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Dieser Artikel: Ausgabe 28/2008 vom 13.07.2008
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Evangelisch - mit jüdischen Wurzeln

Die Schwabingerin Lilli Hagelberg (1895-1943)


Mindestens 200 Christen jüdischer Herkunft sind wie Lilli Hagelberg in München Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden. Einen eigenen Platz in der kollektiven Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit haben sie noch immer nicht gefunden.

Lilli Hagelberg (1895-1943).
Foto: sob
   Lilli Hagelberg (1895-1943).

Christen jüdischer Herkunft - sie saßen zwischen allen Stühlen: Im Zuge der NS-Rassenpolitik galten sie als »Juden«, einer gesellschaftlichen Gruppe, mit der die Mehrzahl nichts zu tun hatte - und oft genug nichts zu tun haben wollte. Zugleich waren unter Bayerns Protestanten antisemitische Vorurteile gegenüber getauften Juden weit verbreitet.

Vom Hilfsnetz der jüdischen Gemeinden ausgeschlossen, erhielten Christen jüdischer Herkunft auch von kirchlichen Stellen nur in Einzelfällen Unterstützung. Hilfe kam zum Beispiel vom Berliner »Büro Grüber«, das - unter anderem mit Unterstützung der bayerischen Kirche und Bischof Hans Meisers - zwischen 1938 und 1940 mehr als eintausend evangelischen Christen jüdischer Herkunft die Flucht ins Ausland ermöglichte.

Liebte Bach und bewunderte Luther: Lilli Hagelberg wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
Foto: sob
   Liebte Bach und bewunderte Luther: Lilli Hagelberg wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Eine zuletzt eher kirchenferne Schwabinger Protestantin jüdischer Herkunft war die Schriftstellerin Lilli Hagelberg (1895-1943), deren Schicksal Cornelia Göbel rekonstruiert hat. Ihre Eltern, evangelisch-lutherisch mit jüdischen Wurzeln, hatten Lilli Hagelberg ein geisteswissenschaftliches Studium ermöglicht, das sie 1922 mit der Promotion beendete.

Die Nähe zur Kirche in ihrer Jugendzeit - die Familie war mit dem evangelischen Theologen Johannes Müller befreundet, der Schloss Elmau bei Garmisch begründete - hat Lilli Hagelberg später aufgegeben. Sie blieb auf der Suche, brach eine Psychoanalyse ab, führte emotional und in ihren Beziehungen ein oft zerrissenes Leben. 1943 wurde sie aus München deportiert und in Auschwitz ermordet.

Lilli Hagelberg empfand sich selbst als deutsche Protestantin, liebte Bach und bewunderte Luther. Wenn die Tafeln des Schwabinger Geschichtsprojekts an sie unter dem Etikett »Jüdin« erinnerten, machte das erst auf den zweiten Blick stutzig. Beim weiteren Nachdenken erscheint es wie ein später Sieg des rassistisch-biologistischen Denkens der Nazis.

BUCHTIPP

»ausgrenzt-entrechtet-deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933-1945.« Hgg. von Ilse Macek. 640 Seiten mit über 160 teils farbigen Abbildungen und umfangreichem Anhang. Volk Verlag München, 2008. ISBN 978-3-937200-43-9, 24,50 Euro.

  »ausgrenzt - entrechtet - deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933-1945.« Hgg. von Ilse Macek. 640 Seiten mit über 160 teils farbigen Abbildungen und umfangreichem Anhang. Volk Verlag München, 2008. ISBN 978-3-937200-43-9, 24,50 Euro.

ZUM THEMA

Die »Judenhäuser« von Schwabing. Zum Münchner Stadtgeburtstag hat ein Stadtteil das Schicksal verfolgter Mitbürger dokumentiert. » lesen!

Die Jüdin, ihr Vermächtnis und die Kirche. Das Schicksal der »nichtarischen« Christin Elisabeth Braun und das Münchner Hildebrandhaus. Von Heinz Brockert. » lesen!

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

Markus Springer

 


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/news/aktuell/2008_28_muc_16_02.htm
abgerufen 09.02.2012 - 02:23 Uhr

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