»Das Mütterchen hat Krallen«
Prag feiert den deutschsprachigen Dichter Franz Kafka zu seinem 125. Geburtstag wie einen Popstar
Franz Kafka gibt es in Gelb, Grün, Blau und Rot. Er hängt in allen T-Shirt-Größen auf den Kleiderstangen der Souvenirgeschäfte seiner Heimatstadt Prag. Zu seinem 125. Geburtstag vermarkten die Prager den deutschsprachigen Dichter wie einen neuzeitlichen Popstar.
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 Das 2003 errichtete Franz-Kafka-Denkmal in Prag steht neben der Spanischen Synagoge.
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»Die T-Shirts mit dem Kafka-Schriftzug verkaufen wir vor allem an amerikanische Touristen«, sagt der Inhaber des Souvenirgeschäfts ganz in der Nähe des Prager Wenzelsplatzes. In Prag herrscht derzeit Kafka-Kult. Zu seinem 125. Geburtstag am 3. Juli steht der Dichter in seiner Heimatstadt noch stärker im Mittelpunkt als ohnehin schon. Franz Kafka (1883-1924) ist in den vergangenen Jahren wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt, nachdem er bis zur politischen Wende in seiner Heimat verfehmt war, erst als Jude, später als »deutschsprachiger Bourgeois«.
Rilke, Kisch, Werfel und Brod
»Egal, wohin Sie schauen«, sagt Frantisek Banyai, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Prag, »überall hier im jüdischen Viertel blickt Ihnen Franz Kafka entgegen, in jeder Auslage finden Sie sein Porträt.« Und so guckt der Dichter von den bunten T-Shirts, von den Tassen und all den anderen Ramschartikeln herunter, mit dem ihm eigenen gequälten, eingeschüchterten Gesichtsausdruck.
In fast allen Reiseführern wird Kafka, der am 3. Juli 1883 als ältester Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, als Aushängeschild des jüdischen Lebens in Prag bezeichnet. Aus der jüdisch-tschechischen Gesellschaft, die überwiegend deutschsprachig war, gingen zahlreiche berühmte Autoren hervor - neben Kafka auch Rainer Maria Rilke, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel und Kafkas enger Freund Max Brod. »Heute wird das jüdische Prag häufig ganz auf Kafka reduziert«, urteilt Frantisek Banyai.
In der Bibliothek mit angeschlossener Buchhandlung der tschechischen Kafka-Gesellschaft in der Siroka-Straße stehen mehr als 2500 Bände von und über Kafka. Selbst ein Franz-Kafka-Café gibt es inzwischen, ein paar Schritte entfernt vom alten jüdischen Friedhof.
Einige Ecken weiter hat die Stadt vor wenigen Jahren ihr erstes Kafka-Denkmal aufgestellt. Etwas abseits der Straße steht es, gleich neben der Spanischen Synagoge, und zeigt den Schriftsteller in schwarzen Stein gehauen. Mimik und Gestik des nachgebildeten Kafkas passen viel besser zu dem Schriftsteller, der zeit seines Lebens ernsthaft, schüchtern und von nagenden Zweifeln befallen war, als die bunte Kafka-Warenwelt in den Souvenirgeschäften.
Dreimal verlobte er sich, dreimal entlobte er sich. Mit Mitte 30 erkrankte er an Lungentuberkulose, verbrachte viel Zeit in Sanatorien und starb schließlich im Alter von 40 Jahren am 3. Juni 1924 im österreichischen Kierling. Beigesetzt wurde er in Prag.
Kafkas Werke sind geprägt von der Suche nach Sinn und Geborgenheit, nach Gesellschaft und Liebe. Die Vereinsamung bezeichnete er einst als »stärksten menschlichen Schaden«. Zu seinen berühmtesten Texten gehören neben »Der Prozess« und »Das Schloss« auch der »Brief an den Vater«, in dem er das gespannte Verhältnis innerhalb der Familie beschreibt: »Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn«, heißt es darin. Im Roman »Die Verwandlung« wird der Protagonist Gregor Samsa über Nacht in einen hilflosen Käfer verwandelt, was meist psychologisch gedeutet wird. In den Rang von Weltliteratur sind Kafkas Werke jedoch erst nach seinem Tod aufgestiegen.
Zeitlebens nie ausgebrochen
Über ganz Prag verteilt liegen jene Orte, die den Dichter geprägt haben. Sein Geburtshaus mitten in der Stadt, am Franz-Kafka-Platz, steht heute zur Besichtigung offen. Nicht zugänglich ist das Gebäude der damaligen Versicherungsgesellschaft »Assicurazioni Generali«, in der Kafka gearbeitet hatte und deren Arbeitsbedingungen für ihn auch zum Thema seiner Werke geworden sind. Später wechselte er zur Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, wo er 14 Jahre lang angestellt war.
»Vielleicht werde ich von den Fingerspitzen aufwärts allmählich zu Holz«, schrieb der studierte Jurist über die Arbeit als Versicherungsangestellter. Erst die »letzte Arbeitsminute« sei das »Sprungbrett der Lustigkeit«. Prag war für Kafka zeitlebens der Lebensmittelpunkt, trotz seiner zahlreichen Auslandsreisen, unter anderem nach Italien und Paris. Als bedrückend und einschränkend empfand er seine Heimatstadt - und konnte dennoch nie für längere Zeit aus Prag ausbrechen: »Das Mütterchen hat Krallen«, so der Dichter. |
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