Die Heilkraft von Ostern
Für Hans Gerhard Behringer entfaltet das Auferstehungsfest ganz besondere Kräfte in der Seele
Ostern erzählt die Geschichte von der Auferstehung Jesu Christi. Dass diese Botschaft heilende Kräfte auf den Menschen hat, davon geht der Nürnberger Psychologe und Theologe Hans Gerhard Behringer aus. Über Wissenschaft und Wunderglauben, Seelenmassagen und Trostpflaster sowie Endstationen und Neuanfänge sprach mit ihm Volker Rahn.
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 »Auferstehung« heißt das Gemälde von Marc Chagall, 1937-48. Linker Flügel des Triptychons, Musée National Marc Chagall, Nizza.
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Herr Behringer, als Theologe und Psychotherapeut sprechen Sie den christlichen Festen besondere Heilkräfte zu. Wie kamen Sie darauf?
Behringer: Das war ein jahrelanger Prozess. Ich bemerkte, dass die wesentlichen Lebensthemen der Menschen, denen ich begegne, auch im Kirchenjahr aufscheinen. Nur haben sie da ein ganz anderes Gewand und tauchen in einer Sprache auf, die von vielen heute meilenweit entfernt ist.
Wie meinen Sie das genau?
Behringer: Schauen Sie auf Weihnachten: Da feiern wir die Geburt Jesu. Das Phänomen Geburt ist doch ein Urthema der Menschheit. Ich denke dabei auch an die Geburt von Ideen, das Weiterentwickeln im Leben, das Gewinnen neuer Kräfte, Perspektiven und Einsichten. Das Kirchenjahr erinnert aber auch an die Schattenseiten. Kurz nach Weihnachten liegt am 28. Dezember der Gedenktag des Kindermordes von Herodes.
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 »Wunderbare Begenungen«: Christus in Emmaus, Diego Velázquez, 1618, New York, Galerie: Metropolitan Museum of Art.
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Und das heißt für uns?
Behringer: Hier können wir darüber nachdenken, was wir mit unserem eigenen, inneren Kind machen: Wie gehen wir mit unseren spielerischen, staunenden, freien Anteilen um? Da wird plötzlich das Kirchenjahr zur Medizin für die Seele. Es mahnt dazu aufzupassen, dass ich das Kindhafte, Spontane, Sprudelnde in mir nicht unterdrücke und abwürge.
Welche Medizin steckt dann im bevorstehenden Osterfest?
Behringer: Auch hier gehören die Gegensätze zusammen. Ostern steht nicht isoliert im kirchlichen Kalender, sondern kommt nach Karfreitag. Die seelische Medizin ist, zu erkennen, dass im Leben Dunkles und Helles, Schweres und Leichtes, Tod und Leben zusammengehören. Wenn ich mich wie tot fühle, habe ich die Hoffnung, wieder aufzuleben. Ostern als psychotherapeutische Hilfe heißt also zu verstehen, dass ein Ende auch ein Neuanfang sein kann.
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 Maria von Magdala begegnet dem Auferstandenen (Joh. 20,17): Giotto, 1303, Padua.
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Auch den biblischen Wundern trauen Sie zu, heilende Kräfte zu entfalten. Warum?
Behringer: Es gibt ein altes Verständnis von Wundern, das sie als ungeheuer spektakuläre Dinge sieht, weil sie die Naturgesetze überwinden. Ich habe ein anderes Wunderverständnis: Wir können von Wundergeschichten das Wundern wieder lernen. In meiner seelsorglichen und therapeutischen Praxis habe ich bemerkt, dass wir davon auch sehr viel mehr haben.
Zum Beispiel?
Behringer: Was ist denn, wenn das ganz große Wunder in meinem Leben ausbleibt? Dann lohnt es sich, die kleinen wieder zu entdecken wie eine wunderbare Begegnung, um aus meinem Loch Stück für Stück herauszukommen. Es sollen mir die Augen aufgehen - ganz ähnlich heißt es ja auch in der Ostergeschichte. Dann faszinieren die Wunder plötzlich auf ganz andere Weise wieder und fangen an, im eigenen Leben zu wirken. Das ist sicher sehr viel weniger spektakulär, aber dafür umso mehr mit dem ganz normalen, dem alltäglichen Leben verbunden.
Denken Sie, die Menschen wundern sich heute zu wenig?
Behringer: Ich habe kürzlich mit einer Journalistin gesprochen, die von einem Schreibtraining kam. Dabei hat sie gelernt, dass heute nur noch Drei-Wort-Sätze angemessen sind und der Konjunktiv, also die Möglichkeitsform, vermieden werden soll. Das bedeutet: Nur noch das Faktische soll zählen, das Mögliche besser ganz verschwinden. So droht eine korrekte, aber auch ganz seelenlose Welt. Wenn das der Trend ist, bin ich froh, als Theologe und Therapeut Teil einer Bewegung zu sein, die die Möglichkeitsform am Leben erhält. Dem Diktat des Faktischen möchte ich dann Ostern oder die Wundergeschichten der Bibel entgegenstellen. Damit die Menschen nicht vergessen, daran zu denken, dass das Undenkbare doch denkbar ist, dass das Unmögliche möglich ist. Das ist für die seelische Gesundheit unverzichtbar.
Wie können die alten biblischen Geschichten denn heute noch eine solche Kraft entfalten?
Behringer: Sie sollen zu unseren eigenen Geschichten werden. Ich verstehe sie als Mutmach-Geschichten und Impulse. Nehmen wir doch einmal Ostern und die Auferstehung als einen Lebensprozess: Wie viele Male in meinem Leben muss ich immer wieder neu beginnen? Oder nehmen wir die Auferweckung der Tochter des Jairus: Jesus stellt das Mädchen, das gerade erwachsen wird, auf seine eigenen Füße.
Das Evangelium als Impuls: Ist das nicht ein bisschen wenig?
Behringer: Genau das ist biblisch. Paulus sagt beispielsweise, dass er Christus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung erleben möchte - hier und jetzt. Und wir sollen ja selber hineingenommen werden in diesen Prozess, wir sollen »in einem neuen Leben wandeln«, wie die Bibel selbst sagt. Für mich heißt das: Die biblischen Geschichten müssen zu unseren eigenen werden. Sonst bleibt die Bibel ein Objekt der historischen Wissenschaft, das uns nicht beleben und verändern kann.
Die Bibel als Mittel zur Seelenmassage?
Behringer: Ich würde das nicht negativ sehen, ich würde überlegen, was eine Massage macht: Sie entspannt mich, sie beruhigt mich, sie aktiviert und stärkt mich. Ihr Ziel ist es, dass ich das Leben wieder gut anpacken kann. Sollen nicht genau dieses Glaube und Religion beim Menschen bewirken?
HANS GERHARD BEHRINGER (55) gilt als Experte für die Wirkung biblischer Texte auf die Seele. Der evangelische Theologe und Psychotherapeut arbeitet im Diakonie-Kolleg Bayern in Nürnberg und ist dort Referent für »Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung.«
| OSTERN
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BUCHTIPP
Hans G. Behringer: Die Heilkraft der Feste, Der Jahreskreis als Lebenshilfe, Claudius Verlag, 365 Seiten, 21,50 Euro.
Nahezu jedes Lebensthema wird im Kreis der Feste eines Jahres aufgegriffen. Eine Fundgrube für alle, die für sich, in Gruppen, in spiritueller Arbeit, in den Kirchen, in der Schule die Feste ganz neu entdecken wollen.
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