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Dieser Artikel: Ausgabe 27/2008 vom 06.07.2008
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Unter die Mörder gefallen

Evangelischer Widerstand im München der NS-Zeit - der Münchner Albert Lempp und sein Kreis


Der Münchner Verleger Albert Lempp (1884-1943) war einer der wenigen evangelischen Christen, die in der Zeit des Nationalsozialismus aktiven Widerstand gegen die Judenverfolgung leisteten.

Albert Lempp (1884-1943).
Foto: Fam. Lempp
   Albert Lempp (1884-1943).

1911 - München leuchtete. Und bot dem Württemberger Pfarrerssohn und Buchhändler Albert Lempp eine Marktlücke: einen kleinen Verlag mit evangelischem Profil.

Der 27-jährige Jungverleger Lempp übernahm den schon einige Zeit vor sich hindümpelnden Christian Kaiser Verlag, der im 19. Jahrhundert der Hausverlag der kleinen protestantischen Gemeinde Münchens gewesen war. Von Anfang an setzte Lempp auf Autoren jenseits des evangelisch-theologischen Mainstreams, die eines verband: Sie alle lagen mit der Kirchenleitung, dem evangelisch-lutherischen Oberkonsistorium in München, in herzlichem Streit.

Folgenreiche verlegerische Entscheidung

Georg Merz als Studentenpfarrer in München.
Foto: Historisches Lexikon Bayern
   Georg Merz als Studentenpfarrer in München.

Nach dem Ersten Weltkrieg bahnte sich eine folgenreiche verlegerische Entscheidung an: Nachdem zuvor drei Schweizer Verlage abgelehnt hatten, war Karl Barths Römerbriefauslegung 1919 im Berner Bäschlin-Verlag erschienen. Und hatte Furore gemacht. Zu den begeisterten Rezensenten gehörte auch der oberfränkische Theologe Georg Merz (1892-1959), der 1918 als Pfarrer nach München-Laim gekommen war. Sofort hatte Merz vorausgesagt, Barth werde »den Gang der Theologie auf lange hinaus bestimmen«.

Weil bei den Schweizern der Absatz von Barths Buch nach wenigen hundert Exemplaren lahmte, empfahl Merz seinem Freund Lempp, die Restauflage zu übernehmen. Von München aus konnte Lempp diese so rasch verkaufen, dass bald eine Neuauflage nötig wurde. Sie erschien 1922 in Lempps Chr. Kaiser Verlag. Und verhalf Barths dialektischer »Wort Gottes«-Theologie zum Durchbruch - ließ aus dem Schweizer Dorfpfarrer einen evangelischen »Kirchenvater des 20. Jahrhunderts« werden.

Karl Barth (1886-1968).
Foto: PD
   Karl Barth (1886-1968).

Georg Merz wurde Chef-Lektor des Chr. Kaiser Verlags und theologischer Berater Lempps. In dessen Verlag gab Merz von 1922 bis 1933 die legendäre Zeitschrift »Zwischen den Zeiten« heraus. Karl Barth, Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und Rudolf Bultmann gehörten zu den festen Autoren. Lempps Chr. Kaiser Verlag machte aus der katholischen Hauptstadt München einen wichtigen Ort evangelischer Theologie.

Mutig unterstützte Lempp nach 1933 die Bekennende Kirche. Und er mischte sich ein in seiner Kirche: zum Beispiel als Kirchenvorsteher von St. Markus. In deren Gemeindegebiet, in der Schwabinger Isabellstraße, hatte sich Lempp 1927 ein Haus gekauft.

Albert Lempp (1884-1943).
Foto: Historisches Lexikon Bayern
   Isabellastraße 20 in München-Schwabing: Gebäude des Chr. Kaiser Verlags und Wohnhaus der Familie Lempp. Hier traf sich der als Bibelkreis getarnte »Lempp'sche Kreis«.

Hier traf sich der »Lempp'sche Kreis«, der nach außen als Bibelkreis mit frommen Vorträgen firmierte, tatsächlich aber eine Art konspirative Runde war, die mit Kriegsbeginn »Feindsender« hörte, vor allem aber Hilfe für bedrängte Christen jüdischer Herkunft organisierte.

Zum Beispiel für Lempps jüdischen Prokuristen Otto Salomon, den Lempp bis 1938 im Betrieb halten konnte. Später ermöglichte er Salomon und seiner Frau die Ausreise in die sichere Schweiz.

Zum Kreis gehörte neben Lempps Frau Marie und Georg Merz auch Carl-Günther Schweitzer, ein zwangsbeurlaubter Berliner Pfarrer mit jüdischen Wurzeln, der 1939 emigrieren konnte.

Neben Pfarrern wie Kurt Frör, Walter Hennighausen und Hermann Diem waren der Münchner Landgerichtsrat Emil Höchstädter und der Besitzer des Ackermann-Verlages, der Schweizer Walter Classen wichtige Mitglieder.

Formulierte für den »Lempp-Kreis« zu Ostern 1943 die Denkschrift der Münchner Laien: der Württemberger Pfarrer Hermann Diem (1900-1975).
Foto: sob
   Formulierte die Denkschrift der Münchner Laien: der Württemberger Pfarrer Hermann Diem (1900-1975).

Immer wieder war es ab 1934 zu Beschlagnahmungen von Schriften in Lempps Buchhandlung am Marienplatz gekommen, immer wieder wurden Schriften vom Regime verboten.

1937 wurde Lempp, der fleißig Bekenntnispredigten und andere Schriften der Bekennenden Kirche publizierte, oder auch die Zeichnung »Blick aus der Gefängniszelle Weilheim« des inhaftierten Penzberger Vikars Karl Steinbauer, endgültig als »unzuverlässig« aus der Reichspressekammer ausgeschlossen.

Über den Dächern Schwabings »weht« bis heute das Signet des Chr. Kaiser Verlags.
Foto: Historisches Lexikon Bayern
   Über den Dächern Schwabings »weht« bis heute das Signet des Chr. Kaiser Verlags.

1943 wollte der Kreis nicht länger zur Judenverfolgung des NS-Regimes schweigen: Hermann Diem verfasste eine »Denkschrift der Münchner Laien« (siehe rechts), die Mitglieder des Lempp'schen Kreises persönlich Bischof Hans Meiser überbrachten. Meiser habe verständnisvoll reagiert, erinnerte sich Walter Höchstädter später: Er bedauere die schrecklichen Dinge, die in Polen und in den KZs geschähen, habe Meiser gesagt, aber er und die Kirche könnten offiziell nichts tun.

1940 zwang man Lempp, seinen Verlag in »Ev. Verlag A. Lempp/München früher Chr. Kaiser Verlag« umzubenennen. Dass sein Verlag - nach einer neuerlichen und negativ ausgefallenen Manuskriptprüfung durch die Reichsschrifttumsstelle des Propagandaministeriums - Ende August 1943 endgültig geschlossen wurde, hat Albert Lempp nicht mehr erlebt. Am 9. Juni 1943 ist er im Alter von 59 Jahren in München an einem Schlaganfall gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof.

 

  Gedenkgottesdienst in der Schwabinger Kreuzkirche am Sonntag, 6. Juli, 11.15 Uhr

  Literatur: Armin Rudi Kitzmann, Mit Kreuz und Hakenkreuz, Die Geschichte der Protestanten in München 1918-1945, Claudius Verlag 1999.

MÜNCHNER LAIENBRIEF 1943

  Die Denkschrift des »Lempp'schen Kreises« an Landesbischof Hans Meiser zu Ostern 1943:

»Hochwürdiger Herr Landesbischof! Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. (...) Was uns treibt, ist zunächst das einfache Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt und dabei ausdrücklich jede Einschränkung auf den Glaubens-, Rassen- oder Volksgenossen abgewehrt hat. Jeder 'Nichtarier', ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der 'unter die Mörder Gefallene' und wir sind gefragt, ob wir ihm wie der Priester und Levit oder wie der Samariter begegnen. (...)«

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Markus Springer

 


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abgerufen 09.02.2012 - 02:19 Uhr

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