Wohin gehöre ich?
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Ein Hauptschul-Lehrer kann immer weniger Verständnis für seine pubertierenden Schüler aufbringen: »Ich spüre nur noch Distanz. Es gibt in meinem Empfinden keine Brücke mehr, und das ist, was mich am meisten erschreckt.«
Ich bin Fachlehrer in einer Hauptschule. Bisher bin ich einigermaßen mit meiner Arbeit zu Rande gekommen. Aber das wird, so scheint es mir, von Monat zu Monat schwieriger, und aus dieser Schwierigkeit heraus schreibe ich Ihnen.
Bisher hat es mir geholfen, meine Schülerinnen und Schüler zu verstehen oder dies wenigstens zu versuchen. Ich habe immer den einzelnen Menschen gesehen und habe bei Erik Erikson gelernt, dass 14-, 15-, 16-Jährige sich vor allem mit der Frage herumschlagen: Wer bin ich? Sie müssen sich ausprobieren und von daher ist manches Fehlverhalten zu begreifen.
Jetzt aber erlebe ich mit zunehmender Ratlosigkeit, wie sie sich zusammenrotten und wie dann aus der Clique heraus einfach Zerstörerisches geschieht, Beleidigungen, Herabsetzungen, Sachbeschädigung, Gewalt.
Ich spüre nur noch Abstand, nur noch Distanz. Ich bin hier, und ihr seid auf der anderen Seite des Lebens!! Es fällt mir schwer, dies zu sagen, aber es gibt in meinem Empfinden keine Brücke mehr, und das ist, was mich am meisten erschreckt.
Herr F.
Es ist so wichtig, dass Sie das zulassen und aussprechen, auch wenn es noch so schwer ist! Wichtig deswegen, weil Sie erst so die Weggabelung sehen können, vor der Sie stehen. Der eine Weg führt schnurstracks in die Verbitterung. Sie würden sich damit seelisch verhärten und könnten vielleicht noch eine Zeit lang funktionieren. Mehr aber auch nicht.
Der andere Weg würde sie im Kontakt mit dem Leben belassen. Zwei Hilfen dazu. Zunächst vom Verstehen her. Die Entwicklungspsychologie weist uns darauf hin, dass die Frage »Wer bin ich?« heute nicht mehr ausreicht, um junge Leute zu verstehen. Die Frage also nach der Identität. So wie wir es vor vierzig Jahren von Erik Erikson gelernt haben.
Die Frage, die Jugendliche heute stellen, lautet: »Wohin gehöre ich?« Die Frage also nach der Beheimatung. Einer der Nachfahren Eriksons, der Harvardprofessor Gil Noam, nennt diese Entwicklung in einem Wortspiel »vom 'ego' zum 'we go'«. An dieser Stelle wird die Clique wichtig. In der Clique entscheidet sich, ob ich beliebt bin oder nicht, anerkannt bin oder nicht, ob ich als cool gelte oder nicht.
Die Herausforderung an Sie lautet demnach: Gelingt es Ihnen, Ihr Empfinden zu erweitern, so dass Sie sagen können: »Ich bin hier und ihr seid auf der anderen Seite, und doch gehören wir zu diesem einen Leben, das uns aufgetragen ist.« So könnte eine neue Brücke entstehen, und die kann durchaus anders aussehen als die, die Ihnen bisher vertraut war.
An dieser Stelle ein zweiter Impuls. Ich ermutige Sie sehr, sich auf diesem Weg unterstützen zu lassen. In einer Supervisions- oder auch Intervisionsgruppe zum Beispiel. Dass Sie zusammen mit anderen über die Herausforderungen nachdenken können, die Ihr Beruf heute mit sich bringt. Herausforderungen, die wahrlich nicht zu knapp sind. Dies sage ich mit Wertschätzung und Bewunderung für alle, die sich für diesen Beruf entscheiden und darin gute Arbeit leisten. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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