Saftgläser zur Sicherheit
Von der evangelischen Jugendarbeit zum »Scheibenwischer«: Nachwuchskabarettist Claus von Wagner
Kirche scheint ein guter Nährboden für Kabarettisten zu sein: Bruno Jonas, Sigi Zimmerschied und andere Meister der spitzen Zunge sind gut katholisch sozialisiert. Auch der Nachwuchs-Kabarettist Claus von Wagner hat seine ersten satirischen Gehversuche auf kirchlichem Terrain gemacht - in der evangelischen Dekanatsjugend von Bad Tölz.
 Foto:
Petersen
 Doppelter Außenseiter: Als evangelischer Sohn norddeutscher Eltern ist Claus von Wagner im oberbayerischen Miesbach großgeworden - und macht jetzt Politsatire vom Feinsten.
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Mittlerweile tritt der 30-Jährige in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auf und hat mit dem »Tagebuch des täglichen Wahnsinns« einen eigenen Sendeplatz auf Bayern 3, doch begonnen hat alles vor zehn Jahren auf einem Dekanatsjugendkonvent in Rosenheim. »Den Organisatoren war ein Programmpunkt ausgefallen, also hab ich gesagt: Ich mach euch was«, erinnert sich Wagner. Die Resonanz war ermutigend: »Es hat allen gefallen, nur der Religionspädagogin nicht.«
Dabei spielt Kirchenschelte in Wagners Programm dank eines engagierten Miesbacher Pfarrers keine große Rolle. Günter Wilding, damals evangelischer Pfarrer in der oberbayerischen Kleinstadt, wurde für den Jugendlichen zur Symbolfigur von Kirche, die Gemeindejugend seine zweite Familie. »Politisieren, debattieren, zuspitzen, selbstbewusst vor vielen Leuten sprechen - das habe ich alles dort gelernt«, sagt Claus von Wagner.
Gelernt hat der Sohn norddeutscher Eltern in Miesbach auch, was es heißt, ein doppelter Außenseiter zu sein. Des bayerischen Dialekts durchaus unfallfrei mächtig, wurde der »Zuagroaste« dennoch bei jedem Praxisversuch von seinen bayerischen Freunden zurechtgestutzt: »Wagner, lass´ bleibm - des konnst du ned«, lautete die Standardantwort. Das sei ein Kampf gewesen, sagt der Gescholtene heute, aber auch eine gute Schule fürs Kabarett: Nie wirklich mit dabei, aber immer nah genug dran, um alles genau zu beobachten.
Ein anderer Kampf war die protestantische Identitätsfindung mitten in der oberbayerischen Diaspora. »Im evangelischen Religionsunterricht waren wir Grundschüler in der zweiten Wochenstunde mit den Berufsschülern zusammen und haben bei einer Aufsichtslehrerin katholische Liedtexte abgeschrieben«, erzählt Wagner und bekommt noch heute einen ungläubig-erschrockenen Gesichtsausdruck. Schulfrei für Firmlinge, die Fußballmannschaft der Kolpingjugend und eine Phalanx von Ministranten im Freundeskreis - ein starkes Wir-Gefühl der evangelischen Jugend war sozusagen Notwehr.
Die Zeit bei der kirchlichen Jugend hat ihn geprägt, aber als Prediger sieht sich der Kabarettist nicht. »Ich will das Bild eines Menschen in unserer Zeit geben«, sagt er. In seinem aktuellen Programm »Im Feld« ist das ein End-Zwanziger, der gerade erfahren hat, dass seine Ex-Freundin ein Kind von ihm erwartet. Der werdende Vater ist völlig überfordert und flüchtet mit seiner Campingausrüstung auf einen belebten Platz in München, wo er, von fiktiven Passanten misstrauisch beäugt und schließlich von Polizisten umzingelt, lamentierend an einer schriftlichen Erklärung bastelt, warum ein Kind jetzt gerade so gar nicht in sein Leben passt. Die Rahmenhandlung lässt jede Menge Platz für Abschweifungen: Es geht um die Zumutung winziger Saftgläser an Hotelbuffets, um Sensorentechnik bei Papierspendern auf Autobahntoiletten und wie das alles mit der Sicherheitspolitik von Wolfgang Schäuble zusammenhängt.
Das macht Claus von Wagners Kabarett aus: Temporeich verschraubt er banale Alltagsbeobachtungen mit Tagespolitik oder Moralfragen zu fantastischen Theorien, die manchmal knapp am Rande des Irrsinns entlangschrammen. »Der Mensch ist nie nur politisch oder nur privat«, erklärt Wagner diesen Mix, »wir haben immer alles auf einmal im Kopf.«
Claus von Wagner ist nicht zufällig beim Kabarett gelandet. Schon als Jugendlicher lauschte er dem jungen Dieter Hildebrandt auf alten Schallplatten seiner Eltern. Auf Kirchentagen schwänzte er alle Podiumsdiskussionen und klapperte stattdessen die Aufführungen des »Babenhäuser Pfarrerkabaretts« und anderer ab. Und sein Studium beendete Wagner mit einer Magisterarbeit zum »Politischen Kabarett im deutschen Fernsehen«. Ein Traum ist bereits in Erfüllung gegangen: ein Auftritt im »Scheibenwischer« der ARD. Claus von Wagner bleibt trotzdem auf dem Boden: Vor jeder offiziellen Premiere eines neuen Programms mietet er über die evangelische Jugend eine Kleinkunstbühne in Rosenheim für ein Heimspiel vor alten Freunden und Wegbegleitern: »Das ist mir wichtig, denn da komme ich her.«
Nächste Termine: www.claus-von-wagner.de
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