Doppelte Bewegung Gottes
Luthers Theologie - Teil 37: Martin Luthers Festlieder zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten
Von
Hanns Leiner
39 Lieder Martin Luthers sind überliefert, 31 finden sich im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind ein unermesslicher und unersetzbarer Schatz der Kirche, in ihnen ist evangelischer Glaube lebendig, atmet Freude und Gewissheit, Zuversicht und Kraft gegen alle Angst, Not, Gefahr, Anfechtung und Zweifel.
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AKG
 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort.« Darstellung nach dem gleichnamigen Lutherlied. Flugblatt um 1550, Cranach-Schule.
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»Vom Himmel hoch, da komm ich her...« (EG 24) dürfte auch noch heute eines der bekanntesten Lutherlieder geblieben sein. Es wurde nicht zufällig eines seiner volkstümlichsten Lieder, denn er hatte es ja bewusst schlicht gestaltet und für seine eigenen Kinder geschrieben, wie der Untertitel ausweist: »Ein Kinderlied auf die Weihnacht zu singen«. Er erzählt hier in den ersten sechs Strophen die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2 singend nach.
Im zweiten Teil, der nur selten gesungen wird, bezieht Luther die Geschichte der Geburt Christi auf uns und versucht in kindlicher Sprache ihren Sinn auszulegen: In dem lieblichen Kind begegnet uns der Schöpfer der Welt, Gott selbst. Sein Reichtum verbirgt sich jedoch in der Armut des Stalles und der Krippe. »Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß« (Strophe 9). Luther lehrt schließlich die Kinder darum zu bitten, dass das Jesuskind Einzug in unser Herz hält und dort ruht: »Ach mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhen in meins Herzens Schrein, dass ich nimmer vergesse dein!« (Strophe 13).
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sob
 Martin Luther: Ein feste Burg ist unser Gott (In: Martin Luther, Geistliche Lieder - Aufs neu gebessert. Wittenberg Josef Klug, 1533).
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Ganz ähnlich beginnt das zweite Weihnachtslied Luthers: »Vom Himmel kam der Engel Schar, erschien den Hirten offenbar; sie sagten ihn': Ein Kindlein zart, das liegt dort in der Krippen hart« (EG 25,1). Und doch ist es ganz anders geartet und gestaltet. Hier singt Luther für Erwachsene. Er will uns verdeutlichen, was dort eigentlich geschehen ist: Nicht weniger als die Menschwerdung Gottes: »...dass Gott mit euch ist worden ein. Er ist geborn eu'r Fleisch und Blut...« (Strophe 3) und schließt diese Strophe mit einem ganz modernen, für damals aber ganz ungewohnten Vergleich: »Eu'r Bruder ist das ewig Gut«. Gott ist wirklich zu uns gekommen, er ist unsereiner geworden in diesem Kind. Er hat unser Fleisch und Blut angenommen, wir sind nun mit ihm blutsverwandt: Wenn er unser Bruder wurde, dann sind wir umgekehrt auch seine Brüder und Schwestern.
»Ihr habt mit euch den wahren Gott - was kann euch tun die Sünd und Tod?« (Strophe 4), von ihm kann uns nichts mehr trennen, darum brauchen wir uns vor keiner Verderbensmacht mehr zu fürchten. Denn in ihm hat sich Gott zu uns gesellt, »er ist nun worden eu'r Gesell.« Er wird uns nun nicht mehr verlassen, er steht an unserer Seite. Er verteidigt uns, er schafft uns Recht, er schenkt uns seine Gerechtigkeit. Darum gilt: »Zuletzt müsst ihr doch haben Recht«. Am Ende steigert Luther diese Gewissheit bis zu der höchstmöglichen Aussage über uns Menschen: »Ihr seid nun worden Gott's Geschlecht« (Strophe 6). Ihr seid durch Christi Kommen zu euch mit Gott verwandt, insofern kann Luther sogar sagen: Ihr seid nun göttlich geworden!
»Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren bist...« (EG 23,1) - diese Weiterdichtung einer mittelalterlichen Strophe (»Leise«) enthält eine hochtheologische Meditation über das Weihnachtswunder, die Inkarnation Gottes. Luther kreist in jeder der Strophen 2 bis 6 um dies Geheimnis und variiert dabei denselben Gedanken: Wie durch die Geburt Christi Gott und Mensch, Himmel und Erde, Weltall und kleine Menschenwelt, Licht und Finsternis in engste Verbindung gekommen sind. Er geht immer aus von Gott, verfolgt seinen Weg in die Tiefe, ins Menschenlos; er begegnet uns als Mensch und nimmt uns mit in die Höhe, in seine Herrlichkeit.
Diese doppelte Bewegung Gottes hinunter zu uns und hinauf mit uns wiederholt sich in jeder Strophe: »Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein' neuen Schein; es leucht' wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht« (Strophe 4). Auch hier geht es Luther wieder darum, dass Christus seinen Reichtum aufgegeben hat und arm wurde um unseretwillen, nämlich dazu, um uns an seinem Reichtum Anteil zu geben: »Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich« (Strophe 6). Dabei zieht sich durch das ganze Lied das »für uns« der göttlichen Liebe, für das Luther in der letzten Strophe zusammenfassend Christus herzlich dankt: »Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit!« (Strophe 7).
Seltsamerweise besitzen wir von Luther kein eigenes Passionslied. Das ist umso auffallender, als doch gerade das Kreuz Jesu und die Kreuzestheologie die eigentliche Mitte von Luthers Theologie ausmachen. Schon als junger Ordenstheologe wandte er sich gegen eine »Theologie der Herrlichkeit« und trat entschieden für die »Theologie des Kreuzes« ein. So steht das Kreuz auch in seinem selbst gestalteten Wappen im Zentrum.
Man kann sich dieses merkwürdige Fehlen eines Passionsliedes nur so erklären, dass die Selbstentäußerung und das Leiden und Sterben Jesu sich so sehr durch das ganze theologische Werk Luthers zog, dass er daneben kein besonderes Passionslied mehr brauchte.
Doch es gibt wenigstens Ansätze dafür. Am nächsten kommt Luther dem Thema Passion in seinem persönlichsten Lied: »Er (Christus) sprach zu mir: Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen! Ich geb' mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen ... uns soll der Feind nicht scheiden. Vergießen wird er mir mein Blut, dazu mein Leben rauben. Das leid ich alles dir zu gut; das halt mit festem Glauben. Den Tod verschlingt das Leben mein, mein Unschuld trägt die Sünde dein, da bist du selig worden« (EG 341,7-8).
Das Osterlied Luthers: »Christ lag in Todesbanden...« (EG 101) ist vielleicht Luthers gewaltigstes Lied überhaupt. Er greift wieder mittelalterliche Vorbilder auf, besonders den uralten Osterruf: »Christ ist erstanden...« und entfaltet, was Tod und Auferweckung Jesu Christi für uns bedeuten: Er ist für unsere Sünden gestorben und für unsere Gerechtigkeit auferweckt. Wieder bezieht er das ganze Geschehen sofort auf uns: »er ist wieder erstanden und hat uns bracht das Leben« (Strophe 1). Hier aber schließt er jede Strophe nicht mit dem »Kyrie eleis«, sondern mit dem Jubelruf: »Halleluja«.
Harte und ungeschminkte Theologie
Hart und ungeschminkt nennt Luther in der zweiten Strophe die Verderbensmächte Tod und Sünde beim Namen, denen wir ausgeliefert sind, so hart, dass uns das Halleluja am Ende dieser Strophe kaum über die Lippen kommen will. Weil Christus die Sünde getragen und weggenommen hat, darum besitzt der Tod kein Recht mehr über uns, er hat den Stachel verloren (Strophe 3). Leicht wurde die Überwindung des Todes jedoch nicht: Luther schildert sie in einem kühnen Bild als Kampf zwischen Leben und Tod: Das Leben hat den Tod verschlungen, geradezu gefressen und ihn so zu Spott gemacht (Strophe 4).
In den folgenden Strophen schildert Luther Christi Tat mit weiteren biblischen Bildern als unser Passa- und Osterlamm und als die Ostersonne, die die Sündenacht vertreibt und uns erleuchtet (Strophe 5-6). Vom Passafest kommt er schließlich zum Heiligen Abendmahl: »Christus will die Kost uns sein...«, die unseren Glauben nährt und stärkt (Strophe 7). Bei diesen Osterstrophen fällt es leicht, in den Osterjubel einzustimmen und ihm das Halleluja zu singen.
Bei dem Lied »Nun bitten wir den Heiligen Geist...« (EG 124) betont Luther die wesentliche Bitte an den Heiligen Geist: »Lehr uns Jesus Christ kennen allein...« (Strophe 2). Nur er kann uns zum Glauben an Jesus Christus führen und uns lehren, ihn als unseren treuen Heiland zu erkennen.
Auch im Lied »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott...« (EG 125) dichtet Luther eine vorreformatorische Strophe weiter, die auf das Pfingstgeschehen anspielt und den Heiligen Geist als den Dolmetscher für alle Völker preist. Luther wendet sich in seiner Fortsetzung sofort wieder seinem Verständnis des Geistes zu: »Lass leuchten uns des Lebens (Gottes) Wort«; denn der Geist bindet sich an die Heilige Schrift und schließt sie uns auf, lässt sie als das Wort des Lebens hören. Dadurch gewinnen wir den Mut und die Freiheit, Gott unseren Vater zu nennen: »...von Herzen Vater ihn nennen« (Strophe 2).
Das ist die wahre Gotteserkenntnis, die uns durch den Geist geschenkt wird: Gott zu sehen »im Angesichte Jesu Christi.« Luther fährt fort: »O Herr, behüt vor fremder Lehr, dass wir nicht Meister suchen mehr...«. Diese Bitte wird notwendig, weil es nicht selbstverständlich ist, in Christus allein unseren Meister zu sehen und ihm zu folgen. Es kommt immer wieder dazu, dass Menschen andere Herren sich erwählen und ihnen nachfolgen: Vom Papst über die Großen und Weisen der Welt bis hin zu den politischen Führern und Verführern und zu den Propheten fremder Religionen oder gar den Verkündern der Gottlosigkeit. Luther hat durch den Heiligen Geist gelernt, Jesus als den einzigen »Anfänger (Anführer) und Vollender des Glaubens«, den wahren Meister und guten Hirten der Seelen anzunehmen »und ihm aus ganzer Macht zu vertrauen.« Hierin ist alles enthalten, worauf es der Reformation ankam: Christus allein führt uns zum väterlichen Gott, allein durch den Glauben.
Die dritte Strophe beschreibt, was der Geist in uns auslöst und für uns bedeutet: Die Glut der Liebe, die uns zum Dienst am Nächsten führt als »Frucht des Geistes«, den Trost, der uns in unserer Trübsal tröstet und die Kraft verleiht, bei diesem Glauben zu bleiben. Er geleitet uns durch alle Ängste und Gefahren, lässt uns ritterlich kämpfen und bringt uns zum Ziel des Lebens, zu Gott. »Das sei dir, Herr, zu Lob gesungen, Halleluja, Halleluja!«
Bei einem dritten Pfingstlied »Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist...« (EG 126), das auf den Hymnus des Rhabanus Maurus aus dem Jahr 803 (!) zurückgeht, beschränkt sich Luther darauf, ihn zu übernehmen, zumal weil hier auch das anklingt, worauf es Luther vor allem ankam: »Lehr uns den Vater kennen wohl, dazu Jesus Christ, seinen Sohn, dass wir des Glaubens werden voll, dich beider Geist zu verstehn« (Strophe 6).
IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Teil 38: Lutherbilder im Wandel der Zeit.
| LUTHERS THEOLOGIE
Sonntagsblatt-Serie zur Theologie des Reformators
ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.
LUTHER ZÄHLT IMMER NOCH zu den beliebtesten und bekanntesten Deutschen. Aber wie war das eigentlich mit Luther?
DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
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