Eklat am Sarg
Am 19. April 1944 starb der Leiter der Landeskirchenstelle Ansbach, Friedrich von Praun, in NS-Haft
Mit einem Gedenkgottesdienst in der Dachauer Versöhnungskirche erinnert die bayerische Landeskirche an Friedrich von Praun, den ein drohendes Volksgerichtshof-Verfahren und die zu erwartende Todesstrafe wegen »Wehrkraftzersetzung« in den Suizid trieb.
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Landeskirchenstelle
 Friedrich von Praun (1888-1944) auf einem Gemälde, das sich heute in der Ansbacher Landeskirchenstelle (unten auf einer Aufnahme vor den Kriegszerstörungen) befindet. Von Praun leitete das Amt seit 1930.
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Es ist der 22. April 1944. Im Seckendorff-Schloss von Unterdeufstetten im Hohenloher Land findet eine Trauerfeier statt. Zu Grabe getragen wird Friedrich von Praun, Kirchenjurist und bisheriger Direktor der Ansbacher Landeskirchenstelle. Viele Mitarbeiter des Kirchenamtes haben die 50 Kilometer Anreise auf sich genommen, auch der Ansbacher Kreisdekan, Oberkirchenrat Georg Kern, und Landesbischof Hans Meiser, der - in München ausgebombt - mitsamt dem Landeskirchenrat seit Anfang des Jahres in Ansbach residiert.
Die Gestapo ist ebenfalls da und fotografiert die Trauergäste.
Landesbischof Meiser geht in seiner Ansprache auf den verzweifelten »Selbstmord« des Toten ein. Da kommt es zum Eklat. Enttäuscht von Predigt und Ansprachen tritt die Frau des Verstorbenen, Irene von Praun, in ihrem Brautkleid selbst an den Sarg. Sie sagt: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn sie werden Gott schauen«.
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Landeskirchenstelle
 Die Landeskirchenstelle lag damals an der Jägergasse. Sie heißt heute Bischof-Meiser-Straße.
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Fluchtartig verlassen nun Meiser und die anderen Kirchenoberen die Trauerfeier. Nicht ohne Grund fürchten sie, die Gestapo könne den Ausbruch der Witwe als politisches Manifest werten. In einer internen Sitzung hatte der Landeskirchenrat zuvor den Behörden eine Trauerfeier »in aller Stille« zugesichert. Weder von dem Prozess gegen Friedrich von Praun vor einem Nürnberger Sondergericht, noch von den Gründen der Haft, in der der Kirchenjurist gestorben ist, soll die Rede sein.
Für Irene von Praun dagegen ist klar: Der Mann, neben dessen Sarg sie jetzt steht, ist zum Märtyrer seiner Kirche geworden, ein Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes.
Rückblende - die Nacht vom 10. auf 11. August 1943. Auf Nürnberg fallen alliierte Bomben und treiben auch in Ansbach die Menschen in die Luftschutzkeller. Dort vergleicht Friedrich von Praun die derzeitigen Verwüstungen in Deutschland mit denen des 30jährigen Kriegs. Zwei junge Frauen, die sonst in einem anderen Keller unterkommen, verweisen auf Görings Luftwaffe. Von Praun sagt, Göring könne gegen die Luftangriffe auch nicht helfen, jetzt könne nur noch Gott helfen.
Als der Angriff vorüber ist, zeigen die beiden jungen Frauen Friedrich von Praun an. Die Ansbacher Johanniterschwester Emma Lösch hat in ihren Erinnerungen die Namen der Denunziantinnen notiert: Sie heißen Hieronimus und Holzinger.
Friedrich von Praun ist das Opfer einer gezielten Bespitzelung: Geboren am 21. Juli 1888 in Hersbruck, stammt er aus einer alten Nürnberger Patrizierfamilie. Seine Frau Irene von altem Adel, eine geborene von Seckendorff-Gudent. Friedrich von Praun trauert der Monarchie nach. Dem Ex-Kaiser Wilhelm II. schickt er zum Geburtstag Telegramme in dessen niederländisches Exil. Die Nationalsozialisten verabscheut der überzeugte protestantische Christ zutiefst.
Schon 1932 hat er in einer Schrift vor den Christenfeinden aus dem nationalen Lager gewarnt, die gefährlicher seien als die »sozialistischen Gottlosen«. Im Kirchenkampf hat er sich im Oktober 1934 entschieden einer Machtübernahme durch die »Reichskirche« widersetzt. Seit 1930 Vorstand ist der Jurist seit 1936 Direktor der Ansbacher Landeskirchenstelle.
Am 18. Oktober 1943 wird von Praun in der Landeskirchenstelle verhaftet und vor das Nürnberger Sondergericht gestellt. In ihren Aufzeichnungen beschreibt Schwester Emma Lösch eindringlich, was seine Frau Irene in dem halben Jahr der Untersuchungshaft ihres Mannes durchmacht.
Am 3. April berät man in der Landeskirchenstelle, ob und wieviele Freunde und Mitarbeiter am nächsten Tag zur Verhandlung kommen sollen. Oberkirchenrat Kern rät zur Zurückhaltung. Nur ein Vertreter des Landeskirchenrats besucht offiziell die Verhandlung. Hinter den Kulissen steht das Ergebnis der Verhandlung bereits fest: Das Gericht verweist den Angeklagten wegen »Zersetzung der Wehrkraft« an den Volksgerichtshof.
Friedrich von Praun weiß, was eine Verhandlung am Berliner Volksgerichtshof von Roland Freisler bedeutet: die Todesstrafe. Am 18. April kann ihn noch einmal seine Frau besuchen. Sie findet ihn verzweifelt und verstört vor. Er ist sich jetzt sicher, dass man ihn »köpfen« will.
Am 19. April kommt die Todesnachricht: Als Todesursache gibt das Gericht Selbstmord an, bei der Leichenschau ist der Hals abgedeckt. Irene von Praun wird in die Landeskirchenstelle gerufen. wo ihr Landesbischof Meiser und Oberkirchenrat Kern die Todesnachricht eröffnen. |