Ordnung ist das halbe Leben
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Ein Vater erntet wegen seines »Ordnungsfanatismus« Kritik von seinen pubertierenden Söhnen - aber auch von seiner Frau: Er solle doch mal »locker lassen«. Aber, so fragt sich der Vater, ist nicht auch der christliche Glaube auf Ordnungen gegründet, die erst das Leben sinnvoll und erträglich machen?
Ich bin ein Ordnungsfanatiker. Seit jeher schon. Dies hat mir vieles erleichtert. Mein Studium, einen raschen beruflichen Aufstieg, einen gewissen Wohlstand. Nicht umsonst sagt man ja, Ordnung sei das halbe Leben. Auch zu Hause lege ich Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Jeder muss sich auf den anderen einigermaßen verlassen können. Bisher kam uns dies auch als Familie sehr zupass.
Seit unsere beiden Kinder in die Pubertät gekommen sind, häufen sich allerdings auch die Probleme. Die Söhne kritisieren mich offen wegen meiner »Zwanghaftigkeit«, wie sie es nennen. Ich solle doch ab und zu mal »locker« lassen und nicht alles so »eng« sehen. Am meisten trifft es mich, dass jetzt auch meine Frau immer wieder andeutet, wie sehr sie unter meinem Ordnungssinn gelitten hat und leidet. Die Söhne, nun ja, die sind in der Entwicklung, aber meine Frau, das verletzt mich schon.
Frage: Ist nicht auch unser Glaube - ich komme aus einem sehr frommen Elternhaus und habe das immer als großes Glück gesehen - auf Ordnungen gegründet, die erst das Leben sinnvoll und erträglich machen?
Herr T.
Ich habe den Eindruck, dass etwas in Ihnen angestoßen ist. Sie lassen sich treffen und sind verletzt. Und jetzt? Der Stimme folgen, die im Glauben einen Verbündeten gegen diese Verunsicherung sucht, so dass wieder alles »zupass« laufen könnte? Oder können Sie in der Unsicherheit etwas entdecken, was Sie weiterbringt?
Lassen Sie mich auf Ihr Sprichwort eingehen: Ordnung ist das halbe Leben. Gegenfrage: Warum wollen Sie sich mit dem halben Leben zufrieden geben? Dies ist doch wohl die Kritik Ihrer Kinder und die Klage Ihrer Frau. Ihre Familie spürt wenig Lockerheit, aber umso mehr die Enge und den Zwang, die das Leben einschnüren. Das ganze Leben, dazu gehört sicherlich etwas Leichtes, etwas Unaufgeräumtes, etwas Ungeplantes und Überraschendes, auch etwas Chaotisches von Zeit zu Zeit.«
Zu unserem Glauben. Natürlich finden Sie viele Ordnungsgedanken in der Bibel. Das Entscheidende aber ist: Gott ist nicht ein Gott der Ordnung, sondern ein Gott des Friedens. Wunderschön formuliert in einem Segensspruch aus dem 1. Thessalonicherbrief: »Der Gott des Friedens mache euch heil und ganz und bewahre euch an eurem Leib, eurer Seele, eurem Geist unversehrt.« (5,23) Ob Sie das anspricht? Mehr Ganzheit, Unversehrtheit, Heil für sich selbst und für Ihre Familie?
Schlussbemerkung: Die Pubertät ist nicht nur eine Entwicklungszeit für unsere Kinder, sondern auch für uns Eltern. Wir können überprüfen, ob unsere Werte, Einstellungen, Vorlieben noch stimmen. Oder aber, ob wir uns in eine Richtung öffnen wollen, die uns und anderen mehr dient als das, was uns bisher wichtig war. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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