Abgehackte Schwurhände
Beispiel Haag: Wie die Münchner Herzöge die Reformation in Altbayern ausmerzten
Die vierte und letzte Folge der kleinen Serie zur Reformationsgeschichte Oberbayerns führt nach Haag, rund 50 Kilometer östlich von München. In der einst unabhängigen Reichsgrafschaft, in der Ladislaus von Fraunberg (1505-1566) die Reformation förderte, gilt »bayrisch« manchen bis heute als Schimpfwort.
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 Kirchen, Türme und am Horizont die Alpenkette: Oberbayern wie aus dem Bilderbuch? Von wegen. 50 Kilometer östlich von München, in der ehemaligen Grafschaft Haag, ist »bayrisch« für manche bis heute ein Reizwort. Vor der Hauptkirche Haags in Kirchdorf sammelten sich 1596 die Haager Bauern zum Schwur gegen Bayern.
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Am Anfang der Geschichte von Haag und der Reformation steht ein Pferdediebstahl. Der Pferdedieb: Martin Luther. Nachdem Kardinal Kajetan im Oktober 1518 den Wittenberger Augustiner-Mönch in Augsburg verhört hatte, »lieh« sich dieser bei seiner Flucht aus der Stadt das Pferd seines Ordensbruders Martin Glaser - ohne zu fragen. Glaser war Prior des Augustinerklosters Ramsau unweit von Haag. In einem Brief vom Mai 1519 entschuldigt sich Luther bei ihm: Der Bruder habe alles Recht, sauer zu sein, weil er, Luther, sich nicht früher gemeldet habe.
Glaser hat Luther die Sache mit dem Pferd offenbar nicht krummgenommen: Er blieb ein Aktivist der evangelischen Bewegung. 1524 wurde er Pfarrer in Kraftshof bei Nürnberg, später führte er in Hilpoltstein die Nürnberger evangelische Kirchenordnung ein.
Vor allem aber mit einem Namen ist die evangelische Geschichte der kleinen Grafschaft in den Hügeln östlich von München verbunden: mit dem des Grafen Ladislaus (oder kurz: Laßla) von Fraunberg zum Haag (1505-1566).
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 Reichsgraf Ladislaus von Fraunberg zum Haag (1505-1566) wie ihn der Münchner Maler Hans Mielich 1557 porträtierte.
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Als einen selbstbewussten Renaissance-Fürsten hat ihn der Münchner Maler-Star Hans Mielich 1557 gemalt: einen Leoparden neben sich, im Hintergrund seine Burg mit dem markanten Bergfried, an dessen vier Seiten bis heute das rote Haager Landeswappen mit der »Gurre«, dem aufsteigenden Schimmel prangt.
Seinen Gegenspieler, den Münchner Herzog Albrecht V. (1528-1579), der damals bereits nach der Grafschaft griff, bildete Mielich ein Jahr zuvor in nahezu identischer Pose ab: mit einem Löwen zur Rechten.
Mit dem Bild unterstrich Graf Ladislaus seinen Rang: Er ist Fürst eines reichsunmittelbaren Kleinstaats und deshalb auch in Religionsfragen vom katholischen Bayern unabhängig.
1541 hatte er die badische Prinzessin Maria Salome geheiratet. Auflage des Schwiegervaters Markgraf Ernst von Baden: Die Tochter müsse evangelisch bleiben.
Die neue Gräfin brachte ihren lutherischen Prediger mit, und bei den evangelischen Gottesdiensten oben in der Schlosskirche auf der Burg Haag - von der heute nur noch der Turm steht - durfte auch das Volk teilnehmen.
Ladislaus förderte die evangelische Bewegung und grenzte sich zugleich von den katholischen Münchner Herzögen ab: Bereits 1509 hatte Haag vom Kaiser das Münzrecht bekommen, aber nicht zufällig beginnt der Graf genau jetzt, 1545, mit dem Prägen der eigenen Haager Silbertaler.
Eine katastrophale Brautfahrt
Zur Tragik des Ladislaus gehört, dass Maria Salome 1549 starb, ohne ihm Kinder geboren zu haben. Der nun schon alternde Ladislaus brauchte, wollte er die Unabhängigkeit seiner Grafschaft sichern, unbedingt einen erbberechtigten Sohn.
Während in Augsburg der Religionsfrieden verhandelt wird, steht Ladislaus vor einer Brautfahrt nach Italien. Sie gerät zur Katastrophe. Um ein Vermögen ärmer, aber ohne die Nichte des Herzogs von Ferrara, die er eigentlich geheiratet hat, kehrt Ladislaus 1556 zurück. Die Frau war in ein Kloster geflohen, den protestierenden Haager Grafen vertrieb man mit Mordanschlägen.
Kurz vor seiner Abreise hatte Ladislaus noch auf die immer lauter werdenden Rufe nach flächendeckenden evangelischen Gottesdiensten in seinem Land reagiert. Bei seinem in Wittenberg erzogenen Gutsnachbarn Hans Jordan von Herzheim auf Salmannskirchen lieh er sich den lutherischen Schlossprediger Hans Sebastian Halteinspiel aus.
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 Für die Lokalhistoriker Frithjof Flamm und Rudolf Münch ist »bayrisch« bis heute ein Reizwort. Das Wappen mit der Haager »Gurre« am Bergfried der Burg erinnert an die einstige Unabhängigkeit der Grafschaft.
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In München war man informiert: Als Ladislaus in Italien war, ließ der Herzog den Theologen verhaften und überstellte ihn dem Salzburger Bischof. Über ein Jahr war Halteinspiel eingekerkert, erst dann kam er frei und ging als Pfarrer von Burglengenfeld nach Pfalz-Neuburg.
Die evangelisch gesinnten Haager Untertanen ließen sich nicht einschüchtern, schickten einen Boten zum Grafen nach Rovereto und baten um einen Nachfolger.
Doch die erste Garnitur lutherischer Theologen machte um Haag einen Bogen. Es hatte sich herumgesprochen, dass Ladislaus kein einfacher Typ war. Binnen zehn Jahren verschliss er nicht weniger als 15 Prediger auf vier Haager Kirchenstellen.
Das Beispiel Wolfgang Kosmann: Der »Gesellpriester« von Schwindkirchen bekannte sich gegen seinen katholischen Pfarrherrn zur evangelischen Lehre. Als ihm die Auslieferung drohte, nahm ihn Ladislaus als Hofprediger auf. Und bezahlte dafür einen im Wortsinn hohen Preis: Als er sich in Bayern aufhält, lässt Herzog Albrecht den Haager Grafen wegen der Anstellung Kosmanns verhaften und erst gegen Zahlung von 25.000 Gulden wieder frei. Kosmann, der selbst gern trank und gelegentlich Wirtshausschlägereien anzettelte, dankte es seinem Herrn, indem er ihn wegen seines Lebenswandels beschimpfte und die Zulassung zum Abendmahl verweigerte. Ladislaus lebte nämlich in wilder Ehe mit Margaretha von Trenbach zusammen, weil es ihm nicht gelang, seine italienische Ehe annullieren zu lassen. Jetzt war es der Haager Graf, der einen evangelischen Prediger in die Kerkerhaft beim Salzburger Bischof auslieferte.
»Unbezwungen seiner conszientz und gewissen«
Auf dem Augsburger Reichstag 1559 zeigte er trotzdem vor Kaiser und Reich seinen Wechsel zum evangelischen Bekenntnis an. Damit war die Grafschaft Haag offiziell evangelisch. Gleichzeitig ließ Ladislaus aber zu Hause von den Kanzeln verkünden, niemand werde zu einer Religion gezwungen, jeder könne »frei, ledig, unbezwungen seiner conszientz und gewissen beleiben«.
Tatsächlich bleibt die Grafschaft konfessionell gespalten: Der Süden ist katholisch, der Norden evangelisch. Eine große Rolle spielt dabei die Persönlichkeit der Pfarrer, denn im Ganzen ist die Religionspolitik des Grafen eher unbeständig. Erst versucht er, die sächsische Kirchenordnung einzuführen, dann die nürnberg-brandenburgische.
Im Norden, im heutigen Sankt Wolfgang, wirkte Veit Gilger als wortgewaltiger, charismatischer protestantischer Prediger mit. Gilger war ursprünglich Kesselschmied, theologisch ein Autodidakt. Er hatte bereits Haft für seinen evangelischen Glauben und zudem erfolglose Bewerbungen um Predigerstellen in Neuburg und Amberg hinter sich. In Haag kam er unter und zog als zündender Redner die Massen an. Zu seinem Ostergottesdienst 1560 kamen - nach der Zählung katholischer Beobachter - etwa 3000 Menschen.
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 Die kirchliche Einteilung der Grafschaft Haag im Jahr 1315.
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Zu solchen und anderen evangelischen Gottesdiensten in der Grafschaft Haag nahmen auch bayerische Untertanen lange Fußmärsche auf sich. Sie kamen aus Rosenheim, Erding oder München. Der Herzog schäumte. »Auslaufen« nannte man diesen Verstoß gegen den Pfarrzwang. Wer erwischt wurde, musste mit harten Strafen bis hin zur Ausweisung rechnen.
Auf die immer schärfere militärische Umzingelung reagierte Ladislaus mit Aufrüstung. In Nürnberg kaufte er über 1000 Büchsen und Geschütze. Es war vergeblich.
Am 31. August 1566 starb er ohne einen Erben. Die Grafschaft Haag fiel an seinen Widersacher Herzog Albrecht. Anfang September kommen bereits die ersten bayerischen Religionskommissare und räumen mit den »Sectischen« gründlich auf. Wer evangelisch bleiben will, muss das Land verlassen.
Dass sein prächtiger Sarkophag heute ausgerechnet in München das Bayerische Nationalmuseum ziert, hätte dem um Haager Unabhängigkeit bemühten Ladislaus wohl kaum gefallen. Fortan (bis zum offiziellen Ende der Grafschaft 1804) nannten sich die Wittelsbacher »Reichsgrafen von Haag«, schafften aber rasch die dortigen Bauern-Freiheiten ab. Vor allem erhöhten sie spürbar die Steuern.
Abgehackte Finger als Abschreckung
Noch einmal flackert deswegen 1596 der Geist der Haager Unabhängigkeit auf. Angesteckt von den Bauernaufständen auf der anderen Seite des Inns in Oberösterreich, begehren die Haager Bauern gegen Wilhelm V., den nächsten Bayern-Herzog, auf. 1500 Bauern versammeln sich auf dem Feld vor der Haager Hauptkirche in Kirchdorf zum Schwur. Basisdemokratisch wie eine Schweizer Landsgemeinde wählen sie ihre Anführer. Dann vertagen sie sich auf den nächsten Sonntag für eine genauere Ausarbeitung ihrer Forderungen: Abendmahl in beiderlei Gestalt und Wiederherstellung der traditionellen Haager Freiheitsrechte.
Der Herzog schickte derweil Elite-Soldaten und verhaftete die Anführer. Zur Abschreckung ließ er ihnen die Finger der Schwurhand abhacken. Es war vorbei - auch mit der Reformation in Haag. Das Bewusstsein einer besonderen Geschichte blieb bis heute lebendig, auch wenn die Wittelsbacher 1804 den Großteil der Burg abbrechen ließen. Deren Reste befinden sich seit Jahren in einem Dornröschenschlaf und sind nicht öffentlich zugänglich, weil dem bayerischen Staat für die Renovierung angeblich das Geld fehlt. Bis heute kann man in den Mauern erkennen, wo sich Sakristei und Seitenaltar der Kirche befanden, in der 1541 evangelische Gottesdienste gefeiert wurden. Der Bergfried, weithin sichtbares Wahrzeichen der Haager Unabhängigkeit von Bayern, blieb stehen.
Doch nur eingefleischte Haager Patrioten wie die Lokalhistoriker Rudolf Münch oder Frithjof Flamm stört es heute, wenn die rot-weiße Haager Fahne mit der »Gurre« an einem weiß-blau-bayerischen Maibaum weht.
Vielleicht liegt es ja daran, dass die beiden Protestanten sind. |