Die Guerilla-Gärtner
Sie kämpfen gegen städtische Tristesse und pflanzen heimlich Blumen auf vermüllte Brachflächen
Sie pflanzen im Schutz der Dunkelheit Apfelbäumchen neben tristen Unterführungen, werfen »Blumensamen-Bomben« aus fahrenden Autos: In immer mehr Metropolen schlagen »Guerilla-Gärtner« zu und schaffen blühende Stadt-Landschaften.
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 Kräuterernte im vor vier Jahren illegal angelegten Gemeinschaftsgarten »Rosa Rose« in Berlin-Kreuzberg.
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Es ist wie in einem Krimi: Schuttcontainer, Stacheldraht, Kippen auf dem Boden, mit Graffiti beschmierte Wände. Ein paar Jugendliche klettern im Schutz der Dunkelheit über Zäune, die Taschenlampe vor die Stirn geschnallt. Neben einer tristen Unterführung pflanzen sie Apfelbäume und Stauden: Sogenannte Guerilla-Gärtner haben es schon in den Kinowerbespot eines Sportartikelherstellers geschafft - subversiv und voll im Trend zugleich.
Ihre bunten Spuren hinterlassen sie allerdings schon lange: Die urbanen Gärtner, wie sie sich auch nennen, bepflanzen heimlich trostlose Verkehrsinseln. Sie erobern mit neuem Grün von Hundekot verunstaltete Bauminseln oder graben Gemüsezwiebeln in den Mittelstreifen. Manche setzen mit bunten Blumen eine politische Botschaft mitten in den Londoner Hydepark: »No War«. Wieder andere bauen »Grasmöbel« auf eine Brachfläche, die an den Berliner Mauerpark grenzt. Die Aktionen geschehen zumeist verdeckt, meist nachts, und ihr gemeinsamer Nenner ist die Nutzung öffentlichen Raumes.
Eroberung des öffentlichen Raums
Im New York der 1970er-Jahre tauchte der Begriff vom »Guerilla Gardening« erstmals auf. Damals verfielen die innerstädtischen Bezirke. Als Reaktion begrünten ihre Bewohner sie im Alleingang. Ohne sich eine Genehmigung zu holen, legten sie Gemeinschaftsgärten an mit Namen wie »Nueva Esperanza Jardín« oder »Pueblo Unido Garden«. Über die Zäune brachliegender Flächen warfen sie Klumpen aus Erde und Blumensamen.
Der Gedanke sprang über auf Städte wie Toronto, London und Berlin. In Deutschland fächert sich die Bewegung in Einzelgänger und Gruppen auf. »Manche Leute haben einfach Lust zu gärtnern«, erklärt Julia Jahnke aus der Berliner Gruppe »Gartenpiraten«. Andere wollten die Stadt verschönern. »Jeder benutzt Guerilla Gardening, wofür er will«, sagt Jahnke, die eine Master-Arbeit zu diesem Thema geschrieben hat. »Bei den einen ist es eine politische Aussage für mehr frei verwaltete Fläche oder mehr Erholungsmöglichkeiten. Andere wollen ihren Kindern zeigen, wie Äpfel am Baum wachsen.«
»Ich nehme mir ein Stück Land, um da meine Nahrungsmittel anzubauen«, sagt Frauke Hehl, eine 40-jährige Architektin aus Berlin. Seit dem Jahr 2004 hat sie im Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf einer einst zugemüllten Freifläche einen illegalen Gemeinschaftsgarten gestaltet - die »Rosa Rose« mit einem Lehmofen und Gemüsebeeten. Da wachsen Salate, Kräuter, Karotten und Tomaten. »Ich muss nicht mehr schlechte und teure Lebensmittel im Supermarkt kaufen«, sagt Hehl.
Doch häufig wird die Arbeit der Guerilla-Gärtner wieder zerstört. Da mähen Parkangestellte die - in den Augen der Stadt illegale - Blumenpracht ab, private Grundstückseigentümer rücken an und reißen die Pflanzen wieder heraus. Wie im Fall »Rosa Rose«: Der neue Besitzer sperrte einen Großteil des Gartens ab.
Längst haben die Städte den Nutzen der zwar illegalen, aber ehrenamtlichen Arbeit erkannt. Berlin, Wuppertal und Karlsruhe reagierten mit städtischen Förderprogrammen auf die Begrünung von Hinterhöfen. Öffentliche Gelder gab es in der Hauptstadt auch für verschönerte »Baumscheiben« - für die Beete um die Bäume herum.
Nun haben die Grün-Aktivisten in Berlin-Kreuzberg sogar ganz legal zwei Gemeinschaftsgärten angelegt. Als Gegenleistung für ihre Arbeit dürfen sie auf einem Teil der öffentlichen Fläche Gemüse anbauen. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) will am liebsten gleich weitere Gärten auf den Weg bringen.
Die Annäherung beäugt Frauke Hehl mit gemischten Gefühlen: »Beteiligung ist zwar gut, aber die Anwohner übernehmen damit ehrenamtlich die Pflege öffentlicher Grünflächen.« Der Begriff »Guerilla Gardening« verwässere, bilanziert Julia Jahnke. Blumen rund um Bäume pflanzen? »Schön gestaltete Baumscheiben deuten auf eine stabile Nachbarschaft hin - und erhöhen am Ende die Miete«, urteilt Frauke Hehl. Mit subversiver Besetzung des öffentlichen Raums habe das nichts mehr zu tun. |