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Dieser Artikel: Ausgabe 25/2008 vom 22.06.2008
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Erneuerer der Kirchenmusik

Vor 100 Jahren wurde in Nürnberg der Komponist Hugo Distler geboren


Kaum ein evangelischer Kirchenmusiker des 20. Jahrhunderts hat in der deutschen Musikgeschichte derart bleibende Spuren hinterlassen wie Hugo Distler. Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1908, wurde der spätere Komponist, Dirigent, Organist, Chorleiter und Dozent in Nürnberg geboren.

Hugo Distler: ein gebürtiger Nürnberger, der in Lübeck, der Stadt Dieterich Buxtehudes, zum Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik wurde.
Foto: AKG
   Hugo Distler: ein gebürtiger Nürnberger, der in Lübeck, der Stadt Dieterich Buxtehudes, zum Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik wurde.

Sein äußerst eigengeprägter, persönlich gefärbter Stil hat in richtunggebender und bahnbrechender Weise anregend und erneuernd auf die Musik seiner und der folgenden Generation gewirkt«, urteilt der Musikwissenschaftler Franz Krautwurst. Darüber hinaus hat kein Komponist seines Jahrhunderts ähnliche Volkstümlichkeit erlangt, wie es Distler mit seiner viel gesungenen Choralmotette »Lobe den Herren« beschieden war.

Distler wuchs als unehelicher Sohn der Damenschneiderin Helene Distler vorwiegend in der Obhut seiner Großeltern auf, die ihm auch eine solide musikalische Ausbildung finanzierten. Ab 1927 studierte Distler Musik in Leipzig, nachdem er zuvor am Städtischen Musikkonservatorium seiner Heimatstadt zweimal wegen »mangelnder Begabung« durchgefallen war. Schon mit 23 Jahren übernahm er das renommierte Organistenamt an der Jakobikirche in Lübeck.

»Negroid« und »kulturbolschewistisch«

Unter Distlers musikalischer Leitung entwickelte sich die Kirche zu einem Zentrum der Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik; er schrieb hier binnen sechs Jahren fast alle seine geistlichen Werke, darunter die »Choralpassion«, die »Weihnachtsgeschichte« und den »Jahrkreis«.

Bald jedoch sah sich Distler im Strudel des Kirchenkampfes, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland tobte; die Hitlerjugend zerstörte seinen Knabenchor, Pastoren wurden unter Hausarrest gestellt oder des Landes verwiesen. Der »Völkische Beobachter« kanzelte Distlers Musik als »negroid« und »kulturbolschewistisch« ab.

1937 wurde er Professor für Musiktheorie und Chorleitung an der Musikhochschule in Stuttgart. Doch auch hier setzten ihm Störmanöver der NS-Studentenschaft und eine vollkommene physische Überforderung arg zu. Seine Bedeutung, die der damals gerade 31-Jährige für die Musik in Deutschland erlangt hatte, wird in einem Urteil des Komponisten Paul Höffer ersichtlich, der über das »Fest der deutschen Chormusik« im Jahr 1939 in Graz schrieb, bei dem Distlers »Mörike-Liederbuch« uraufgeführt wurde: »Von der in Graz gehörten Musik waren nur die Chöre von Distler weit überm Durchschnitt, bei allen anderen war man schon heilfroh, wenn man nicht vor Langeweile einzuschlafen drohte.«

Der Selbstmord des NSDAP-Mitglieds

Noch einmal führte ihn in dieser Zeit sein Lebensweg in seine Heimatstadt: Im Mai 1940 gab er in der Nürnberger Lorenzkirche ein mit allerhöchtem Lob bedachtes Orgelkonzert, das er später selbst als den Höhepunkt seines Lebens bezeichnete. Für das Organistenamt an St. Lorenz, so bekannte er gegenüber Freunden, sei er bereit, alles andere aufzugeben.

Ein Jahr später übernahm Hugo Distler eine Professur an der Musikhochschule in Berlin-Charlottenburg. Doch über dem hochsensiblen und von den Machthabern ungeliebten Kirchenmusiker schwebte das Damoklesschwert der Einberufung zum Kriegsdienst. Distler war dauerhaft überarbeitet und fühlte sich ständigem politischen Druck ausgesetzt, obwohl er seit 1933 Mitglied der ­NSDAP war. Im Herbst 1942 reifte seine Entscheidung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Am Reformationstag 1942 dirigierte er ein letztes Mal den Berliner Staats- und Domchor, verließ dann aber den Gottesdienst vorzeitig und begab sich in seine Dienstwohnung. »Es kommt die Zeit, und sie ist nicht fern, wo auch die meinen letzten Schritt verstehen, die es heute nicht tun«, schrieb er im Abschiedsbrief an seine Frau Waltraud, bevor er den Gashahn öffnete.

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  Hermann J. Busch, Matthias Geuting (Hg.): Das Lexikon der Orgel. 906 Seiten, Laaber-Verlag Laaber 2008, ISBN 978-3-89007-508-2, 128 Euro (Subskriptions- preis noch bis 30. September, dann ca. 148 Euro)

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Thomas Greif

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:51 Uhr

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