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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2007 vom 23.12.2007
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Anti-Weihnachten der Ultraorthodoxen

In Jerusalems orthodoxem Viertel Mea Schearim ist der christenfeindliche »Nittel«-Brauch noch lebendig


»Nittel« - der Anti-Weihnachtsbrauch ist bei manchen ultra­orthodoxen Juden noch lebendig.

Chanukka ist nicht »Nittel«: Das christenfeindliche jüdische Brauchtum wurzelt in der Erfahrung von Verfolgung und tödlicher Bedrohung.
Foto: pa
   Chanukka ist nicht »Nittel«: Das christenfeindliche jüdische Brauchtum wurzelt in der Erfahrung von Verfolgung und tödlicher Bedrohung.

Juden feiern kein Weihnachten. Eine fast banale Feststellung: Jesus wird von ihnen nicht als Messias anerkannt, und das Christentum ist aus jüdischer Sicht eine Sekte oder fremde Religion, ähnlich wie das Christentum zum Islam keine theo­logische Beziehung hat.

Wenn sich Juden in Europa oder Amerika dennoch einen Weihnachtsbaum neben den Chanukka-Leuchter ins Wohnzimmer stellen und von »Weihnukka« reden, so ist das eher ein Zeichen von Emanzipation und der Annahme fremder Sitten, nicht aber eine Glaubensaussage. Es ist allerdings kein Zufall, dass das christliche Lichterfest und das einzige nicht-biblische jüdische Fest mit seinen acht anzuzündenden Lichtern in die Winterzeit fallen, wenn alle Menschen auf die Sonnenwende warten.

In der Weihnacht sind die »Klipot«, die Kräfte des Bösen, besonders stark

Aahron Dontscho, Touristenführer und Erforscher von Sitten und Gebräuchen im Heiligen Land, erzählt von einem »Weihnachtsfest«, wie es in den Hochburgen der jüdischen Orthodoxie begangen wird: »An Heilig Abend vertreiben sich die Talmudschüler die Zeit mit Schach- und Kartenspiel. Sie lesen weltliche Zeitungen, was ihnen sonst verboten ist.« Bei den Kabbalisten gebe es sogar ein Verbot, in der Weihnachtsnacht Geschlechtsverkehr zu haben. Dem daraus geborenen Kind drohe, ein »Mumar« zu werden, ein Konvertit zum Christentum, weil in dieser Nacht die Klipot, parasitenhafte böse Kräfte, besonders intensiv umherschwirren.

In jüdischen Enzyklopädien und auf einschlägigen Internet-Seiten wie Hagalil kommt diese »Unsitte« nicht vor. Das Anti-Fest wurde in Osteuropa erfunden und heißt »Nital« oder »Nittel«. Der Begriff könnte aus dem lateinischen »Natalis« (Geburt) stammen, woraus das französische »Noel« entstand, aus dem jiddischen »Nit« für »Nichts« oder vielleicht gar vom hebräischen Wort »Nitlah« (gehängt), zumal orthodoxe Juden von Jesus als dem »Nitlah«, dem Aufgehängten, reden. Die »nittel nacht« wäre demnach entweder die »Nacht des kleinen Nichts« oder die »Nacht des Aufgehängten«.

Elieser Segal, der das jüdische »Nittel« erforscht hat, bezeichnet den ultraorthodoxen Brauch, an Heilig Abend nicht die Tora zu lernen, als »pathologisch, wenn einer auf die eigene spirituelle Erbauung verzichtet, nur um dem anderen seinen religiösen Glauben zu versagen«. Solche Engstirnigkeit sei vielleicht in mittelalterlichen Ghettos nachvollziehbar gewesen, schreibt Segal. Doch diese Sitte auch heute noch weiterzuführen, sei weltfremd.

Die so genannten Litauer, die eigentliche Orthodoxie, wandten sich gegen den Brauch. »Ich würde lieber fürs Tora-Studium in der 'Nittel Nacht' die Hölle sehen, als fürs Kartenspielen in dieser Nacht den Himmel«, sagte der berühmte Litauer-Rabbi Joseph Ber Soloweitschik (1903-1993).

Umso mehr halten ihre Konkurrenten, die Chassiden, diese Nacht für eine finstere metaphysische Voraussicht, die mit größter Wachsamkeit begangen werden müsse.

Die ältesten Erwähnungen dieses jüdischen Anti-Weihnachten stammen von Konvertiten des 17. Jahrhunderts. Der jüdische Volksglaube hielt Jesus für einen Anti-Heiligen, der an Heilig Abend aus Abwasserrohren gekrochen komme, um Ketzer zu bestrafen und Kinder zu ängstigen. Um das zu verhindern, müssten fromme Juden wachsam und nicht durch das Studium ihrer Heiligen Schriften abgelenkt sein. - Der Frankfurter Rabbi Nathan Adler (1742-1800) hielt das Lernverbot dagegen vielmehr für ein Zeichen der Trauer wegen des vom Christentum über die Juden gebrachten Unheils. Sein Schüler, Hatam Sofer von Pressburg, empfahl, dass die Juden nach Mitternacht wieder das Torastudium aufnehmen sollten, weil »der Himmel« sie sonst mit gläubigen Christen verwechseln könnte.

Das Christentum - aus dem Körper des Judentums ausgestoßen

Die fromme israelische Zeitung Hamodia berichtete über eine weitere Unsitte an diesem »Unfest«. Während die Christen feierten, zerriss der größte Admor (Rabbi) Klopapierrollen in einzelne Blätter. So schuf er Vorrat für das ganze Jahr, denn am Sabbat ist es einem frommen Juden untersagt, Papier zu zerreißen. Dahinter stecke die kabbalistische Vorstellung, dass das Christentum »vom Körper des Judentums ausgestoßen worden sei«. Dank kommerziell für den orthodoxen Markt in Israel produziertem »Einzelblatt-Klopapier« sei diese Sitte heute nicht mehr üblich.

Anders Aahron Dontscho, der davon gehört hat, dass diese Sitte im Jerusalemer Viertel Mea Sche­arim noch lebendig sei: »Sie tun es, um jeden Sabbat daran erinnert zu werden, wann sie die Papiere zerrissen haben.«

Das Nital-Fest ist in den Orthodoxenvierteln Jerusalems kein öffentliches Thema. Doch gibt es einen jungen Orthodoxen, der sich durch besondere Neugierde auszeichnet und offen genug ist, selbst über die eigentümlichsten Gebräuche in seinen sonst eher verschlossenen Kreisen zu plaudern. Er bestätigt, dass der Brauch auch heute noch in Mea Schearim lebendig sei. »Wir trinken da Wodka und spucken auf den Boden.«

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Ulrich W. Sahm / Jerusalem

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:01 Uhr

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