Unheilige Sorgen
Luthers Theologie - Teil 36: Luther als Seelsorger in seinen Briefen (II)
Von
Hanns Leiner
Luther war der Seelsorger seiner Mitarbeiter und Mitkämpfer für die Sache der Reformation. Doch er hatte manchmal auch selbst Seelsorge nötig, das zeigt ein Brief an seinen Freund Justus Jonas, in dem Luther den Tod seiner 13-jährigen Tochter beklagt.
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 »Mein Gelübde war keinen Heller wert«: Gegegnüber seinem Vater interpretierte Luther seinen Schritt ins Kloster neu.
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Am 20. September 1542 war die Tochter Luthers, Magdalene, im blühenden Alter von dreizehn Jahren gestorben. Dieser Tod hat die Eltern tief und schwer getroffen. Sie trauern sehr um sie. In einem nur wenige Tage nach ihrem Tod geschriebenen Brief (23. September 1542) an seinen Freund und Mitarbeiter Justus Jonas spiegelt sich dies Ringen wider: »Ich glaube, die Nachricht wird zu Dir gedrungen sein, dass meine liebste Tochter Magdalene wiedergeboren ist zu dem ewigen Reich Christi. Obwohl ich und meine Frau nur fröhlich Dank sagen sollten für einen so glücklichen Hingang und seliges Ende, so ist doch die Macht der natürlichen Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Seufzen des Herzens, ja ohne große Abtötung nicht vermögen. Es haften nämlich tief im Herzen das Aussehen, die Worte und Gebärden der lebenden und der sterbenden Tochter, so dass selbst Christi Tod dies nicht ganz hinwegnehmen kann, wie es sein sollte. Sage Du daher Gott an unserer Statt Dank! Sie hatte - wie Du weißt - einen sanften und angenehmen und allen lieben Charakter. Gelobt sei der Herr Jesus Christus, der sie berufen, erwählt und herrlich gemacht hat. In Gott, dem Vater allen Trostes und aller Barmherzigkeit, gehab Dich wohl mit allen Deinen Angehörigen, Amen.«
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 »Bete du und lass Gott sorgen«: Luther riet seiner Frau, sich keine Sorgen um ihn zu machen.
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Der Vater in ihm konnte nur klagen, während der Christ das Kind Gott gerne zurückgeben sollte. Luther gesteht diesen inneren Zwiespalt sich und seinem Freund offen ein und ringt um seine Überwindung. Er bittet seinen Freund darum, ihm dabei zu helfen. Er versucht sich in seinem Schmerz an die biblischen Tröstungen zu halten. In diesem Brief gewährt Luther einen tiefen Blick in sein Herz, er offenbart sich als warmherziger Mensch, Vater und Freund. Er redet über seine inneren Kämpfe und verbirgt seine Schwäche nicht.
VERSÖHNUNG MIT DEM VATER: In einem anderen persönlichen Brief - einem Versöhnungsbrief von 1521 an seinen Vater - rechnet Luther mit dem Mönchtum ab. Sein Vater hatte sich seinerzeit entschieden gegen den Eintritt seines Sohnes ins Kloster gewandt. Daran erinnert er nun seinen Vater und er zeigt ihm, warum dieser Weg für ihn selbst notwendig gewesen war und für viele andere zum Weg in die Freiheit wurde: »Es sind nun fast sechzehn Jahre her, seit ich gegen Deinen Willen Mönch geworden bin. Da versicherte ich Dir, dass ich vom Himmel durch Schrecken gerufen sei. Du sagtest: 'Möchte es nur nicht eine Täuschung und ein Blendwerk gewesen sein!' Du sagtest: 'Hast Du etwa auch noch nicht gehört, dass man seinen Eltern gehorchen soll?' Das habe ich gehört und kräftig verachtet.«
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 »Unverbesserlicher Sorgen-Blutegel«: Luther riet Melanchthon, die Sache der Reformation in die Hand Gottes zu legen.
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Luther muss seinem Vater zunächst Recht geben: »Mein Gelübde war keinen Heller wert, weil ich mich dadurch der väterlichen Gewalt und dem Willen des göttlichen Gebots entzog. Weiterhin geschah es im Vertrauen auf menschliche Lehre und heuchlerischen Aberglauben, die Gott nicht geboten hat.« Aber Luther gewinnt diesem Weg nachträglich einen Sinn ab: »Aber Gott ... siehe, wie viel Gutes er aus all diesen Irrtümern und Sünde hat entstehen lassen! Der Herr hat gewollt, dass ich die 'Heiligkeit' der Klöster aus eigener, sicherer Erfahrung kennenlernen sollte. Die Menschen sollten keine Gelegenheit erhalten zu behaupten, ich verdammte Dinge, die ich nicht kennte. ... Doch zurück zu Dir, lieber Vater! Willst Du mich noch herausreißen aus dem Kloster? Damit Du Dich nicht rühmst: Der Herr ist Dir zuvorgekommen und hat mich selbst herausgerissen! ...Mein Gewissen ist frei geworden, d.h. ich bin aufs Gründlichste frei. Daher bin ich zwar äußerlich noch Mönch und bin es doch auch wieder nicht. Ich bin eine neue Kreatur, nicht des Papstes, sondern Christi. Er ist mein Bischof, Abt, Prior, Herr, Vater und Lehrer. Einen anderen kenne ich nicht mehr. So hoffe ich: Wenn er Dir auch einen Sohn entrissen hat, wird er doch anfangen, vielen anderen mit ihren Söhnen durch mich zu helfen.«
Mit diesem persönlichen Glaubensbekenntnis übt Luther Seelsorge an seinem Vater und kommt ihm weit entgegen. Es dreht sich nun nicht mehr darum, wer Recht hat, Vater oder Sohn, sondern vielmehr darum, dass Jesus Christus Recht bekommt und verherrlicht wird im Leben Luthers und - womöglich - auch seines Vaters. So überwindet Luther den bis dahin noch bestehenden Zwist mit seinem Vater und baut ihm eine Brücke.
Es gibt eine Vielzahl von Briefen Luthers an Philipp Melanchthon, der ihm vom hervorragenden Mitarbeiter zum Freund geworden war. Unter diesen Briefen waren diejenigen die wichtigsten, die Luther ihm im Sommer 1530 von der Veste Coburg nach Augsburg geschrieben hat. Melanchthon wirkte damals auf dem Reichstag als einer der Wortführer der Evangelischen, gleichsam als Stellvertreter Luthers. Denn dieser selbst durfte als Geächteter nicht auf dem Reichstag erscheinen und hielt sich deshalb auf der südlichsten Grenzfestung Kursachsens in Coburg auf. Von da aus stand er in fast ständiger schriftlicher Verbindung mit seinen Freunden in Augsburg.
Melanchthon fürchtete für den Fall des Scheiterns der Verhandlungen einen Religionskrieg. Er drohte unter der Last der Verantwortung zusammenzubrechen und teilte seine Sorgen und Ängste Luther brieflich mit. Luther schrieb an seinen Freund: »Gnade und Friede in Christus! In Christus, sage ich, nicht in der Welt, Amen ... Ich hasse ganz außerordentlich Deine elenden Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst, und dass sie so in Deinem Herzen herrschen. Das liegt nicht an der Größe der Sache, sondern an der Größe Deines Unglaubens. Denn die gleiche Sache ist zu den Zeiten des Johann Hus und vieler anderer größer gewesen als jetzt bei uns. Sodann, mag sie immerhin groß sein, so ist der, welcher sie betreibt und angefangen hat, auch groß; denn es ist seine Sache. Warum marterst Du Dich so ab? Wenn die Sache falsch ist, so wollen wir sie widerrufen; ist sie aber wahr, warum machen wir den in Bezug auf so große Verheißungen zum Lügner, der uns befiehlt, ein ruhiges und sorgloses Herz zu haben? Er sagt: 'Wirf dein Anliegen auf den Herrn.' Deine Philosophie, nicht die Theologie quält Dich so. Was kann denn der Teufel mehr tun, als dass er uns töte! Was mehr? Ich bitte Dich, der Du in allen anderen Dingen ein Streiter bist, kämpfe auch gegen Dich selbst, Deinen größten Feind, der Du dem Satan so viel Waffen wider Dich zureichst. Christus ist einmal für die Sünden gestorben. Wenn dies wahr ist, was ist für die Wahrheit zu fürchten? Ich bete gewiss fleißig für Dich und es tut mir leid, dass Du unverbesserlicher Sorgen-Blutegel meine Gebete so vergeblich machst.«
GANZ MENSCHLICH ZEIGT SICH LUTHER in seinen Briefen an seine Frau Käthe. Da er wegen des Fortgangs der Reformation in ganz Kursachsen häufig reisen musste und manchmal auch längere Zeit von daheim abwesend war, hatte er öfter Gelegenheit, an seine Frau und Kinder Briefe zu schreiben. Bei diesen persönlichen Briefen handelt es sich weithin um ganz private Briefe eines Ehemannes an seine Frau. Darin kommt deutlich seine persönliche Hochachtung und Zuwendung zum Ausdruck, wie auch die kleinen und großen alltäglichen Aufgaben und Sorgen. Dabei freut man sich immer wieder über den vertrauten, oft humorvollen Ton, mit dem Luther die offenbar sehr bestimmende Art seines »Herrn Käthe« besonders in der Anrede ein bisschen karikiert.
»Der heiligen ängstlichen Frau Katharina Luther«
Er versucht daneben auch ab und zu, seine Frau zu den Grundlagen des Glaubens hinzuführen, bzw. an diese zu erinnern; da heißt es z.B.: »Lies, Du liebe Käthe, das Johannesevangelium und den Kleinen Katechismus...!« Er verschweigt auch nicht, was er an seiner Käthe nicht mag und auszusetzen hat: Vor allem macht ihm ihr Sorgengeist zu schaffen, von dem sie zu sehr beherrscht wird. Sie ist so sehr um sein Wohlergehen besorgt, dass sie zu vergessen droht, dass Gott ja für ihn sorgt. Darum ermahnt er sie ganz ernst: »Lass mich zufrieden mit Deiner Sorge, ich habe einen besseren Sorger als Du und alle Engel!« In einem seiner letzten Briefe an seine Frau spielt dies Thema noch einmal eine Hauptrolle, gleich in der Anrede: »Der heiligen ängstlichen Frau Katharina Luther ...meiner gnädigen lieben Hausfrau. Gnade und Friede in Christus. Wir danken Euch auch sehr herzlich für Eure große Sorge, vor der Ihr nicht schlafen könnt. Denn seit der Zeit Ihr um uns gesorget habt, wollte uns das Feuer in unserer Herberge hart vor meiner Stubentür verzehrt haben. Und gestern, ohne Zweifel aus Kraft Eurer Sorge, wäre uns beinahe ein Stein auf den Kopf gefallen und hätte uns zerquetscht; ...der hatte im Sinn, eurer heiligen Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel mich nicht behütet hätten. Ich besorge: wo Du nicht aufhörst, Dich um mich zu sorgen, so möchte uns zuletzt die Erde verschlingen und alle Elemente verfolgen.«
Luther versucht seiner Frau durch seinen ironischen Ton klar zu machen, dass alle ihre Sorge nichts vermag, ja dass sie im Gegenteil das Unglück und die Gefahren für Luther geradezu anzieht und verursacht. Am Schluss wird er ernst und fragt sie: »Lernest du so den Katechismus und das Glaubensbekenntnis?« Und schließt dann knapp und klar wie mit einem Befehl: »Bete Du und lass Gott sorgen! Dir ist nicht befohlen für mich und Dich zu sorgen!«
Denn Gott sorgt für mich und für Dich. Auf ihn weist er zum Schluss seine allzu treu sorgende Ehefrau hin: »Hiermit Gott befohlen. Wir sollten nun fortan gern los sein und heimfahren, wenn's Gott wollte, Amen, Amen, Amen. Euer Heiligkeit williger Diener Martin Luther«. Wie ernst und wie wahr er geschrieben hat, erwies sich nur zu bald: Eine Woche später wurde er heimgerufen.
IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Teil 37: Die Theologie Luthers in seinen Festliedern.
| SEELSORGER LUTHER
Kühne Worte an den Freund. Luther als Seelsorger in seinen Briefen (I). » lesen!
Unheilige Sorgen. Luther als Seelsorger in seinen Briefen (II). » lesen!
LUTHERS THEOLOGIE
Sonntagsblatt-Serie zur Theologie des Reformators
ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.
LUTHER ZÄHLT IMMER NOCH zu den beliebtesten und bekanntesten Deutschen. Aber wie war das eigentlich mit Luther?
DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
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