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Dieser Artikel: Ausgabe 12/2008 vom 23.03.2008
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Auf Leben und Tod

Luthers Theologie - Teil 21: Luther und der Papst in Rom

Von Hanns Leiner

Luthers theologischer Kampf gegen das Papsttum bestimmte sein Leben - und brachte ihn in Lebensgefahr. Wie wurde er zum Gegner dieser fast allmächtigen Institution?

Papst Leo X. mit einem Modell des Petersdoms, der aus Ablassgeldern gebaut wurde. Uwe Ochsenknecht im Film »Luther«, 2003.
Foto: NFP/Rolf von der Heydt
   Papst Leo X. mit einem Modell des Petersdoms, der aus Ablassgeldern gebaut wurde. Uwe Ochsenknecht im Film »Luther«, 2003.

Die Auseinandersetzung mit dem Papst in Rom war für Luther eine Frage auf Leben und Tod. Es grenzt deshalb an ein Wunder, dass er diesen »Frevel« - den Papst herausgefordert zu haben - nicht mit dem Leben bezahlen musste. Wenige Jahre vor ihm hatte der Mönch Girolamo Savonarola für seine Kritik am Papst, die weitaus weniger radikal war als die Luthers, auf dem Scheiterhaufen büßen müssen. Der Bann war ein gefährliches Instrument päpstlicher Herrschaft.

Das Papsttum war im Laufe von einigen Jahrhunderten nach Christus in Rom entstanden. Der römische Bischof trat nach dem Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums mehr oder weniger das Erbe Roms an. Begründet wurde dieser Machtanspruch auch durch die Berufung auf den Apostel Petrus, der wahrscheinlich in Rom das Martyrium erlitten hatte; machtpolitisch untermauert wurde er durch die vorgetäuschte »Schenkung« des Kirchenstaates.

Schon 595 n. Chr. schrieb Papst Gregor an Kaiser Mauritius: »Allen also, die das Evangelium kennen, ist klar, dass durch das Wort des Herrn dem heiligen Apostel Petrus, dem Fürsten aller Apostel, die Sorge für die ganze Kirche anvertraut ist.« Im Hochmittelalter wurde die Papstideologie ausgebaut. Am absoluten Monopolanspruch der Päpste zerbrach die Einheit der Ostkirche mit Rom im Jahr 1054.

Papst Gregor VII. erklärte: »Der römische Bischof allein darf mit Recht der allgemeine Bischof genannt werden. Er allein kann Bischöfe absetzen und wieder einsetzen. Er allein darf sich der kaiserlichen Abzeichen bedienen. Des Papstes Füße allein haben alle Fürsten zu küssen.«

Papst Innozenz III. verkündete in seiner Krönungsrede: »Wie Gott, der Schöpfer der Welt, zwei große Lichter am Firmament geschaffen hat, so hat er an das Firmament der gesamten Kirche zwei große Würden gesetzt; eine größere, die die Tage, d. h. die Seelen, und eine kleinere, die die Nächte, d. h. die Körper, regiere: die päpstliche Autorität und die königliche Gewalt. Wie ferner der Mond sein Licht von der Sonne empfängt, so empfängt die königliche Gewalt den Glanz seiner Würde von der päpstlichen. Der Papst ist fürwahr Stellvertreter Christi, Nachfolger Petri, der Gesalbte des Herrn ... mehr als ein Mensch; der alle richtet, aber selbst von niemandem gerichtet wird.«

Wider das Bapstum zu Rom vom Teuffel gestifft«: Martin Luthers späteste u. radikalste Kampfschrift gegen den Papst, mit Holzschnitten v. Lukas Cranach d. Ä., Wittenberg 1545. Titelholzschnitt. Im Höllenrachen wird der Papst mit der Tiara gekrönt.
Foto: AKG
   Wider das Bapstum zu Rom vom Teuffel gestifft«: Martin Luthers späteste u. radikalste Kampfschrift gegen den Papst, mit Holzschnitten v. Lukas Cranach d. Ä., Wittenberg 1545. Titelholzschnitt. Im Höllenrachen wird der Papst mit der Tiara gekrönt.

Bonifaz VIII. steigert den Anspruch bis zum Äußersten: »Deshalb erklären, sagen, bestimmen, verkündigen wir, dass es für jedes menschliche Geschöpf ganz und gar heilsnotwendig ist, dem römischen Papst untertan zu sein.« Es kam sogar die Rede davon auf, dass der Papst mehr als ein Mensch, ja ein irdischer Gott sei: »Der Papst nimmt die Stelle des wahrhaftigen Gottes auf dieser Welt ein«  (Innozenz III.). »Der Papst allein sitzt in dem Stuhl des heiligen Petrus, nicht als ein Mann bloß, sondern als Mann und Gott«  (Johannes XXII.).

Die römischen Päpste waren geistliche und weltliche Herrscher zugleich, wurden immer mehr große Herren, die über viel Macht und Reichtum geboten und sich immer mehr von der Liebe, Armut, Einfachheit und Demut Christi entfernten. Deswegen erhob sich schon im Mittelalter heftige Kritik am Papsttum. Trotzdem lief die Entwicklung immer mehr auf eine fast göttliche Stellung des Papstes hinaus, der als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden den Menschen das Heil vermittelte und garantierte.

In dieser Welt und in diesem Glauben wuchs Luther auf. Das hatte auch ihn geprägt. Das zu überwinden, war ein langer, beschwerlicher Weg. Luther war nicht angetreten, um mit dem Papst zu kämpfen, er war lange Zeit ein treuer, gehorsamer Sohn seiner Kirche als Mönch, Priester und Professor und wollte nichts anderes sein. Wie er dennoch zu einem der entschiedensten Gegner des Papsttums wurde, ist die aufregende Geschichte einer schweren Enttäuschung und eines ernsten Gewissenskonflikts. Dieser Bruch lässt sich in vier Schritten darstellen:

IN SEINEN 95 THESEN gegen den Ablass (1517) erwähnt Luther den Papst, richtet seine Kritik aber gegen den Missbrauch des Ablasses. Auch in seinen Erläuterungen zu den 95 Thesen hält er diesen Kurs durch. Dennoch sah Rom die Autorität des Papstes angegriffen, Luther geriet als Rebell und Ketzer ins Visier der Inquisition.

BEIM VERHÖR LUTHERS DURCH CAJETAN in Augsburg (1518) ging es auch um die Frage der Autorität des Papstes. Cajetan vertrat die Papstgewalt uneingeschränkt, die über den Konzilien, der Schrift und der ganzen Kirche stehe, während Luther von der alleinigen Autorität der Heiligen Schrift in Glaubensfragen ausging. Luther appellierte an ein freies christliches Konzil und sprach - unter Hinweis auf Gal 2,14 - davon, dass der Papst auch nur ein fehlsamer Mensch ist, der sich von Mitchristen korrigieren lassen muss, wenn er irrt, so wie das seinerzeit Petrus in Antiochien durch Paulus geschah.

BEI DER LEIPZIGER DISPUTATION mit Dr. Eck (1519) wies Luther durch den biblischen Vergleich mit Mt 18,18 überzeugend nach, dass die Schlüsselgewalt nicht nur Petrus allein, sondern allen Aposteln und damit der ganzen Kirche übertragen wurde. Die Verheißung von Mt 16 gilt dem Glauben des Petrus und damit ebenfalls dem Glauben der ganzen Kirche. Der eigentliche Fels, auf dem die Kirche steht, ist Christus selbst. Somit gibt es aus der Bibel keine Begründung für den göttlichen Ursprung des Papstes. Eck provozierte Luther zur Aussage »Päpste und Konzilien können irren«. Damit hatte Eck Luther da, wo er ihn haben wollte: fern von Rom. Allerdings muss man über Eck sagen: Er stand fern von der Schrift. In einem Brief an seinen Vertrauten Georg Spalatin gestand Luther: »Ich weiß nicht, ob nicht der Papst der Antichrist selbst oder wenigstens sein Sendbote ist, so erbärmlich wird Christus von ihm in den Dekretalen verderbt und gekreuzigt.«

MIT DER BANNANDROHUNG und ihrer Verbrennung (1520) spitzte sich der Konflikt zu: Dr. Eck fuhr nach Rom und betrieb dort die Verurteilung Luthers durch den Bann. Luther macht einen letzten Versuch, den Papst für die Reform der Kirche zu gewinnen. Er sendet seine Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« mit einem Begleitbrief an Papst Leo X. Dieser Brief fällt im Ton devot aus: Er wolle dem Papst die Füße küssen, wenn er nur das Evangelium predigen lasse. Luther erklärt sich bereit, in allem nachzugeben außer beim Wort Gottes. Deswegen kommt ein Widerruf seinerseits nicht infrage. Er wollte im Übrigen bei allem, was er tat, dem Papst und der Kirche einen Dienst leisten. Dieser Brief war der letzte Versuch Luthers, mit dem Papst zu einem Ausgleich zu kommen.

Gleichzeitig ging für Luther die theologische Auseinandersetzung mit dem Papst in großen Schritten weiter. In der Einleitung seiner eigentlichen Reformschrift »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung« verwendete Luther das Bild von den drei Mauern der »Romanisten« (der päpstlichen Theologen), die sie errichteten, um sich und das Papsttum reform­resistent zu machen: Die 1. Mauer ist die Aufteilung des Volkes Gottes in Priester und Laien, wobei nur die Priester etwas zu sagen haben. Die 2. Mauer besagt, der Papst allein habe das Recht, die Schrift auszulegen; damit stellt er sich faktisch über die Schrift. Die 3. Mauer behauptet, nur der Papst besitze das Recht, ein Konzil einzuberufen. Da er sich aber weigert, schadet er der Kirche.

Die Antwort aus Rom an Luther kam in Gestalt der Bannandrohungsbulle »Exsurge Domine...« (Erhebe dich, Herr, ein Wildschwein hat deinen Weinberg verwüstet). In ihr wird Luther wegen 41 aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen als Ketzer angeklagt und ihm der Bann, der Ausschluss aus der Kirche, angedroht. Diese Bulle ging ihm am 10. Oktober 1520 zu und räumte ihm eine Frist von 60 Tagen für den Widerruf ein.

Luthers schlimmste Befürchtungen und Erwartungen bezüglich des Papsttums hatten sich bestätigt: Es erwies sich als uneinsichtig, verstockt, anmaßend und tyrannisch. Deswegen konnte Luther nach Erhalt der Bulle sagen: »Schon bin ich viel freier, endlich gewiss, dass der Papst der Antichrist ist.« Ein Widerruf kam für Luther nicht infrage. Luther entschied sich gegen den Papst und für den Gehorsam gegen die Schrift - der Beginn der Reformation.

 

  IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Teil 22: Luthers Kampf gegen den Papst, sein Vermächtnis und seine Polemik.

LUTHERS THEOLOGIE

Luther - die Sonntagsblatt-Serie

 

Sonntagsblatt-Serie zur Theologie des Reformators

 

ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.

LUTHER ZÄHLT IMMER NOCH zu den beliebtesten und bekanntesten Deutschen. Aber wie war das eigentlich mit Luther?

DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.

 

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Hanns Leiner

 


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abgerufen 08.02.2012 - 10:54 Uhr

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