Kulturelle Vielfalt im Reich der Mitte
Tibet-Konflikt und möglicher Olympia-Boykott
Von
Lutz Taubert
Augen zu und Endspurt in der Zielgeraden? Das geht jetzt eigentlich nicht mehr. Also Augen auf und ein gezielt-bewusster Boykott der Olympischen Spiele? Würde an der Verletzung der Menschenrechte in China wohl wenig ändern. Wäre also - analog der Aidsschleife - die Armbinde das richtige Zeichen des Protests? Oder gar ein kahl geschorener Kopf als Zeichen der Solidarität mit den tibetischen Mönchen?
Wir sind - wenn wir einmal die Menschenrechtsbrille absetzten und versuchen, aus chinesischem Blickwinkel auf Tibet und den Rest der Welt zu blicken - mittendrin in einem kulturellen Konflikt. Die Bevölkerung der Volksrepublik besteht zwar zu neun Zehntel aus den Han-Chinesen. Der Rest, immerhin 130 Millionen Menschen, ist aber ethnisch so unvorstellbar bunt, dass der Balkan ein vergleichsweise homogenes Gebilde dagegen ist: 55 verschiedene Ethnien, Völker, Kulturen! Neben den Tibetern zum Beispiel, im zentrumsfernen West-China, muslimische Turkvölker (deren subtile Unterdrückung durch die Mehrheits-Chinesen wir im Westen übrigens kaum wahrnehmen).
Der »Clash of Civilizations« (auf deutsch: »Zusammenprall der Kulturen«) ist für uns ein populäres Schlagwort für den Konflikt zwischen dem westlich-christlichen und dem islamischen Kulturkreis. Tatsächlich aber gilt die These vom Kampf der Kulturen, den der US-amerikanische Politikwissenschaftlers Samuel Huntington als die typische Auseinandersetzung dieses noch jungen Jahrhunderts benannt hat, viel genereller. Ob im Kosovo, in Afrika oder eben in China: Meist enden (oder: münden) diese ethischen Konflikte in der Unterdrückung einer Minderheit durch eine Zentralmacht.
Die Olympische Gemeinschaft aller Athleten mag graue Theorie sein. Ideal aber sehen wir in ihr die bunte Weltgemeinschaft gespiegelt. Auf die Menschenrechtslage in China anklagend hinzuweisen, ist das eine. (Und dazu muss man, neben der Unterdrückung der Tibeter und der Uighuren, den zahllosen Hinrichtungen von Oppositionellen und der brutalen Ausbeutung von Wanderarbeitern, auch die Verhaftungen von Christen und die mangelnde Religionsfreiheit aufzählen.)
Ein anderes ist es, dem Regime klarzumachen, dass es die ethnische Vielfalt Chinas nicht als Ursache politischer Instabilität ansehen möge, die man ausmerzen muss. Sondern als Chance begreifen möge, als ideellen Reichtum, oder gar, falls man das am besten versteht: als Humankapital. Diese Sichtweise schlösse dann aus, in den Tibetern Menschen 2. Klasse sehen. Und wäre ein erster, richtiger Schritt zur Wahrung der Menschenrechte, die immer mit der Erkenntnis der unverletzlichen Menschenwürde beginnt. | OLYMPIA UND TIBET
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