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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2008 vom 08.06.2008
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Die Kraft der zwei Herzen

Gipfeltreffen - die Sonntagsblatt-EM-Kolume


Schön, dass bei uns einer mitspielt, der Fritz heißt! So einen Namen darf man bei einem deutschen Nationalspieler erwarten. Wenn er Gomez oder Neuville oder Kuranyi heißt, klingt das schon ein bisschen weniger deutsch.

Fußballerisches Gipfeltreffen in den beiden Alpenrepubliken Österreich und Schweiz: das offizielle Logo der Fußball-Europameisterschaft.
   Fußballerisches Gipfeltreffen in den beiden Alpenrepubliken Österreich und Schweiz: das offizielle Logo der Fußball-Europameisterschaft.

Auch die anderen Mannschaften dieser EM weisen bemerkenswert bunte Einsprengsel auf, die zur Idee der jeweiligen Nationalmannschaft rein nominell und damit ethnisch nicht so recht zu passen scheinen. Ein gebürtiger Brasilianer spielt für Polen. Auch die Kroaten haben einen fußballspielenden Brasilianer eingebürgert.

Wieso irritiert das? Weil wir nun mal lupenrein nationale Mannschaften erwarten.

An dieser Stelle muss nun endlich davon die Rede sein, was eigentlich am Spiel von Fußballnationalmannschaften so toll und besonders ist und uns irgendwo und irgendwie berührt: Man darf, wenn man kann, die nationalen Vorurteile pflegen.

Und zwar in einer heiteren und ironischen Weise. Typisch Kampfmaschine, effektiv, aber phantasielos - oder typisch Einzelspieler, nicht teamfähige, verliebte Ballartisten: Man darf - wenn man es kann! - die Türken, die Polen, die Italiener und natürlich uns selbst bei ihren jeweils typischen Eigenschaften benennen und seinen Spaß daran haben, so wie die Erfinder von Asterix und Obelix ihren Spaß daran hatten, den typischen Römer, Gallier, Germanen zu zeichnen. In einer Karikatur.

Deutschland - Polen: Da gab es freilich im Vorfeld ein paar Karikaturen, die nicht mehr fröhlich-ironisch-kabarettistisch waren, ganz einfach, weil sie einen ernsten Hintergrund und eine ernste Absicht hatten. Es spricht für die Weiterentwicklung der je nationalen Kulturen, dass weder unsere noch die Gesellschaft der Polen darum allzuviel Aufhebens machten.

Es ist eine glänzende Ironie des Zufalls (bzw fußballerischen Könnens), dass ausgerechnet ein in Polen gebürtiger Deutscher (also eigentlich ein Pole? Oder ein Schlesier?) noch dazu auf Zuspiel eines ebenfalls aus Polen stammenden Deutschen zwei Tore für die Deutschen gegen die Polen schießt. Der arme Lukas Podolski, der Mann, der angeblich zwei Herzen in seiner übrigens gar nicht so breiten Brust schlagen fühlt: ein deutsches und ein polnisches.

Er hat sich, alle Kaczynskis und Sprecher ostpreußischer Landsmannschaften werden es bemerkt haben, glänzend diplomatisch aus der Affäre des erfolgreichen Torschusses gezogen: verzichtet auf jegliches Triumphgeheul, zeigt uns eine ernste Miene, greift sich zwischen die beiden Herzen, so als ob er sich entschuldigen wolle für dieses Tor, dass gewissermaßen ein halbes Eigentor war.

Fußball kann (wie übrigens auch der religiöse Glaube) Menschen verbinden und Gemeinschaft stiften. Im schlechten Fall kann er natürlich (wie auch der religiöse Glaube) gerade andersherum Menschen trennen und Gemeinschaft zerstören. Wenn Nationalmannschaften aufeinander treffen, geht es genau um dieses sensible Neben-, Mit-, Gegeneinander von Nationen. In diesem Sinne war das Spiel Deutschland - Polen ein gutes Spiel.

Das sagen wir, wohlwissend dass wir uns leicht tun, das zu sagen. Denn wir haben ja gewonnen. Das Spiel, nicht einen Krieg.

GIPFELTREFFEN

Gipfeltreffen - die Sonntagsblatt-EM-Kolume

 

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Lutz Taubert

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:29 Uhr

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