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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2007 vom 23.12.2007
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»Das Blümelein so kleine...«

Vor 200 Jahren wurde der oberfränkische Pfarrer und Lieddichter Fridrich Layriz (1808-1859) geboren


»Es ist ein Ros entsprungen« - dieses Weihnachtslied gehört zu den beliebtesten und bekanntesten. Weniger bekannt ist, dass die letzten beiden Strophen in Oberfranken entstanden sind. Autor: der evangelische Pfarrer und Hymnologe Fridrich Layriz. Vor 200 Jahren wurde Layriz geboren.

»Stumpf Isais«: Titelbild der Bibel-Ausgabe mit Bildern des katholischen Priesters und Künstlers Sieger Köder (geb. 1925). Die »Köder-Bibel« ist im Schwabenverlag erschienen und kostet 68 Euro (ISBN 978-3-7966-0705-9).
Foto: © Sieger Köder
   »Stumpf Isais«: Titelbild der Bibel-Ausgabe mit Bildern des katholischen Priesters und Künstlers Sieger Köder (geb. 1925). Die »Köder-Bibel« ist im Schwabenverlag erschienen und kostet 68 Euro (ISBN 978-3-7966-0705-9).

Er war ein streitbarer Verfechter des orthodoxen Protestantismus. So streitbar, dass man ihn aus dem urbanen Bayreuth in die mittelfränkische »Wüste« schickte. Geblieben sind von ihm zwei Strophen zu »Es ist ein Ros entsprungen«, die von Evangelischen und Katholischen ökumenisch-versöhnlich in gleicher Weise gesungen werden. Denn obwohl das Lied eines der populärsten Weihnachtslieder ist, birgt seine zweite Strophe konfessionellen Sprengstoff. Es geht um nicht weniger als die entscheidende Frage nach dem Verhältnis von »Ros« und »Blümelein«...

Fridrich Layriz wurde in eine Theologen-Familie hineingeboren: am 30. Januar 1808 im kleinen Fichtelgebirgsort Nemmersdorf. Der Großvater mütterlicherseits, Johann Christoph Ulmer, hatte dort fast vier Jahrzehnte ebenfalls als Pfarrer gewirkt.

Fridrich Layriz (1808-1859).
Foto: sob
   Fridrich Layriz (1808-1859).

Der Vater des Jungen war Friedrich Wilhelm Anton Layriz, ein Jurist - und zwar Doktor beiderlei Rechte, also des weltlichen und des kirchlichen Rechts. Er stammte aus Bayreuth und hatte des Nemmersdorfer Pfarrer Ulmers einziger Tochter Lisette Antonette geheiratet. Und kam selbst aus guter Familie: Ganz in der Nähe des Bayreuther Hofgartens stand einst ein »Layriz-Palais«.

Zuchthausprediger in Bayreuth

Hier, in Bayreuth, ging Layriz zur Schule. In Leipzig und später Erlangen studierte er Theologie. Seit dieser Zeit war er mit dem gut drei Wochen jüngeren fränkischen »Diakonievater« Wilhelm Löhe gut befreundet.

1843 fasste Layriz seinen Lebenslauf in einer Pfarrstellenbeschreibung so zusammen: »Seine practische Ausbildung gewann er teils als Pfarrverweser zu Pommersfelden, teils und hauptsächlich als Vicar des I. Pfarrers Dr. Fronmüller in Fürth. Zur ersten Anstellung wurde er im J. 1833 als theol. Repetent an der Univ. Erlangen ernannt; sodann im J. 1837 zur II. Pfarrstelle in Merkendorf befördert, von woher er die hiesige Stelle bezog, in deren Funktionen er seit dem 12. Jan. 1843 eingetreten ist. Er ist noch unverheiratet.«

Die »hiesige Stelle«, das war Layriz' Stelle als Stifts- und Zuchthausprediger in Bayreuth-St. Georgen von 1842 bis 1846. Es dürfte keine leichte Zeit gewesen sein: Im »königlichen Strafarbeitshauß« waren über 160 Häftlinge zu betreuen, in drei voneinander scharf gesonderten Abteilungen mit »zwölf Kettensträflingen, 59 Zuchtlingen und 96 Strafarbeitern«, wie er notiert hat.

Doch auch in St. Georgen hielt es den konfliktfreudigen Pfarrer nicht lange - wie zuvor in Merkendorf-Hirschlach. Eine heftige Kontroverse um das »reine Wort« in Predigt und vor allem Liturgie, die Layriz mit seinem Amtsbruder Pfarrer Elias Sittig (1782-1862) aus Eschenau bei Forchheim in Mittelfranken austrug, führte zu seiner erneuten Versetzung.

Im Zentrum stand der Streit um das geplante neue Evangelischen Kirchengesangbuch für die bayerische Kirche. Layriz, lutherisch-orthodox, prallte auf den rationalistisch-aufklärerisch eingestellten Sittig.

Schon 1837 hatte sich Layriz energisch gegen die nun wieder beklagte »Misshandlung und Verwässerung« der reformatorischen Gemeindelieder und die »Leerheit und Trivialität der aus neuerer Zeit aufgenommenen Reimereien«, also das geistliche Liedgut der Aufklärung, gewandt.

Der mit »Offenen Sendbriefen« erbittert ausgetragene Theologenstreit wurde weit über Frankens Grenzen hinaus geführt.

Für Layriz ging es um sein großes Lebensthema: die Wiederherstellung der alten reformatorischen Lieder und ihrer ursprünglichen rhythmischen Melodieformen im damals im Entstehen begriffenen Gesangbuch der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern (das dann 1854 erschien).

Layriz forderte, die alten Kernlieder textlich unverändert beizubehalten, lediglich liturgisch entbehrliche Strophen könnten entfallen. Mit dem ihm lebenslang eigenen volksmissionarischen Eifer griff er vor allem in die Gesangbuch- und Liturgiereform ein.

Um für seine orthodoxe Position zu werben, gab er 1844 eine Art Mustergesangbuch mit dem Titel »Kern des deutschen Kirchenlieds« heraus, das eine Auswahl von 450 geistlichen Liedern aus der Zeit von Luther bis Gellert enthielt. Sie wurden zur wesentlichen Grundlage des neuen bayerischen Gesangbuchs. Einige dieser Dichtungen ergänzte Layriz durch eigene Strophen, die freilich erst später Eingang in die Gesangbücher fanden, wie am Beispiel von »Es ist ein Ros entsprungen« zu sehen ist.

Ökumenische Karriere

Er starb »mit Hinterlassung einer geisteskranken Gattin und eines unmündigen Sohnes Otfried«, heißt es in der Gemeindechronik über den Tod von Pfarrer Fridrich Layriz am 19. März 1859 in Unterschwaningen.
Foto: Loscher
   Er starb »mit Hinterlassung einer geisteskranken Gattin und eines unmündigen Sohnes Otfried«, heißt es in der Gemeindechronik über den Tod von Pfarrer Fridrich Layriz am 19. März 1859 in Unterschwaningen.

Sein eifernder Einsatz führte dazu, dass die weltliche Obrigkeit - trotz Fürsprache des Konsistoriums - Layriz aus der »evangelischen Hauptstadt« Bayreuth entfernte und in die Wüste schickte: ins mittelfränkische Unterschwaningen nämlich, wo er dreizehn Jahre später, am 19. März 1859, im Alter von 51 Jahren starb - »mit Hinterlassung einer geisteskranken Gattin und eines unmündigen Sohnes Otfried«, wie es in der Gemeindechronik heißt.

Geblieben ist von Fridrich Layriz vor allem sein Beitrag zu einem Lied, das in gleicher Weise konfessionelle Unterschiede offenlegt wie es - dank Layritz - eine erstaunliche ökumenische Karriere hingelegt hat.

Denn dieses Lied gehörte keineswegs zum Kernbestand der reformatorischen Gesänge, die Layriz so am Herzen lagen. Im 16. Jahrhundert war es - vermutlich in der Trierer Gegend - als Marienlied entstanden. Evangelische Sänger verschmähten es meist.

Der entscheidende konfessionelle Unterschied liegt in der zweiten Strophe. Maria oder Jesus - daran entzündet sich der Konflikt: Ist es das »Röslein« (also Maria), das der Sänger vor allem meint, oder ist es das »Blümlein« (also Jesus)? - Zwischen »Röslein« und »Blümlein« zu unterscheiden, genau das haben auch die Kirchenväter bei ihrer Interpretation von Jesaja 11,1 getan: »Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.«

Der erste Protestant, der das Marienlied aufgriff, war Michael Prätorius (1572-1621). Und der las die Stelle als »parallelismus membrorum«, also als eine Doppelaussage, wie sie typisch ist für die hebräische Bibel. Bereits bei ihm sind »Ros« und »Blümlein« identisch. Sie sind es bis heute im evangelischen Gesangbuch.

Und noch heute vertritt das katholische Gesangbuch »Gotteslob« die Marien-Version in der zweiten Strophe: »Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat, hat sie ein Kind geboren, Und blieb doch reine Magd.«

1843 hat der evangelische Musikwissenschaftler Carl von Winterfeld den Prätorius-Satz in seinem großen Werk zum evangelischen Kirchengesang neu veröffentlicht. Fridrich Layriz fügte daraufhin bei seiner Veröffentlichung des Liedes 1844 den traditionellen zwei Strophen drei weitere hinzu.

»Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; Mit seinem hellen Scheine vertreibt's die Finsternis. Wahr' Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.«

Röslein oder Blümlein hin oder her: diese Strophe von Fridrich Layriz hat sich als ökumenisch höchst erfolgreich erwiesen. Auch wenn alle Versuche gescheitert sind, eine insgesamt einheitliche, konfessionsverbindende Fassung von »Es ist ein Ros entsprungen« herzustellen: de facto ist das Lied eines der volkstümlichsten ökumenischen Kirchenlieder. Sowohl im evangelischen Gesangbuch als auch im »Gotteslob« sind Layriz' Verse heute die versöhnlich gemeinsame dritte Strophe.

Vielleicht zeigt das Layriz'sche Beispiel, dass das Werk manchmal größer ist, als sein Schöpfer. Ins Gesangbuch von 1854 schaffte es sein Lied zwar nicht. Und auch im Gesangbuch von 1954 vergaß man, seinen Beitrag zu erwähnen. Doch seit 1994 steht auch der streitbare Oberfranke als wirkungsgeschichtlicher Vorzeige-Ökumeniker in jenem Buch, das ihm so am Herzen lag - im Gesangbuch.

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Klaus Loscher / Markus Springer

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:44 Uhr

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