Freiheit oder Funktion?
»Bildstörung« - eine Diskussion über die Rolle der Kunst in der Kirche in Augsburg
Warum tun sich zeitgenössische Kunst und Kirche so schwer miteinander? »Stören«, ja verstören sich mitunter gegenseitig? Antworten suchte eine Tagung unter dem Titel »Bildstörung«, zu der der Arbeitskreis »Kirche und Kunst« der bayerischen Landeskirche in den Augsburger Annahof eingeladen hatte.
 Foto:
Daniel Szemerédy
 »Bildstörung«: Installation des Bildhauers Benrd Rummer vor dem Altarbild in der St.-Ulrichs-Kirche Augsburg.
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Die rund sechzig Teilnehmer aus dem Bereich Kunst und Theologie, die sich einen Tag lang mit Referaten und Redebeiträgen auseinandersetzten, mussten schon bald feststellen, dass des Pudels Kern bei Konflikten zwischen Künstlern und Gemeinden der Begriff der Freiheit ist. Hat ein Künstler die absolute Freiheit - auch wenn er ein Objekt für die Kirche entwirft?
Dienst am »Heiligtum«?
»In Zeiten universaler Funktionalisierung ist frei nur noch das Zwecklose«, konstatiert der Theologe, Publizist und Ausstellungs-Kurator Andreas Mertin. Damit setzte er sich ab von jenem biblischen Tagesimpuls, den Kirchenrat Manuel Ritter eingebracht hatte, indem er die Berufung des Künstlers im 2. Buch Mose zitierte: »Ich habe ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit aller Geschicklichkeit, kunstreich zu arbeiten« ... Und durch diese Segnung vermag er Altar und liturgisches Gerät zu schaffen »für das Heiligtum«.
 Foto:
Daniel Szemerédy
 "Der Hagener Theologe und Ausstellungsmacher Andreas Mertin.
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An einer solchen Zweckmäßigkeit der Objekte stört sich Mertin. Wenn die Kulturarbeit in der Kirche »missionarisches Interesse« habe, dann sei Kunst in der Kirche nicht möglich. Nach Luthers Ständelehre solle man die Menschen nach der Qualität ihres Schaffens beurteilen, nicht nach ihrer vorgeblichen Christlichkeit. Denn Kunst sei »ein von Gott geschenkter Freiraum, in den Gott nicht dreinredet«.
Ob diese Auffassung von Kunst, die sich auf Kants idealistische Ästhetik bezieht, auch im kirchlichen Kontext gelten kann, blieb auf der Tagung umstritten. Denn der Meinung des Calvinisten Mertin, dass Kirchen nicht Darstellungs-Orte des Evangeliums, sondern nur eine Begrenzung des Versammlungsorts seien, konnten sich nicht alle Anwesenden anschließen. Wenn Kunst im sakralen Raum zur »Bildstörung« wird, dann oft ganz konkret, wenn die Funktionalität nicht gewährleistet ist - aber genau hier schieden sich die Geister.
Konkretes Beispiel für einen solchen Konflikt war ein Altarstein, den die Bildhauerin Susanne Tunn aus Detmold für eine Krankenhauskapelle im ostwestfälischen Minden entworfen hatte. Sie konstruierte diesen Raum aus alten Holzbohlen, die sich wie ein Kokon um die Eintretenden schließen. Mit diesem Raumkonzept hatte sie sich gegen eine geometrische Glas-Metall-Konstruktion der Architekten durchgesetzt. Ihr roh behauener Muschelkalk-Stein als Altar sorgte allerdings für Zündstoff. Denn die unebene Tischoberfläche stieß vor allem bei der katholischen Kirche auf Kritik. Nach langem Ringen bestand die Lösung in einem zusätzlichen Tragealtar, der nun vor jeder Messe auf den Altarstein gestellt werden muss.
Die Reaktion der Tagungsteilnehmer offenbarte, dass der »Störfall Kunst« gerade an den Nahtstellen und Grenzen auftritt: zwischen »Kunstprofis« und Theologen, zwischen Theologen und Gemeindegliedern, zwischen Evangelischen und Katholischen. Die Tatsache, dass in jeder katholischen Messe (wie auch beim evangelisch-lutherischen Abendmahl) mehrere Gefäße sicher abgestellt werden müssen, eine unebene Altaroberfläche aber genau dies nicht zulässt, hätte jedem Bauhaus-Künstler nach dem Motto »Die Form folgt der Funktion« spontan eingeleuchtet. Im schlimmsten Fall ist ein solcher »Störfall« dann Nährboden für die Arroganz von Besserwissern, die auf die vermeintlichen »Störer« und »Banausen« herabschauen. Umso bedauerlicher, dass die Frage eines Tagungsteilnehmers aus dem Bereich der Kunst »Und was erwartet die Kirche von uns, was können wir tun?« offen im Raum stehen blieb.
Störung und Wahrnehmung
Dem eigentlichen Thema »Bildstörung« näherten sich vor allem die beiden Künstler Bernd Rummert aus Schweinfurt und Franz Hitzler aus München. Rummert hatte 22 Fichtenstäbe mit Draht umwickelt und diese vertikal vor das Abendmahls-Bild der St.-Ulrichs-Kirche gehängt. Die Installation machte neugierig auf das Altarbild - gerade weil der Blick darauf »gestört« war. Dass die eigene Malerei auch die eigenen Abgründe sichtbar macht, darüber erzählte in einem sehr persönlichen Statement der Maler Franz Hitzler. Sein künstlerischer Weg führte durch eine Angstkrise hinein in einen Farbrausch, den er durch die Zerstörung der Leinwand zu durchbrechen suchte. Als hinter der zerstörten Leinwand dann das Kreuz des Keilrahmens sichtbar wurde, reifte in ihm die Erkenntnis, dass dieses Kreuz für den Menschen und für sein Herz steht. Und er bekennt: »In der Ungewissheit der seelischen Hingabe erfahren wir eine tröstende Dimension.« |
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