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Dieser Artikel: Ausgabe 25/2008 vom 22.06.2008
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Der Kampf mit dem Schatten

Vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen - Wege aus der Krankheit

Von Uwe Birnstein

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt ein Mal im Leben an einer Depression. Insgesamt leiden in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Eine dunkle Stimmung kann wie ein ein mächtiger Sog in die Tiefe wirken. Worte reichen nicht für das, was Depressive durchleiden, wenn Hoffnungslosigkeit die Lebensenergie anzapft und sie schließlich versiegen lässt.
Foto: Kolja Warnecke
   Eine dunkle Stimmung kann wie ein ein mächtiger Sog in die Tiefe wirken. Worte reichen nicht für das, was Depressive durchleiden, wenn Hoffnungslosigkeit die Lebensenergie anzapft und sie schließlich versiegen lässt.

Kein Licht, nirgends. Dauerzustand: dunkel. Ein mächtiger Sog in die Tiefe der Traurigkeit. Die ganze Seele eine Wunde. Worte reichen nicht für das, was Depressive durchleiden. Obwohl deren Berichte oft so realistisch den Furcht einflößenden Zustand schildern: wie die Hoffnungslosigkeit die Lebensenergie anzapft und sie schließlich versiegen lässt.

Wie die Lust weicht und das schlechte Gewissen das gesamte Gefühlsleben lahm legt. Wie Schuldgefühle die eigene Lebensgeschichte zur deprimierenden Aneinanderreihung von Pleiten, Pech und Pannen degradieren. Wie die Angst das Atmen schwer macht und es eigentlich nur noch einen Ausweg gibt, um diesem Leben zu entkommen: den Tod.

Und wie bei alldem Kollegen, Bekannte, manchmal sogar die engsten Freunde und Familienangehörige, gutgemeinte schlechte Ratschläge erteilen: 'Stell Dich nicht so an!' 'Gönn Dir mal eine Auszeit, dann geht's Dir wieder besser!' 'Unternimm doch mal was Schönes!' Würden solche Tipps an Depressiven nur abprallen, wäre es halb so schlimm.

Fest im Leben zu stehen - die Sehnsucht depressiv Erkrankter.
Foto: Kolja Warnecke
   Fest im Leben zu stehen - die Sehnsucht depressiv Erkrankter.

Doch fatalerweise verstärken sie das Gefühl, unnütz zu sein und schustern dem Erkrankten selbst die Schuld an seinem Zustand zu. Neues Futter für die Selbstzerfleischung. Die Spirale des Teufelskreises aus Resignation, Lebensleere und Suizidgedanken erreicht neue Abgründe.

Wohl kaum eine Krankheit ist mit so vielen Vorurteilen und so viel Halbwissen belegt wie die Depression. Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter behandlungsbedürftigen Depressionen. Jeder Fünfte ist gefährdet, unabhängig von Rasse und Sozialstatus, Wohnort und Bildungsstatus, doppelt so viele Frauen wie Männer.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO prognostiziert den sogenannten entwickelten Staaten, dass Depression vom Jahr 2020 an zur verbreitetsten Volkskrankheit zählen wird. Angesichts der 43 Milliarden US-Dollar, die die Seelenkrankheit schon jetzt jährlich die US-amerikanische Wirtschaft kostet, eine Vorhersage mit ökonomischer Sprengkraft. Sie mag die deutsche Bundesregierung dazu bewogen haben, Aufklärung und Bekämpfung der Depression auf die Prioritätenliste der nationalen Gesundheitsziele zu setzen. Schon jetzt verursachen depressive Erkrankungen hierzulande elf Millionen Tage Arbeitsunfähigkeit.

Ein Blick voller Glück oder voller Trauer?
Foto: Kolja Warnecke
   Ein Blick voller Glück oder voller Trauer?

Gesundheitsverbände, Krankenkassen und Ärzte sollen künftig aufklären über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten. Schlaflosigkeit und Antriebslosigkeit, Libidoverlust und vermindertes Selbstwertgefühl, Angstzustände und Desinteresse sind mehr als harmlose, vorübergehende Stimmungsschwankungen.

Erst recht, wenn sie länger als zwei Wochen andauern. Werden sie von nicht diagnostizierbaren Schmerzen, oft im Rücken, begleitet, kann das ein deutlicher Hinweis auf eine Depressionserkrankung sein. Und die erkennt nicht einmal jeder Hausarzt rechtzeitig. Wertvolle Zeit vergeht, bis eine angemessene Behandlung beginnen kann. Zeit, in der die Verzweiflung Opfer sucht. Die Hälfte aller Suizide und Suizidversuche geschieht in Folge depressiver Erkrankungen.

Über deren Ursachen kreisen viele Theorien. Relativ gesichert ist: Es handelt sich um eine Stoffwechselstörung des Gehirns. Als unhaltbar hat sich die lange Jahre vorherrschende Unterscheidung von »endogenen« (ohne erkennbaren Auslöser entstandene) und »psychogenen« (von einem äußeren Anlass wie Stress, Trauer, Lebenskrise verursachte) Depressionen erwiesen.

Zu verwoben ist das Geschehen, das die Seele in die Finsternis führt. Neurobiologische Vorgänge spielen dabei offensichtlich eine wichtige Rolle. Bei Depressiven ist die Balance der für die Nachrichtenübermittlung im Nervensystem zuständigen Botenstoffe außer Kontrolle geraten, besonders von Serotonin und Noradrenalin. Andere Theorien behaupten plausibel, dass Depressionen auch mit einer Überproduktion des Stresshormons Cortisol zusammenhängen. Neuere Antidepressiva berücksichtigen diese Forschungsergebnisse und zeigen beachtliche Therapieerfolge.

Dennoch: Um der in Phasen verlaufenden Erkrankung dauerhaft wirksam Paroli zu bieten, ist eine Kombination mit psychotherapeutischen Behandlungsformen unerlässlich. Denn dass Stress und unerledigte Lebens-Erfahrungen zur Depression beitragen oder sie auslösen können, gilt als sicher.

Besonders in der Lebensmitte stellen sich Fragen nach dem Erreichten und den Zielen neu. Körper und Seele fordern einen ehrlichen Rückblick und eine neue Orientierung. Was als Midlife-Crisis beginnt, endet nicht selten in Depressionen. Spätestens wenn sich die Schatten der eigenen Vergangenheit verdichten und die Seele umnachten, sollten Helfer zu Rate gezogen werden. Solche, die keine gut gemeinten Ratschläge, sondern professionelle Hilfe bieten. Beistände im Kampf der Seele gegen die bedrohliche Dunkelheit. Denn der könnte lange dauern.

Wer ihn durchsteht, wird eine lang ersehnte Erfahrung machen: Licht. Erst nur ein Schimmer, dann fast überall.

VON DER GROßEN ZAHL depressiv Erkrankter erhält bisher allerdings nur eine Minderheit eine optimale Behandlung. Das »Deutsche Bündnis gegen Depression« (siehe Informationen) will dies mit regionalen Aktivitäten ändern. Im Rahmen eines Modellprojektes, des Nürnberger Bündnisses gegen Depression, konnte gezeigt werden, dass sich durch eine gemeindeorientierte Intervention die Versorgung depressiv Erkrankter verbessern lässt.

Durch eine verbesserte Kooperation mit Hausärzten, eine professionelle PR-Kampagne, die Fortbildung von Lehrern, Pfarrern, Altenpflegekräften und anderen Multiplikatoren konnte die Zahl an Selbsttötungen in Nürnberg in den vergangenen beiden Jahren um 20 Prozent gesenkt werden. Lokale Bündnisse dieser Art gibt es in Cham, Erlangen, Fürth, Ingolstadt, Regensburg, Würzburg, Dillingen und Memmingen. Ende Mai wurde in München ein regionales Bündnis gegründet, das am 10. Oktober der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll.

 

Fünf Vorurteile über Depressionen

  1. Frauen bekommen öfters Depressionen als Männer.

Richtig. Nach der Statistik erkranken etwa halb so viele Männer wie Frauen an Depressionen, in Deutschland sind dies derzeit mindestens 1,7 Millionen. Tatsächlich liegt die Quote jedoch höchstwahrscheinlich höher, da Männer bei seelischen Beschwerden seltener den Arzt aufsuchen als Frauen.

  2. Wer über Depressionen klagt, leidet eigentlich nur unter mangelnder Selbstdisziplin.

Falsch. Auch bei einer Erkältung kann man das Niesen nicht mit Willenskraft unterbinden. Depression ist eine Krankheit mit eindeutiger Diagnose. Disziplin, die Symptome zu bekämpfen, greift deshalb nicht.

  3. Depression ist eine Stimmung, keine Krankheit.

Falsch. Jede depressive Verstimmung, die sich über mehr als zwei Wochen hinzieht, kann in eine schwere Depression münden, die ärztlicher Therapie bedarf.

  4. Um Burn-Out-Zustände zu überstehen, reichen ein paar Tage Urlaub und Entspannung.

Falsch. Und zwar in doppelter Hinsicht. »Burn-Out« ist kein anerkanntes Krankheitsbild, sondern die verniedlichende Umschreibung einer durch Stress ausgelösten depressiven Erkrankung. Urlaub ist erholsamer als das ärztliche Wartezimmer; einen Arztbesuch kann er jedoch nicht ersetzen.

  5. Medikamente gegen Depressionen machen abhängig und verändern die Persönlichkeit.

Falsch. Nicht Antidepressiva, sondern Depressionen können auf Dauer die Persönlichkeit eines Erkrankten verändern. Anders als Schlaf- und Beruhigungsmittel führen Antidepressiva nicht zur körperlichen Abhängigkeit.

DEPRESSION

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abgerufen 08.02.2012 - 11:16 Uhr

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