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Dieser Artikel: Ausgabe 14/2008 vom 06.04.2008
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Vom Himmel auf die Erde

Luthers Theologie - Teil 23: Luther, Maria und die Marienverehrung

Von Hanns Leiner

War Luther ein Marienverehrer oder ein Marienkritiker? Oder sogar beides? Und wenn ja, wie passt das zusammen? Wie sah Luthers Stellung zu Maria wirklich aus? Und was könnte dies für den Dialog mit Rom heute bedeuten?

Himmelskönigin oder Magd des Herrn? Zwei Interpretationen Mariens: Maria als Himmelskönigin, Meister der Legende der Heiligen Lucia, um 1485, Washington, National Gallery of Art.
Foto: sob
   Himmelskönigin oder Magd des Herrn? Zwei Interpretationen Mariens: Maria als Himmelskönigin, Meister der Legende der Heiligen Lucia, um 1485, Washington, National Gallery of Art.

Als Student verletzte sich Luther einmal mit dem Studentendegen die Beinschlagader und drohte zu verbluten. In seiner Not rief er - allein auf dem Feld - Maria an: »Maria, hilf!« Als nachts die Wunde erneut aufbrach, wandte er sich wieder an die Gottesmutter. »Da wäre ich auf Mariam dahingestorben«.

Das späte Mittelalter war die Hochzeit der Marienverehrung. Marienstatuen und Bilderzyklen des Marienlebens entstanden in dieser Zeit, es gab eine große Zahl von Marienkirchen, wie in München oder Augsburg waren oft die Hauptkirchen und Dome Maria geweiht, dazu kam eine Vielzahl von Marienfesten im Laufe des Kirchenjahres, man suchte gerne besondere Marienwallfahrtsorte auf und betete vor sogenannten Gnadenbildern (Altötting und die schöne Maria zu Regensburg). Dazu kamen Marienlieder, eine eigene Mariendichtung und Mariengebete wie das Ave Maria und das Salve Regina.

Der üppig sprießende religiöse Wildwuchs in der Marienverehrung führte zu schwerwiegenden Akzentverlagerungen in der Frömmigkeit: Maria rückte immer mehr in den Mittelpunkt der Volksfrömmigkeit und verdrängte gewissermaßen Gott und Christus.

Maria Verkündigung, Costa, Lorenzo, 16. Jh., Dresden, Gemäldegalerie.
Foto: sob
   Maria Verkündigung, Costa, Lorenzo, 16. Jh., Dresden, Gemäldegalerie.

Sie wurde als nötig angesehen als »Mittlerin zum Mittler«, denn »wir hielten Christus für einen zornigen Richter und Maria für unseren Gnadenstuhl, darin all unser Trost und Zuflucht stand« (Luther). »Gott wurde dargestellt bald als der Vater, bald als der Donnergewaltige. Er konnte besänftigt werden durch die Fürsprache des freundlicheren Sohnes, der doch auch selber als ein unversöhnlicher Richter gezeichnet wurde, wenn ihn nicht seine Mutter milder stimmte. Diese als eine Frau trug keine Bedenken, Gott und den Teufel zu Gunsten ihrer Bittsteller hinters Licht zu führen; und wenn sie nicht da war, konnte man sich an ihre Mutter, die hl. Anna halten.«

In diesem religiösen Klima wuchs auch Luther auf. Als Mönch gelobte er Gehorsam gegen Gott, Maria und den Prior. Die Augustiner-Eremiten galten als glühende Marienverehrer.

Vor dem gekreuzigten Christus aber floh Luther. Der bloße Anblick eines Kruzifixus war für ihn wie ein Blitzstrahl. Er wollte darum vom zornigen Sohn zur gnadenreichen Mutter fliehen. Bei der Feier der Messe rief er Maria und die Heiligen an. Allerdings bezeugt er später, dass ihm das in seinen Anfechtungen im Kloster nicht weitergeholfen habe.

Auch Luther lebte damals in der Anschauung von Maria als Fürsprecherin im Jüngsten Gericht, entsprechend dem verbreiteten Bild: »Gott Vater thront als Richter, vor ihm steht oder kniet Christus, der ihm als der Versöhner seine Wunden zeigt. Aber damit war Gott keineswegs zugänglich. Vor Christus kniet Maria und weist ihm ihre Brüste, mit denen sie ihn gesäugt hat. Sie übernimmt die eigentliche Vermittlung. An sie halten sich die Frommen. Maria flößt keine Angst ein. Sie fordert auch keine Leistungen. Vor allem durch Maria und dann durch die Vielzahl der anderen Heiligen sollte der qualitative Abstand zwischen Mensch und Gott überbrückt werden. Durch sie wurde es zugleich möglich, dass der Mensch die furchtbare Nähe des Richters ertragen konnte. Darin bestand die Bedeutung Mariens und der Heiligen für die aktuelle Frömmigkeit« (Martin Brecht).

Der junge Luther fastete für die selige Jungfrau bei Wasser und Brot. »Ich konnte nicht erkennen, dass mir Christus so gut hilft wie seine Mutter, vielmehr hielt ich ihn für einen Richter.« Diesen »falschen Christus«, wie Luther später urteilte, konnte er »nicht aus meinem Herzen treiben, weil ich immer Christus fürchtete, weil er mich töten wollte, und habe mich gehalten zu Maria und den Heiligen«. Es wurde ihm sehr schwer, sich von der gewohnten Marien- und Heiligenverehrung zu lösen. Er bekennt ehrlich: »Es ist mir über die Maßen sauer geworden, dass ich mich von den Heiligen gerissen habe, denn ich bin über die Maßen tief darin gesteckt und ersoffen.«

DIE MARIENVEREHRUNG war jedoch nicht der Grund für Luthers Reformation. Seine Überwindung des Heiligen- und Marienkults ist vielmehr die Folge seiner reformatorischen Haupterkenntnis von der Rechtfertigung des Sünders allein um Christi willen, allein aus Gnade, allein durch den Glauben.

Luther fand zu einem neuen Gottes- und Christusbild, so dass er sich vor ihm nicht mehr zu fürchten brauchte, sondern ihm vertrauen konnte. Er lernte Gott als den barmherzigen Vater zu sehen, der dem Sünder seine Gerechtigkeit in Christus schenkt. Christus ist nicht mehr in erster Linie der strenge Richter, vor dem man zittern muss, sondern der Retter und Heiland, der sein Leben für uns hingibt, und uns freispricht kraft seiner Gnade. Christus tritt dabei selbst als unser Fürsprecher beim Vater ein und vertritt uns. So wird Luther frei von der Notwendigkeit, seine Zuflucht zu Maria zu nehmen.

Von dieser theologischen Mitte aus beginnt Luther nun theologisch begründete Kritik zu üben an der spätmittelalterlichen Marienverehrung. Doch er schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus. Er lehnte lediglich den Missbrauch und das falsche Vertrauen ab, das man auf Maria setzte. »Ich wollte, dass Marias Dienst werde gar ausgerottet, allein wegen des Missbrauchs.« Als biblische Gestalt achtete Luther Maria Zeit seines Lebens hoch.

Gegen ein falsches, Maria über alles Maß verherrlichendes Marienbild will Luther das wahre, biblische Bild Mariens wiederherstellen. Er entzaubert dabei Maria und holt sie gleichsam vom Himmel auf die Erde, stürzt die Himmelskönigin und gewinnt die echte Maria wieder. Maria ist nicht mehr die Mittlerin des Sünders gegenüber dem Richter Christus, sondern die »arme Magd«, die Gottes Barmherzigkeit erfuhr. Darin ist sie Vorbild für alle wahren Christen.

Luther präzisiert sein Marienbild in seiner Auslegung des Magnificat, des Lobgesangs der Maria in Lukas 1.

Wie Luther hier von Maria spricht und wie er sie nennt, zeugt von seinem hohen Respekt vor ihr: »Hoch gelobte Jungfrau, heilige Jungfrau, zarte Mutter Christi, Mutter Gottes.« Er ist fern von irgendeiner Art von Animosität oder Ablehnung. Und doch ist es nicht Maria, die er hier lobt und erhebt, sondern - so wie Maria selbst es tut - einzig und allein Gottes Handeln an ihr. Lukas 1,48 sieht er als Zentrum des Magnificat: »Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen«. Sie hat nichts, dessen sie sich rühmen könnte und nimmt das klaglos an. Zu rühmen ist darum nicht sie, sondern das, was Gott an ihr getan hat.

Durch eine unkorrekte lateinische Übersetzung der Vulgata wurde aus der Niedrigkeit Demut, eine Tugend, der man sich rühmen kann. Man glaubte, Gott habe Maria wegen ihrer Demut angesehen, sie habe insofern ihre Erwählung verdient und guten Grund, sich ihrer Demut zu rühmen. Luther machte mit großer Eindringlichkeit klar, dass diese mittelalterliche Deutung den Text verdreht. Echte Demut weiß nämlich nichts von sich selbst, weil sie sich nicht selbst anblickt und bespiegelt. Demut aber, die sich ihrer selbst bewusst wird, sieht Luther als falsche Demut und Heuchelei an, die sich selbst widerspricht. Die Echtheit der Haltung Marias sieht Luther gerade darin gegeben, dass sie völlig überrascht ist von Gottes Handeln an ihr und nicht sich, sondern Gott alleine rühmt.

Die Gnade ist kein Stoff zur Weitergabe

In diesem Zusammenhang kommt auch der Übersetzung und Auslegung des Grußes des Engels Gabriel an Maria große Bedeutung zu: »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!« Luther kritisiert mit Recht die römisch-katholische Übersetzung »voll der Gnaden«, die auf das Lateinische »gratia plena« zurückgeht und den falschen Eindruck erweckt, als sei die Gnade ein Stoff, der Maria eingegeben oder eingeflößt wird, den sie wie ein Gefäß in sich aufnimmt, aufbewahrt und dann besitzt und auch von sich aus weitergeben kann. Davon kann jedoch keine Rede sein. Maria hat Gnade empfangen, ist der Sinn des Bibeltextes.

Die Anrufung Marias um Fürsprache lehnt Luther daher als unbiblisch ab. Sie rückt dafür als Mitchristin und Glaubende ganz an unsere Seite. Das führt Luther auch dazu, ihre Sündlosigkeit, die auch damals schon von vielen behauptet und geglaubt wurde, zu bestreiten. Die biblischen Marienfeste feiert er als Christusfeste, will aber von einer Himmelfahrt Marias nichts wissen. Selbstverständlich bekennt er sich ungebrochen zur Jungfrauengeburt, er behält auch die Bezeichnung bei, die das Konzil von Ephesus 431 auf Maria geprägt hat: Theotokos, Gottesgebärerin, Mutter Gottes. Er verwendet sogar die Formel »semper virgo« (immerwährende Jungfrau) weiter, obwohl sie den neutestamentlichen Aussagen von den Geschwistern Jesu entgegensteht.

NUR AN EINEM ENTSCHEIDENDEN PUNKT ist Luther unerbittlich und unnachgiebig: Man mag Maria loben, ehren und lieben, soviel man will, aber mit der Vermittlung des Heils hat sie nichts zu tun und darf - wieder um Christi willen - nichts zu tun haben.

Luthers reformatorische Haltung gegenüber Maria kann mit zwei gegensätzlichen Aussagen beschrieben werden:

1. »Maria kann gar nicht genug selig gepriesen werden«: wegen ihrer Erwählung durch Gott und der einzigartigen Rolle, die ihr im Heilsplan Gottes zukam, auch wegen ihres Glaubens, ihrer Demut und ihres Gotteslobes.

2. »Maria kann gar nicht genug verachtet (gering geachtet) werden«: Bei einer immer stärkeren Parallelisierung Marias mit ihrem Sohn in der römisch-katholischen Kirche besteht die Gefahr, Maria an die Stelle Christi treten zu lassen und an sie sein Herz zu hängen; deswegen muss man mit allem Ernst Luthers Warnung hören: Diese falsche, in den Himmel gehobene Maria, dieser Marienkult, dieses falsche Vertrauen auf sie muss abgebaut, ernüchtert, biblisch korrigiert und also diese Maria abgelehnt und gering geachtet werden, damit die Ehre und das Lob Gott und Christus allein zuteil wird; wie die echte Maria es ja selbst gesagt und gelebt hat: »Meine Seele erhebt den Herren und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes.«Hanns Leiner

 

  IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Teil 24: Luther und die Heiligenverehrung.

LUTHERS THEOLOGIE

Luther - die Sonntagsblatt-Serie

 

Sonntagsblatt-Serie zur Theologie des Reformators

 

ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.

LUTHER ZÄHLT IMMER NOCH zu den beliebtesten und bekanntesten Deutschen. Aber wie war das eigentlich mit Luther?

DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.

 

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Hanns Leiner

 


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abgerufen 12.03.2010 - 05:21 Uhr

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