Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 08.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 12/2008 vom 23.03.2008
Alle Artikel der » Ausgabe 12/2008 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


»Sieben Leben möcht ich haben«

Vor 100 Jahren wurde der Pfarrer und Dichter Albrecht Goes geboren


Seine Erzählungen haben nichts von ihrer Kraft verloren. Der württembergische Pfarrer und Dichter Albrecht Goes wurde bekannt durch Geschichten um Schuld und Bewährung im Nationalsozialismus wie »Unruhige Nacht« (1950) und »Brandopfer« (1954). Zu seinem 100. Geburtstag hat der S.Fischer-Verlag eine Sammlung von Gedichten neu herausgebracht.

Ein schwäbischer »Dichter-Pfarrer«: Albrecht Goes machte schon früh den Holocaust zu seinem literarischen Thema.
Foto: SV-Bilderdienst
   Ein schwäbischer »Dichter-Pfarrer«: Albrecht Goes machte schon früh den Holocaust zu seinem literarischen Thema.

Am 22. März 1908 im Pfarrhaus von Langenbeutingen in der Nähe von Heilbronn geboren, studierte Goes in Tübingen und Berlin Evangelische Theo­logie, Germanistik und Geschichte, heiratete 1933 Elisabeth Schneider, mit der er drei Töchter bekam, und war von 1930 bis 1952 Pfarrer seiner württembergischen Landeskirche.

Schriftsteller mit Predigtauftrag

1942 wurde er als Soldatenpfarrer im Zweiten Weltkrieg verpflichtet. In der Ukraine stand er der Brutalität des Kriegs wehrlos gegenüber. Er hat daraus Konsequenzen gezogen und als Schriftsteller für sich und seine Leser Rechenschaft abgelegt, politisch Stellung bezogen. Goes trat öffentlich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ein, gegen atomare Aufrüstung und die Notstandsgesetze. Goes' Frau Elisabeth hatte in den Kriegsjahren das Pfarrhaus für Juden geöffnet und ihnen damit das Leben gerettet. 1995 wurde sie in der israelischen Gedenkstätte Jad Vaschem als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet.

Goes selbst engagierte sich sein Leben lang für die deutsch-jüdische Versöhnung. In einer Würdigung Martin Bubers, mit dem er freundschaftlich verbunden war, formuliert er sein Anliegen als Dichter und als Theologe: »Sorge um das Ich und um das Du. Um das Zusammen und Zugleich von Gottesdienst und Menschendienst. Um die Einigung des Zerfallenden.«

1953 ließ er sich von seiner Landeskirche freistellen, um in Stuttgart-Rohr als Schriftsteller mit Predigtauftrag zu arbeiten. Fast bis zuletzt, bis zu seinem Tod am 23. Februar 2000 im Alter von fast 92 Jahren, hat er an seinem Werk gearbeitet. Auf dem Stuttgarter Pragfriedhof liegt er begraben.

In seiner berühmten Erzählung »Unruhige Nacht« (1950), die ihn durch Übersetzungen in 19 Sprachen, durch drei Verfilmungen und Lesungen in Europa, in den USA und in Japan international bekannt machte, versuchte Albrecht Goes, seine Erlebnisse als Wehrmachtspfarrer in der Ukraine zu verarbeiten, vor allem seine Begleitung des zum Tode verurteilten jungen Soldaten Fedor Baranowski in der Kommandantur Proskurow. Goes gelingt eine Parabel über die Liebe und den Tod: Hinter der Fahnenflucht Baranowskis, die zu seiner Verurteilung geführt hat, steckt nichts anderes als die Sehnsucht nach Leben, denn der Soldat hält sich bei einer jungen Ukrainerin mit einem kleinen Kind verborgen, dem Zauber der Liebe erlegen. Doch auch ein deutscher Hauptmann ist zum Tod verurteilt: Er ist nach Stalingrad abkommandiert. Noch einmal kann er mit seiner Verlobten eine Nacht verbringen - im Quartier des Wehrmachtpfarrers. So vollzieht sich mitten im Grauen des Kriegs am selben Ort ein Akt doppelter Zweisamkeit: hier der Wehrmachtspfarrer im stillen Zwiegespräch mit dem Leben des Verurteilten, dort die letzte Begegnung zwischen zwei Liebenden.

Die Novelle »Das Brandopfer« (1954) wagte als eine der ersten literarischen Stimmen nach Kriegsende, die deutschen Verbrechen am jüdischen Volk zu bekennen. Auch sie gibt es in elf Übersetzungen, als Hörspiel und als Film. Die Mitte der Handlung ist eine Metzgerei, von der NS-Parteidienststelle dazu beauftragt, an jedem Freitagabend vor Beginn des Sabbat kleine Rationen Fleisch und Wurst an die Juden in der ganzen Stadt zu verkaufen.

Die Metzgerin ist ein Mensch mit Herz und Anteilnahme an den entwürdigenden Schicksalen. Da sie nichts gegen das Unheil der Judenausrottung ausrichten kann, bietet sie sich in einer Bombennacht Gott zur Selbstopferung, zum Brandopfer an. Aus ihrem brennenden Haus, in dem sie sterben will, wird sie in letzter Minute gerettet, ausgerechnet von einem Juden, dem man kurz zuvor den Eingang in den Luftschutzkeller verwehrt hat.

Am tiefsten und nachhaltigsten begegnet man Albrecht Goes in seiner Lyrik, der eigentlichen Domäne seines Schaffens. Von dem Band Gedichte (1950) bis zum letzten Lyrikband Leicht und schwer. Siebzig Jahre im Gedicht (1998) ist ein weiter Lebens- und Poesiebogen gespannt. Das wohl bekannteste Gedicht von Goes heißt »Die Schritte« (Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt), das im Evangelischen Gesangbuch Bayerns unter die Worte zum Nachdenken aufgenommen ist. Aber auch das Gedicht »Sieben Leben« (siehe Kasten), gehört zu seinen unvergesslichen, tröstenden und ermutigenden Lyriktexten.

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

Das Sonntagsblatt als E-Paper zum Download bei pressekatalog.de.
 
 

 

Detlev Block/sob

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2008_12_29_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 11:33 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster