Christen in Istanbul unter Druck
Nach Angriff auf Priester: Weihnachtsgottesdienste unter Polizeischutz
Wenn der deutsche Pfarrer Holger Nollmann in der Istanbuler Kreuzkirche Heiligabend die Predigt hält, werden diesmal auch türkische Polizisten in Zivil in der Nähe sein. »Wir sprechen jede Veranstaltung mit der Polizei ab«, erklärt der westfälische Pfarrer, der die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Istanbul betreut. Dass Christen in der Türkei noch immer gefährlich leben, zeigt der jüngste Angriff eines jungen Mannes mit einem Messer auf einen katholischen Priester am Sonntag in Izmir.
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 Pfarrer Holger Nollmann (42) von der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Istanbul im Eingang der Istanbuler Kreuzkirche.
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Die Gewalt gegen Christen in der Türkei reißt offenbar nicht ab. Im vergangenen Jahr wurde ein katholischer Geistlicher in Trabzon erschossen, ein weiterer in der Schwarzmeerstadt Samsun niedergestochen. Im April ermordeten mehrere junge Männer drei Mitarbeiter eines Bibelverlages in Malatya.
Unmittelbare Furcht gebe es in der deutschen Gemeinde derzeit nicht, erklärt Nollmann. Anschläge ließen sich jedoch nicht ausschließen. »Insgesamt hat sich das öffentliche Klima aber gewandelt«, registriert Nollmann. Zuvor hätten nationalistische Eiferer den Eindruck haben können, sie handelten im Einverständnis einer schweigenden Mehrheit, erklärt der Theologe. Mittlerweile hätten Politiker und Medien diese Anschläge eindeutig verurteilt. »Die Täter finden keinen öffentlichen Beifall mehr«, ist der westfälische Theologe überzeugt.
Christliche Minderheiten werden in dem Land, in dem nach offiziellen Schätzungen mehr als 99 Prozent des 70-Millionen Volkes als Muslime gelten, oftmals misstrauisch beäugt. Die deutschsprachige Gemeinde werde jedoch als ein religiöses Angebot, das sich ausschließlich an Deutsche richtet, akzeptiert, erläutert Nollmann.
Ähnlich wie andere ausländische christliche Gemeinden in der Türkei besitzt auch die deutsche Gemeinde keinen Rechtsstatus. Sie darf weder Gebäude kaufen, noch Mitarbeiter einstellen. Für das Gemeindezentrum ist im Grundbuch kein Besitzer eingetragen.
»Offiziell existieren wir nicht«, erzählt der 43-jährige Theologe. Als Nollmann eine Gasheizung einbauen lassen wollte, erhielt er erst eine Genehmigung, als er eine Urkunde aus dem Jahr 1857 vorlegte. In dem Schreiben hatte der Sultan Abdülmecid den evangelischen Christen den Bau einer »preußischen Gesandtschaftskapelle« genehmigt.
Weil die Gemeinde offiziell kein Personal beschäftigen kann, ist der Pfarrer formal bei der Deutschen Botschaft angestellt. Ein Gemeindekirchenrat leitet die Freiwilligkeitsgemeinde, der Interessierte per Mitgliedsantrag beitreten können. Die deutsche katholische Gemeinde am Bosporus hat eine Aktiengesellschaft eingerichtet, die den katholischen Geistlichen beschäftigt.
Trotz vieler Beschwernisse entdecken deutsche Christen auch einen Reiz der Minderheitensituation. So entstehe in der Diaspora eine viel engere Gemeinschaft als in Deutschland, erklärt der 67-jährige Leonhard von Dobschütz. Der Professor, der an der Istanbuler Marmara-Universität lehrt, war bis zum letzten Jahr Gemeindevorsteher. »Wenn es diese Gemeinde nicht geben würde, müsste man sie erfinden«, erklärt er.
Die Gemeinde werde als Kontaktnetz und als Forum unter den Deutschen in Istanbul geschätzt, erzählt von Dobschütz, der mit seiner Frau seit Anfang der 90er-Jahre in Istanbul lebt. Denn ein Großteil der Mitglieder sind entsandte Vertreter von Behörden und Institutionen wie Botschaft, deutsche Schule, Goethe Institut oder Universitäten. »Es gibt kaum ein Problem, für das es hier nicht einen kompetenten Tipp gibt«, beschreibt Nollmann den Vorteil der Gemeinde.
Das Weihnachtsfest in der deutschen Gemeinde werde »klassisch« begangen, erzählt Nollmann. Weil Weihnachten im öffentlichen Leben des islamisch geprägten Landes keine Rolle spiele, hätten viele Deutsche ein großes Bedürfnis nach einem Weihnachtsgottesdienst mit Krippenspiel und allem, was dazugehört. Dass es in der Türkei keinen Weihnachtsrummel gibt wie in der deutschen Heimat, vermisst Nollmann nicht. »Weihnachten in Istanbul ist intensiver und feierlicher«, ist er überzeugt. Die Christen am Bosporus hoffen nun, dass dieses Weihnachten auch ein friedliches Fest wird. | WEIHNACHTEN
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