzen
Der Neubau eines NS-Dokumentationszentrums in München ist beschlossene Sache. Über 30 Millionen Euro soll das Gebäude kosten, das ab 2010 an der Stelle der ehemaligen NSDAP-Parteizentrale am Königsplatz errichtet werden soll. Über die möglichen Ziele und Inhalte des Zentrums wurde am vergangenen Wochenende bei einer Tagung mit dem Titel »Topografie des Nationalsozialismus« diskutiert.
Der CSU-Politiker Theo Waigel, der auch Vorsitzender des Kuratoriums des NS-Dokumentationszentrums ist, stellte gleich zu Beginn der Veranstaltung fest, warum es so lange gedauert habe, bis die Weichen für das neue Zentrum gestellt worden seien. »Die Katastrophe des Kriegs war so groß und das Entsetzen so übermächtig, dass die meisten Menschen im Schweigen erstickten und die Opfer wie gelähmt waren«, beschreibt er die Situation nach dem Kriegsende. Erst lange nach dem Wiederaufbau sei es gelungen, an das Thema heranzugehen.
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© Stadtarchiv München
 Der Königsplatz, wie er Ende der 1930er-Jahre ausgesehen hat. Zu erkennen sind an der Arcisstraße (oben) die beiden nationalsozialistischen »Ehrentempel«, die nach dem Krieg gesprengt wurden, und in der Verlängerung der quer über den Platz führenden Briennerstraße das »Braune Haus«, die Münchner NSDAP-Zentrale. An dieser Stelle soll das NS-Doku-Zentrum entstehen. Das rechte Ende der Arcisstraße wurde nach dem Krieg in Meiserstraße umbenannt. Hier liegt das Landeskirchenamt.
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Waigel sieht darin allerdings auch eine Chance: Jetzt sei das NS-Dokumentationszentrum ein Gemeinschaftsprojekt geworden, das ein »lebendiges Mahnmal« werden könne, ein Ort des Lernens und der Antworten. Das neue Zentrum, so wurde jedoch bei der Tagung deutlich, wird sich in der kommenden Planungsphase mit vielen Ideen auseinandersetzen müssen.
Architektur der Einschüchterung
Stadtarchivar Andreas Heusler forderte etwa, die zahlreichen noch vorhandenen Gebäude aus der NS-Zeit in München in das Konzept des Dokumentationszentrums zu integrieren. Das sogenannte »Braune Haus« oder die Gestapo-Zentrale im Wittelsbacher Palais am Königsplatz ermöglichten einen ganz anderen Zugang zur Geschichte. »Die Architektur spricht eine deutliche Sprache von Provokation, Einschüchterung und Totalitarismus«, sagte Heusler.
Dass sich die Landeskirche ebenfalls an dem Diskurs beteiligen möchte, zeigte eine Veranstaltung im Landeskirchenamt in der Meiserstraße. Historiker erläuterten die Rolle des Gebäudes und seiner Akteure während der NS-Zeit und berichteten über die ambivalente und wechselvolle Geschichte.
Präsentiert wurden zwei Akten aus dem landeskirchlichen Archiv: zum einen ein Bericht über die Besetzung des Gebäudes im Oktober 1934 durch den »Rechtswalter« der Kirche, August Jäger, und den damit verbundenen Arrest von Landesbischof Hans Meiser. Zum anderen der »Laienappell«, ein Dokument des Verlegers Lempp aus dem Jahr 1943, in dem die Kirchenleitung aufgefordert wurde, öffentlich gegen die Judenverfolgung zu protestieren.
Wie die Historikerin Christiane Kuller erklärte, habe der Konflikt 1934 einen »krisenhaften Einigungsprozess« in der Kirche zur Folge gehabt. Zwar sei die Landeskirche keiner reichsweiten Institution unterstellt worden, doch sei es zu einem »vorsichtigen Verhalten« der Kirchenleitung gekommen - so etwa mit »Schweigen als Preis für Integration«.
Den Laienbrief bezeichnete Historiker Hans Günther Hockerts als »fulminantes Dokument« gegen die Judenverfolgung. Die Reaktion kirchlicher Amtsträger, insbesondere von Landesbischof Meiser, sei aufgrund der Quellenlage nur schwer zu rekonstruieren. Es bleibe allerdings »genügend Raum für kontroverse Argumente«, so Hockerts.
Der Historiker warnte vor einem schnellen Urteil über Landesbischof Meiser: Zwar würde jedem bei manchen Textpassagen der »Schreck in die Glieder« fahren, doch seien diese auch häufig sehr ambivalent. Bei einer Debatte müsse deshalb »das ganze Leben« im Blick bleiben, so Hockerts.
Die Leiterin des Landeskirchenamts, Karla Sichelschmidt, bezeichnete die Veranstaltung als »Baustein in der Auseinandersetzung der Landeskirche mit der NS-Geschichte«. Vom 17. bis 19. Oktober findet in der Evangelischen Stadtakademie eine wissenschaftliche Fachtagung statt über »Spielräume des Handelns und der Erinnerung - Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und der Nationalsozialismus«. |