Panta rhei - bei Ödipus in der Schule
Gipfeltreffen - die Sonntagsblatt-EM-Kolume
Panta rhei, alles fließt, sagt Heraklit, der alte Grieche. Wie wahr! Das fängt bei dieser EM schon beim Wetter an. Sommermärchenuntauglich ergießt der Himmel seine Fluten über die Spieler und verwandelt manche Partie in eine Wasserschlacht, bei der der Ball - laut Hersteller Aquaplaning-resistent - nach fünf Metern einfach liegenbleibt, während die Spieler wie in einem sonderbaren Ballett rück-, bäuch- oder seitlings in Piroutten über den Platz schlittern.

 Fußballerisches Gipfeltreffen in den beiden Alpenrepubliken Österreich und Schweiz: das offizielle Logo der Fußball-Europameisterschaft.
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Alles fließt, sagt Heraklit: Auch die Positionen sind in diesem Turnier nicht sicher. Der deutsche Flügelflitzer David Odonkor findet sich im Spiel gegen Kroatien durch Spielerrochaden plötzlich in der Abwehr wieder und muss zusehen, wie er mit dem gegnerischen Sturm zurechtkommt. Der türkische Torjäger Tuncay Sanli streift sich, weil sein Torwart gegen Tschechien die rote Karte sieht, Hemd und Handschuhe des hünenhaften Volkan über und sieht plötzlich gar nicht mehr gefährlich aus, sondern wie ein Schulbub in den Sachen seines Vaters. Und Bundesmotivator Jogi Löw wird gemeinsam mit dem österreichischen Coach auf die Tribüne verbannt: vom Springteufel am Feldesrand zum Kaugummikauenden Zuschauer, der das Gestikulieren und Toben jetzt seinem - damit sichtlich überforderten - Assistenten überlassen muss.
Alles fließt: Auch die Favoriten sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Vorrunden-Niederlagen von Italien und Frankreich gegen Holland hatten das Ausmaß griechischer Tragödien. Je größer die Fallhöhe, haben wir bei Ödipus in der Schule gelernt, desto tragischer - und damit besser - die Geschichte. Nach den Maßstäben der griechischen Klassik hat es das Heimatland des Dramas quasi perfekt erwischt: Nach nur zwei Spielen war das Turnier für EM-Titelverteidiger Griechenland beendet.
Es hat aber auch etwas Gutes, wenn alles so heraklitisch im Wandel ist. Zum Beispiel kann sich der deutsche Fußballfan mit fast jeder Mannschaft des Turniers ein bisschen identifizieren: Bis auf die spanische Elf tummeln sich in jedem Team ein paar Bundesliga-Spieler. Je nachdem, ob man eher dem FC Bayern oder dem Hamburger SV zugeneigt ist, schwenkt man deshalb die Tricolore für Franck Ribérys Franzosen oder hüllt sich in Orange für Rafael van der Vaarts Holländer. Natürlich nur, wenn es nicht gegen Deutschland geht. Obwohl - es ist längst opportun, sein Auto mit zweierlei Fähnchen zu schmücken: links Deutschland, rechts Türkei, oder auch links Kroatien, rechts Deutschland.
Wie gesagt, alles fließt. Aber wohin? Die Frage kann auch Heraklit beim besten Willen nicht beantworten. Schon seine antiken Zeitgenossen haben ihm deshalb den Beinamen »der Dunkle« gegeben: Es sind kaum Schriften des Philosophen erhalten und seine kryptischen Sprüche haben auch die meisten nicht verstanden.
Dabei ist es doch ganz einfach: »Der Weg auf und ab ist ein und derselbe«, sagt der Philosoph. Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Auf- und Abstieg, Sieg und Niederlage - alles irgendwie eins. Na, wenn das keine erleichternde Botschaft in Richtung EM ist! Macht euch locker, sagt Heraklit, denn panta rhei und alles fließt. Am Ende auf jeden Fall (Freuden-) Tränen und Bier. | GIPFELTREFFEN
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