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Dieser Artikel: Ausgabe 25/2008 vom 22.06.2008
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Der Mann der Confessio

Luthers Theologie - Teil 34: Luther und Melanchthon - zwei Charaktere, ein Glaube (II)


Das Jahr 1530 markiert einen krisenhaften Höhepunkt im Leben Philipp Melanchthons und seiner Beziehung zu Luther. Auf dem Augsburger Reichstag wurde die Lehre der Reformation verhandelt, Luther durfte als Geächteter nicht teilnehmen und musste auf der südlichen Grenzfestung Kursachsens, der Veste Coburg, zurückbleiben. Wieder wurde Melanchthon in die vorderste Front der Reformation gestellt.

Lars Rudolph als Philipp Melanchthon mit der Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag - im Film »Luther« aus dem Jahr 2003.
Foto: NFP/Rolf von der Heydt
   Lars Rudolph als Philipp Melanchthon mit der Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag - im Film »Luther« aus dem Jahr 2003.

Die Confessio Augustana (CA) wurde von Melanchthon zwar erst im Mai 1530 in Augsburg fertiggestellt, war jedoch nicht allein sein Werk. Es gab dazu ausführliche Vorarbeiten in Gestalt der Schwabacher Artikel und der Torgauer Artikel. An diesen war Luther beteiligt. Zu den Vorformen der CA gehörten auch Texte aus Luthers Feder. Inhaltlich fand Luther also seinen Standpunkt in der Confessio wieder, im Ton trug das Papier jedoch Melanchthons Handschrift: »So sanft und leise kann ich nicht treten«, bekannte Luther nach der Lektüre der CA anerkennend.

Im Auftrag seines kursächsischen Landesherrn sollte Melanchthon alles Menschenmögliche tun, um zu einer Einigung zu gelangen. Das war auch verständlich und vernünftig, denn als Alternative dazu drohte ein Bürgerkrieg um den Glauben. Deswegen, und nicht nur wegen seiner persönlichen Nachgiebigkeit spielte Melanchthon die Unterschiede herunter und unternahm den fast verzweifelten Versuch, den Gegensatz zwischen der evangelischen Seite und der Roms auf die Abschaffung einiger Missbräuche einzuschränken.

Lars Rudolph als Philipp Melanchthon mit der Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag - im Film »Luther« aus dem Jahr 2003.
Foto: NFP/Rolf von der Heydt
   Lars Rudolph als Philipp Melanchthon mit der Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag - im Film »Luther« aus dem Jahr 2003.

Melanchthon hatte in Augsburg Angst um die Zukunft der evangelischen Kirche und um die eigene Zukunft. Das geht besonders aus dem intensiven Briefwechsel hervor, der zwischen ihm und Luther in dieser Zeit geführt wurde. Melanchthon bekennt darin einmal seinem Freunde: »Ich werde von größten Sorgen verzehrt.«

Luther warnt seinen Freund vor Nachgiebigkeit, aber er anerkennt, was Melanchthon in Augsburg durch seine Schriften und seine Gespräche geleistet hat: »Ihr habt Christum bekannt, den Frieden angeboten, Schmähungen ertragen und Böses mit Bösem nicht vergolten.«

Nachdem eine Einigung misslang und der Kaiser die Widerlegung der evangelischen Lehre anerkannte, bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen: Die römisch-katholische Reichstagsmehrheit erneuerte das Wormser Edikt von 1521. Damit drohte jetzt die gewaltsame »Lösung« der Religionsfrage, der Religionskrieg des Kaisers gegen die evangelischen Gebiete. Nur die erneute Türkengefahr verhinderte das zunächst. Die sächsischen Vertreter kehrten gemeinsam mit Luther wieder nach Wittenberg heim.

Die Reformation ruhte auf schmalen Schultern

Nürnberger Druck der Confessio Augustana.
Foto: Lagois
   Nürnberger Druck der Confessio Augustana.

Das Verhältnis Melanchthons und Luthers hatte sich im Laufe der Jahre versachlicht, aber es blieb ungetrübt. Luther nahm seinen Freund auch gegen Angriffe aus den eigenen Reihen in Schutz und hielt an Melanchthon fest, selbst wenn sie im Abendmahlsverständnis nicht mehr ganz übereinstimmten.

Der Tod des großen Freundes am 18. Februar 1546 bedeutete für Melanchthon einen unermesslichen Verlust. Er soll zweimal in seinem Leben in der Öffentlichkeit seinen Tränen freien Lauf gelassen haben, das eine Mal davon, als er am Tag danach in der Vorlesung seinen Studenten den Tod Luthers bekanntgeben musste. Er ahnte wohl auch, dass er nach dem Verlust seines »Vormannes« schweren Zeiten entgegenging. Jetzt war er im Glauben ganz auf sich selbst gestellt, war seines großen Seelsorgers und Mentors beraubt, damit in die erste Position aufgerückt, die ihm so wenig lag.

Die Freundschaft hatte alle Proben bestanden, hatte gehalten durch alle Höhen und Tiefen hindurch. Es war dabei wohl zu Spannungen gekommen, aber nie zum Bruch. Melanchthon hielt Luther auch über den Tod hinaus die Treue. Er nahm die Last der Verantwortung für die Reformation auf seine schmalen Schultern, er reiste weiter als unermüdlicher Gesprächspartner und ehrlicher Makler zu Religionsgesprächen und er bemühte sich in Vorlesungen, Büchern und in den Kämpfen seiner Zeit, das Evangelium, das er von Luther gelernt hatte, zu glauben und zu bezeugen.

Schwierig wurde die Lage für Melanchthon, als innerlutherische Kämpfe ausbrachen um das rechte Verständnis der Lehre Luthers. Es ging dabei um die Angriffe des Matthias Flacius gegen Melanchthon wegen des Leipziger Interims.

Im Jahr nach dem Tode Luthers hielt der Kaiser den Moment für günstig, den Schmalkaldischen Bund anzugreifen und damit die Religionsfrage doch noch militärisch zu entscheiden. Zwar hatten sich inzwischen die evangelischen Theologen dazu durchgerungen, einen Verteidigungskrieg für den Glauben zu bejahen, aber das evangelische Verteidigungsbündnis war entscheidend geschwächt, zwei wichtige Fürsten waren aus der Allianz herausgebrochen.

Philipp von Hessen drohte die Reichsacht wegen seiner Doppelehe; er musste deshalb den Kampfhandlungen fernbleiben. Den jungen, ehrgeizigen Moritz von Sachsen hatte der Kaiser dadurch davon abhalten können, auf der Seite des Schmalkaldischen Bundes in den Krieg zu ziehen, dass er ihm die Kurwürde versprach. Der so geschwächte Bund wurde vom Kaiser im Frühjahr 1547 bei Mühlberg an der Elbe geschlagen.

Damit hatte Karl V. ganz Deutschland militärisch in der Hand und konnte daran gehen, die Reformation gewaltsam zu annullieren. Er hielt 1548 in Augsburg den »Geharnischten Reichstag« ab, der das Augsburger Interim beschloss. Es besagte, dass alle Reformen in der Kirche rückgängig zu machen sind außer dem Laienkelch und der Priesterehe. Und auch dies sollte nur bis zur Entscheidung des inzwischen begonnenen Konzils gelten.

Evangelische Pfarrer, die dies Interim nicht befolgten, mussten ihr Amt verlassen. Es galt im ganzen Reich für alle Evangelischen, außer Sachsen. Denn der Kaiser hatte Moritz versprochen, in dessen Gebiet das Interim nicht gewaltsam durchzusetzen. Moritz zog Melanchthon zu Rate, befahl ihm, das Interim zu prüfen, vor allem, ob dessen Rechtfertigungslehre mit dem Evangelium zu vereinbaren sei. Melanchthon kam diesem Auftrag nach und verwarf das Augsburger Interim.

Andererseits konnte es sich Moritz von Sachsen auch nicht leisten, die Durchführung des Reichstagsbeschlusses ganz zu verweigern. Melanchthon erhielt darum den weiteren Auftrag, einen Kompromiss auszuarbeiten. Auch dem musste er nachkommen. Er schlug folgende Lösung vor: In der Frage der Lehre, besonders der Rechtfertigungslehre, darf man nicht nachgeben. Dagegen sind die Fragen der Kirchenordnung, der Riten, der Feste sogenannte Mitteldinge, d.h. ethisch oder theologisch neutrale Fragen. Hier könne man nachgeben. Genau dagegen wandte sich Matthias Flacius, der entschiedenste Anhänger Luthers in der jüngeren Generation, mit aller Schärfe und warf Melanchthon wegen dieses Kompromisses, dem er den abfälligen Namen »Leipziger Interim« gab, Verrat am evangelischen Glauben vor.

Flacius verfolgte Melanchthon bis an sein Lebensende

Bevor man Flacius zustimmt und Melanchthon verurteilt, muss man sich zugunsten Melanchthons Folgendes überlegen: Das Ganze geschah unter dem Eindruck des Sieges des Kaisers, der die evangelische Kirche auszulöschen drohte. Auch hier handelte Melanchthon im Auftrag seines Landesherrn. Er wurde in die Angelegenheit hineingezogen und musste einen Vorschlag machen. Hier radikal nein zu sagen, hätte geheißen, tausende von Pfarrern mit ihren Familien ins Elend zu schicken und ihre Gemeinde verwaist katholischen Priestern zu überlassen. Melanchthon konnte sich auch auf die CA berufen, wo deutlich ausgesprochen wird, dass die Einheit der Kirche in der gemeinsamen Lehre besteht, nicht aber in einheitlichen Zeremonien.

Philipp Melanchthon auf dem Totenbett, wie ihn Lucas Cranch der Jüngere am Tag nach Melanchthons Tod (19. April 1560) zeichnete.
Foto: sob
   Philipp Melanchthon auf dem Totenbett, wie ihn Lucas Cranch der Jüngere am Tag nach Melanchthons Tod (19. April 1560) zeichnete.

In der Lehre hatte er nicht nachgegeben. Melanchthon befand sich in einer Konfliktentscheidung, in der man bekanntlich nicht die Wahl hat zwischen Gut und Böse, sondern nur zwischen zwei Übeln und versuchen muss, das kleinere Übel zu finden. Flacius hatte schon deshalb kein Recht, Melanchthon in dieser Härte vorzuwerfen, er habe gesündigt.

Im Übrigen war das Ganze nach vier Jahren erledigt, weil Moritz von Sachsen durch einen nochmaligen Frontwechsel den Kaiser aus Deutschland vertrieb und der evangelischen Kirche zunächst Duldung und schließlich reichsrechtliche Anerkennung zuteil wurde (Augsburger Religionsfriede 1555). Aber Flacius verfolgte Melanchthon bis an sein Lebensende mit seinen Vorwürfen. Melanchthon hat darunter sehr gelitten und an diese Kämpfe gedacht, als er sich danach sehnte, im Tode »von der Wut der Theologen« befreit zu werden.

Am 16. April 1560 ist Melanchthon friedlich entschlafen - und wurde in der Schlosskirche zu Wittenberg neben seinem Freund und Weggefährten begraben.

 

  IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Teil 35: Luther als Seelsorger in seinen Briefen.

CONFESSIO AUGUSTANA

Die Confessio Augustana. Das Augsburger Bekenntnis stammt zu großen Teilen aus der Feder Philipp Melanchthons. » lesen!

Feingeist der Reformation. Luther und Melanchthon - zwei Charaktere, ein Glaube (I). » lesen!

Der Mann der Confessio. Luther und Melanchthon - zwei Charaktere, ein Glaube (II). » lesen!

 

LUTHERS THEOLOGIE

Luther - die Sonntagsblatt-Serie

 

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ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.

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DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.

 

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Hanns Leiner

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:09 Uhr

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